"Leninopad": Wie die Blätter im Herbst

29. Jänner 2016, 17:21
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Anna Jermolaewa in der Wiener Galerie Kerstin Engholm

Eine monumentale Leninstatue liegt auf dem Boden der Galerie. Die Beine sind abgebrochen, und auch der Kopf hat die "Dekommunisierung" nur in abgetrennter Form überstanden. Im April vergangenen Jahres verabschiedete die ukrainische Regierung ein Gesetz gleichen Namens, das mit kommunistischen oder nazistischen Ideologien verbundene Symbole wie Denkmäler und andere Kunstwerke im öffentlichen Raum für illegal erklärt.

Anna Jermolaewa, 1970 in St. Petersburg geboren, hat die Ukraine im Sommer 2015 bereist und den verordneten "Sturm" auf die Denkmäler dokumentiert: Die 48 nun in der Galerie Kerstin Engholm ausgestellten Aufnahmen zeigen ausschließlich Sockel. Auf manchen sieht man noch "Lenin"-Überreste, auf anderen weht eine ukrainische Fahne; einige sehen wie demolierte minimalistische Kunstwerke aus. Was die, in dichter Hängung präsentierte Fotoserie damit sehr schön vermittelt, ist zudem die nun gähnende (ideologische) Leere im Zentrum der Dörfer, Gemeinden und Städte.

Da in der Ukraine nach 1989 noch viele Ex-Kommunisten politische Funktionen hatten, haben die Lenin-Denkmäler bis dato nicht weiter gestört. Nach der Besetzung der Krim erhielten sie jedoch wieder eine polarisierende Wirkung; ein Video verdeutlicht das: Für sie wäre das Lenin-Denkmal ein Stück Geschichte, erzählt eine Passantin, die den Abbruch nicht wirklich versteht. Jermolaewa traf aber auch Leute, die eine Wiedererrichtung der nun wie "Blätter im Herbst" fallenden Lenin-Statuen gefreut hätten.

Zwischendurch gibt es zwar auch Statements, die den Ikonoklasmus befürworten, für die Mehrheit ist die Auslöschung ihrer historischen Identität jedoch problematisch. Ihre insgesamt sehr differenzierten Meinungen zur Denkmalskultur hätte man sich aufgrund der Brisanz des politisch aufgeladenen Konfliktes eigentlich nicht erwartet.

Aber dass der einzeln Befragte sich oft viel vernünftiger äußert, denn als Teil einer Gruppe, führt Jermolaewa auch in einer anderen Arbeit vor Augen: Die Installationen Both white (after Valeria Mukhina) und Number two basieren auf Experimenten zu Konformität, die in der 1970er-Jahren in den USA bzw. der Sowjetunion durchgeführt wurden.

Die augenscheinlichen Tatsachen – etwa die unterschiedliche Länge von Stäben – ignorierend, entschieden sich die US-Probanden für die "Wahrheit" der Gruppe. In der Sowjetunion hielten die Forscher die Menschen für weniger willfährig und wiederholten den Test mit einer schwarzen und einer weißen Pyramide. "Both white" lautete die auch dort der Meinung der Gruppe folgende Antwort.

Die Künstlerin zeigt die von den Wissenschaftern verwendeten Utensilien: Diese erzählen nicht nur eine sehr spannende (wissenschafts-)historisch Geschichte, sondern stellen indirekt die Frage, ob das Ergebnis bei derselben (freilich höchst manipulativen) Ausgangslage heute wirklich so ganz anders ausfallen würde. (Christa Benzer, 29.1.2016)

Bis 5. 3., Galerie Kerstin Engholm

Schleifmühlgasse 3 A, 1040 Wien

  • Der "gefallene Lenin" ist Teil des Projekts "Leninopad" (2015).
    foto: stefan lux

    Der "gefallene Lenin" ist Teil des Projekts "Leninopad" (2015).

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