Julya Rabinowich: Gefrorene Echos

29. Jänner 2016, 15:01
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Das Wiedersehen mit meinem Teenager-Ich war nicht einfach

Vor Kurzem hat die sentimental veranlagte Redakteurin Heimader ein Interview von mir aus den dunklen Abgründen der ORF-Archive herausgewühlt, in dem ich mit siebzehn Jahr', beeindruckend großgoscherten Ansagen und verängstigter Quäkstimme von meinen Plänen für die Zukunft schwadronierte.

Das Wiedersehen mit meinem Teenager-Ich war nicht einfach. Als visueller Mensch war ich einfach nicht in der Lage, über die frappante Ähnlichkeit zwischen mir, samt eher suboptimal gewählter Undercutfrisur (welche unter die Amnestie lässlicher Jugendsünden fällt), und der runden Gesichtsfläche von Kim Jong-un, der aus unerfindlichen Gründen und, im Unterschied zu meinem Alleingang, trotz sicherlich vorhandenen Stylingberaterschar den exakt gleichen Haarschnitt gewählt hatte, hinwegzusehen.

Im Gegensatz zu ihm strebte ich allerdings schon damals ein Weltbürgertum an. Die EU war noch nicht einmal aus der Taufe gehoben. Offene Grenzen waren denkunmöglich. Der Eiserne Vorhang stand noch. Keiner von uns konnte sich vorstellen, ihn je wieder queren zu können. Der Eiserne Vorhang war hinter uns gefallen wie der letzte Vorhang einer Derniere. Man kann nicht in die Vergangenheit zurück reisen. Sie färbt aus, verweht.

Die UdSSR war zwar realiter noch vorhanden, für uns aber war sie eine teils erzwungene Vergangenheit: das System verlassen war eine Sache. Alle Freunde und Verwandte mit dem Zuschlagen der Tür eines Flugzeugs Richtung Wien zu verlieren, war aber doch eine ganz andere. Rare Telefonate, die wir mit ihnen führen durften, wurden überwacht, und sobald dem Bediensteten, der stumm unseren Gesprächen beiwohnte, irgendetwas am Verlauf der Diskussion seltsam schien, drückte er den Knopf, und die Leitung war tot. Wir hatten St. Petersburg verloren und St. Petersburg uns. 1987.

Mein Vater war noch am Leben. Meine Großmutter. Meine Totalrebellion stand erst bevor. Wir saßen alle gemeinsam am Tisch, versammelt um den Samowar: eine vollzählige Familie, die nichts von der so kurzen Zeitspanne der Gemeinsamkeit ahnte. Alle glücklichen Familien sind ähnlich, aber selbst die unglücklichen glauben oft, doch noch glücklich zu sein. Meine Großmutter schenkte uns Tee ein. Ich drückte die Stopptaste und ließ diese Parallelwelt noch ein wenig neben mir stehen.

Ein gefrorenes Echo. (Julya Rabinowich, 29.1.2016)

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