Norbert Gstrein: Unmögliche Perspektiven, unsicheres Terrain

31. Jänner 2016, 09:00
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Der neue Roman "In der freien Welt" erzählt über den Brandherd Naher Osten und zeichnet einen Konflikt, in dem es kaum eine Geschichte gibt, die man nicht nach demjenigen beurteilen sollte, der sie erzählt

Niemand wird auf die Idee kommen, Norbert Gstrein einen konfliktscheuen Autor zu nennen: Nach der Auseinandersetzung mit Themen wie jüdischem Exil oder dem Jugoslawienkrieg, nach Büchern, die immer wieder Irritationen und einmal einen kleinen Skandal ausgelöst haben, bewegt sich sein neuer Roman in einer Materie, die man nur deshalb nicht als rhetorisches Minenfeld bezeichnen kann, weil die Metaphorik so unangebracht wäre. In der freien Welt ist das Porträt eines fiktiven amerikanisch-jüdischen Autors, die Geschichte seiner Ermordung vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts.

Mit nur ein wenig Zynismus könnte man sagen, dass dieser Konflikt zu den zeitlosen Themen gehört, und von ebenso unausgesetzter Aktualität ist die Schwierigkeit, über Israels Politik zu sprechen, ohne in eine ideologisch prekäre Lage zu geraten. (Dem deutschen PEN-Club etwa wurde erst kürzlich vorgeworfen, in einer Aussendung zur staatlichen Kontrolle von NGOs in Israel eine antisemitische Formulierung verwendet zu haben.)

Protokollant vieler Stimmen

Die Illusion, dass es die eine, verbindliche Wahrheit gibt, lässt Gstreins Roman hinsichtlich seiner Hauptfigur und des den Hintergrund bildenden Konflikts gar nicht erst aufkommen. Stattdessen verbindet er alle möglichen und unmöglichen Perspektiven dazu: Israelis, israelische Oppositionelle, Palästinenser, amerikanische Zionisten, österreichische "Täterkinder", Zaungäste aus aller Welt kommen zu Wort. Protokollant dieser Stimmen und Icherzähler ist Hugo, ein österreichischer Autor, der das Leben seines verstorbenen Freunds John recherchiert. Er befragt Freunde, ehemalige Geliebte, den Bruder des Toten; währenddessen hält er auch Kontakt zu einer Gruppe um den palästinensischen Autor Marwan, der John in Österreich bei einer Podiumsdiskussion kennengelernt hat und nun nach dessen Ermordung mit möglichem Täterwissen hausieren geht. In diesen Gesprächen eröffnet sich nicht nur ein Kaleidoskop an sich gegenseitig widersprechenden Meinungen, löst sich nicht nur die naive Hoffnung des Erzählers, unbeteiligter Beobachter bleiben zu können, in Luft auf; er findet auch die eigenen teils idyllischen Erinnerungen an seine Zeit mit John an jeder Ecke widerlegt.

In den Dialogpassagen, die einen guten Teil des Romans ausmachen, rattert der Text vor sich hin, flott und makellos, wie es der gesprochenen Sprache nicht wirklich entspricht, zwischendurch formelhaft, wie es der Distanziertheit des Icherzählers sehr wohl entspricht, und gewissermaßen mechanisch: Es ist die virtuos austarierte Gstrein'sche Erzählmechanik, die hier abläuft, und die ist bekanntlich eine Mechanik von Falltüren.

Identität etwa ist in diesem Roman immer unsicheres Terrain, meist bloß die Behauptung anderer; dabei wäre die Frage, wer man 'ist' (bzw. zu welcher Seite zu gehören einem zugemutet wird), vor dem gewählten Hintergrund der Diaspora und des Nahostkonflikts von besonderer Brisanz. Andere Autoren (wie Doron Rabinovici in Andernorts, 2010) reagieren darauf mit der Tragikomik latenter und akuter Verwechslungen, Gstrein mit zunehmender Verunsicherung. Die hat ihre Ursache schon im Objekt der Recherche: John, Sohn einer Holocaust-Überlebenden, verabscheut zugleich das Bild des "Juden als Opfer"; er ist überzeugter Zionist, während die Traumata, die von seiner Teilnahme am ersten Libanonkrieg stammen, seine Haltung zu Israel vor eine schwere Probe stellen: "Als die ersten Soldaten aus dem Libanon zurückkehrten, war dem ganzen Land klar, dass dort furchtbare Dinge geschahen. Wer bis dahin geglaubt hatte, die israelische Armee könne keine schmutzigen Kriege führen, sei innerhalb weniger Wochen eines Besseren belehrt worden", lässt Hugo seinen Freund erzählen.

In seiner Anlage ähnelt In der freien Welt Gstreins schon 1999 erschienenen Englischen Jahren, ist sozusagen der dazugehörige Komplementär-Roman: Hier wie dort geht es um die – vergebliche – Rekonstruktion des Lebens eines jüdischen Autors in Gesprächen mit Hinterbliebenen. Während es sich aber in den Englischen Jahren um einen krassen Fall von Identitätsdiebstahl handelt – ein deutscher Nichtjude reüssiert literarisch unter einer angemaßten jüdischen Identität -, ist es hier ein und dieselbe Person, die dem Erzähler trotz jahrelanger Freundschaft immer fremder wird und die in ganz gegensätzlichen Masken erscheint: John als Frauenheld, als Künstler, als Soldat, als Lügner, John der Sentimentale, der Unbesiegbare, der Verzweifelte.

Die Widmung des Romans nennt übrigens Alan Kaufman, einen mit Gstrein bekannten amerikanischen Autor, dessen Autobiografie frappant mit der Johns übereinstimmt – und der wiederum ist hier in keineswegs nur schmeichelnden Farben gemalt. Der skandalträchtigen Lesart als Schlüsselroman ist ein Riegel in Form einer Präambel vorgeschoben ("ich bin nicht ich, er ist nicht er (...), die alte Geschichte"), ein Double Bind, zugleich Absicherung und Spiel mit der Erwartung des Publikums (was in dieser Kombination an die Turbulenzen um Gstreins Das Handwerk des Tötens erinnert).

Zum Skandal wird es wohl, allen Befürchtungen und Hoffnungen zum Trotz, nicht kommen, weil der Text diesen gleich vorwegnimmt: Und zwar in den Szenen im heimischen Kulturbetrieb, die mit sichtlicher Freude am Austeilen beschrieben werden und in der Lektüre eine erholsame Pause von der "echten" Welt bieten; alles hier ist ekelhaft, aber größtenteils ungefährlich (und sehr amüsant). Von einem skrupellosen Feuilletonisten jedenfalls wird dem Erzähler die Formulierung vom "Juden als Täter" in den Mund gelegt, der Shitstorm ist dementsprechend.

Verbale Drastik

Mit dem "Juden als Täter" wäre nur ein Beispiel für die verbale Drastik des Romans genannt. Die Rede ist außerdem von "Anne Frank mit dem Palästinensertuch", einem "dreckigen Juden" steht das "Täterkind" gegenüber: jede Äußerung für sich geeignet zur verbalen Brandstiftung, wäre da nicht die mehrfache Rahmung, die in Gstreins Konstruktion jede Aussage gleich wieder vor ihr Gegenteil stellt. So zeichnet das Buch einen Konflikt, in dem es kaum eine Geschichte gibt, die man nicht nach demjenigen beurteilen sollte, der sie erzählt. Gstrein wird seinem Thema gerade dadurch gerecht, dass er einen "wahren Kern" gar nicht treffen will, sondern die Vorzeichen seiner Perspektiven in ständigem Wechsel hält.

Zugleich tut das der Wirkung von Gstreins Prosa, der Atmosphäre der Schauplätze keinen Abbruch; auch Pathos (etwa in einer Erinnerung an eine Wanderung in der Negev-Wüste) und mitunter Sentiment finden über die Wahrnehmungen des Erzählers Eingang in den Text und lassen sich als Gegengewicht zur alles revidierenden Skepsis der Konstruktion lesen. Dass der Erzähler früh bekennt, ebenfalls nur eine weitere Version von John hinstellen zu wollen, ist nur konsequent, sein emotionales Engagement liegt offen zutage. Um aber hinter seine morbide Ader, seine Besessenheit zu kommen, dazu braucht es dieses Spiegelkabinett an Meinungen, in dem auch von ihm die verschiedensten Bilder umgehen.

Die Demontage des Erzählers gehört zu der im Roman intensiv betriebenen Reflexion des literarischen Schreibens, zu all den Erörterungen der prinzipiellen Unzuverlässigkeit des Erzählens – womit der Text unübersehbare Lektüreanleitungen parat hält. Es stattdessen tatsächlich der Lektüre zu überlassen, die Worte des Erzählers in die richtige Distanz zu rücken, war wohl ein Risiko, das Gstrein diesmal nicht eingehen wollte. Nichtsdestotrotz gehören einige dieser poetologischen Stellen zu den eindringlichsten des Romans: Da gibt es zum Beispiel ein Gemälde, ein in seiner Beschreibung an die Werke Bacons erinnerndes Selbstbildnis des Verstorbenen, Self Portrait as a hated Jew – von einer Universitätsangestellten aus Ramallah reflexhaft umbenannt in Self Portrait as a hating Jew -, das den Erzähler in Angst und Schrecken versetzt. Dennoch kauft er es, und als er es für den Transport zusammenrollt, "ließ es sich nicht vermeiden, dass die Ölfarbe da und dort brach, aber wenn ich auf die ersten knackenden Geräusche noch mit Panik reagierte (...), störten sie mich schnell nicht mehr, und die entstehenden Risse gehörten für mich zur Geschichte des Bildes." (Bernhard Oberreither, Album, 31.1.2016)

Norbert Gstrein, "In der freien Welt", € 25,60 / 496 Seiten. Hanser- Verlag, München, 2016. Das Buch erscheint am 1. Februar.

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    foto: gunter glücklich

    Norbert Gstrein: Der skandalträchtigen Lesart seines Romans als Schlüsselroman ist ein Riegel in Form einer Präambel vorgeschoben: "ich bin nicht ich, er ist nicht er (...), die alte Geschichte"

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