Orhan Pamuk: Ein türkischer "Jedermann"

Interview30. Jänner 2016, 09:00
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In seinem neuen Roman "Diese Fremdheit in mir" erzählt der Nobelpreisträger die Geschichte des harten Lebens eines einfachen Mannes, der die Veränderungen Istanbuls und der Türkei symbolisiert

Orhan Pamuk will über sein neues Buch reden, nicht so sehr über Politik. Er ist als Kritiker des türkischen Nationalismus und Autoritarismus ausreichend ausgewiesen, lässt er durchblicken – schon 2005 versuchte man ihn wegen "Beleidigung des Türkentums" gerichtlich dranzukriegen, als er den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg thematisierte. In seinem Roman "Schnee" kommt nach seiner Eigenaussage "Jeder, jede wichtige Strömung, zu Wort: die Türken und die Kurden, die Nationalisten, die Säkularisten, die Armee, die Gläubigen und die islamistischen Fundamentalisten". Aber jetzt, im Interview mit dem STANDARD, will er über sein neues Buch reden und dessen Hauptfigur, einen armen, ungebildeten Zuwanderer aus der anatolischen Provinz in die teilweise verwestliche Metropole Istanbul.

Dieser Mevlut, ein Straßenverkäufer, konservativ, voll "Widerstand gegen die Moderne", ist aber selbstverständlich eine politische, gesellschaftspolitische Figur. Ein türkischer "Jedermann". Er symbolisiert die Veränderung Istanbuls in den vergangenen Jahrzehnten. Als Pamuk 1952 geboren wurde, hatte Istanbul eine Million Einwohner, heute sind es 15 Millionen, überwiegend durch Zuzug aus der Provinz. Hatte Pamuk bisher überwiegend aus der Erfahrung seiner großbürgerlichen Familie geschrieben, wollte er nun "in diesem Roman keinen einzigen Vertreter der Mittelklasse haben". Der Roman dreht sich um die Türkei, die bisher vom Westen mit Blick auf die verwestlichten Eliten vernachlässigt wurden: arme, ungebildete Dörfler, die in die Stadt zogen, sozial konservativ, fleißig, Familienmensch, religiös. Erdogan-Wähler.

Pamuk will dieser Schicht offenbar Gerechtigkeit angedeihen lassen. Er selbst ist Säkularist, fordert aber, die Religiosität des Volkes nicht zu missachten, auch in der türkischen Diaspora in Europa. Seit seinem Nobelpreis 2006 ist er vor Verfolgung durch den autoritären Staat besser geschützt, aber er will sich weniger als politischen Aktivisten sehen, sondern als einen Beschreiber von Zuständen. Die immer mehr eingeengte Redefreiheit in der Türkei Erdogans erachtet er allerdings als das größte Problem des Landes. Und nach dem STANDARD-Interview kritisierte er die Verfahren und die Verhaftung von mehr als tausend Wissenschaftern, die sich gegen den Krieg der Armee in den kurdischen Gebieten ausgesprochen hatten.

STANDARD: Es ist ein hartes, einfaches Leben eines Mannes in Istanbul, das Sie in Ihrem neuen Roman beschreiben. Man hat den Eindruck, dieser Mevlut ist Ihnen sehr nah.

Pamuk: Als ich den Roman schrieb, sagte ich zu einem Freund, dass ich allenfalls damit leben könnte, wenn den Lesern das Buch nicht gefällt. Wirklich unglücklich aber hätte es mich gemacht, wenn die Leser diesen Mevlut Karatas nicht mögen würden. Sie mögen zum Glück beides, Mevlut und seine Geschichte. Bisher war "Rot ist mein Name" mein populärstes Buch in der Türkei. Es verkaufte sich in 16 Jahren 250.000-mal, so viel hat "Diese Fremdheit in mir" innerhalb von 16 Wochen verkauft.

STANDARD: Mevlut ist eine für Ihr Werk unübliche Figur, normalerweise bewegen sich Ihre Protagonisten eher im bürgerlichen Milieu.

Pamuk: Mevlut ist fünf Jahre jünger als ich und kommt aus einem Dorf in Zentralanatolien. Die Armut dort ist groß, so groß, dass der Vater das Dorf verlassen und sein Geld in Istanbul verdienen muss. Nach Abschluss der Grundschule folgt ihm der zwölfjährige Mevlut. Einerseits, um in der Stadt die Sekundarschule zu besuchen, andererseits will er seinem Vater beim Verkauf von Joghurt und Boza (ein leicht alkoholisches Hirsebier, Anm.) helfen. Die legitime Frage lautet nun: Orhan, du bist ein säkularer Bürgerlicher aus der Mittelklasse, was willst, was kannst du denn von Mevlut wissen? Mit dieser Frage wurde ich in der Türkei ziemlich terrorisiert, und es ist auch der Grund, warum ich sechs Jahre zum Schreiben des Romans benötigte. Die Recherche war sehr aufwendig, weil sie aus zahlreichen Interviews bestand, mit Stand- und Ladenbetreibern beispielsweise, mit pensionierten Polizisten, mit Rechnungseintreibern vom Elektrizitätswerk und eben auch mit Boza-Verkäufern. Letztere kommen alle aus derselben Region der Türkei, die ich besucht habe. Ich habe viel Stoff gesammelt, viel enzyklopädische Information.

STANDARD: Auch im Ton unterscheidet sich Ihr neuer Roman von Ihren anderen Büchern. Lernen wir hier einen anderen, neuen Orhan Pamuk kennen?

Pamuk: Der Roman ist in einer fast Charles-Dickens-haften Art, im Ton des 19. Jahrhunderts erzählt. Am Anfang dachte ich: Zur Hölle mit all den modernen, postmodernen und experimentellen Vorgaben, diesmal schreibe ich eine altmodische Geschichte. Wobei ich dann bei der Arbeit am Roman und beim Arrangieren des Stoffes merkte, dass der spielerische Postmodernist in mir immer noch lebendig ist. Zum Glück. Allerdings stellten sich zwei Probleme. Das eine war, ich wollte die geschilderte Armut nicht melodramatisch bedauern. Ich rede nun zwar schon wie ein Literaturprofessor, aber es ist eine Tatsache, dass das Leben sogenannter einfacher Leute in Romanen fast immer durch die Augen eines Intellektuellen aus der Mittelklasse geschildert wird. Ich wollte in diesem Roman keinen einzigen Vertreter der Mittelklasse haben. Wobei es einige Figuren gibt, die am Beginn arm und am Schluss sehr reich sind.

foto: matthias cremer
"Die Armut dort ist so groß, dass der Vater das Dorf verlassen und sein Geld in Istanbul verdienen muss."

STANDARD: Ökonomische Veränderungen sind ein wesentliches Thema des Romans.

Pamuk: Ich bin, wie gesagt, kein Spross der Arbeiterklasse, habe aber diese – auch ökonomischen – Entwicklungen in meiner Kindheit von außen gesehen. Wie im Roman sah ich die Boza-Verkäufer mit ihren langen Stangen über den Schultern, an deren Enden die mit Boza gefüllten Kannen hingen, durch die Straßen gehen. Bis Mitte der 1970er-Jahre gab es ja kein abgepacktes Joghurt, dann kam Keramik, dann Flaschen aus Glas, schließlich Karton und Plastikverpackungen. All diese Details versuchte ich wie in einer Chronik festzuhalten. Es geht mir um das, was ich die Mikrogeschichte der Veränderung Istanbuls nenne. Zudem versuchte ich Leben und Gedanken eines Jedermanns zu zeigen. Mevlut ist ein Jedermann, den ich aber wie einen Dostojewski-Helden behandle. Oder wie einen Tolstoi-Helden, indem ich versuche, in seiner tiefen Humanität eine Art aristokratischen Geist zu zeigen. Ich glaube, dass Menschlichkeit im übertragenen Sinne immer mit einer aristokratischen Gesinnung zu tun hat. Ich wollte unbedingt der ethischen Gefahr entgehen, einer Figur aus der sogenannten unteren Klasse weniger Humanität zuzugestehen. Mit großem Aufwand versuchte ich der moralischen Pflicht nachzukommen, Mevluts Menschlichkeit auf 600 Seiten auszubreiten und ihn als vielschichtigen Menschen zu zeigen – und das, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Es geht um einen Mann, der zwanzig Jahre mit seiner Frau, die dann stirbt, und zwei Kindern in einem relativ kleinen Raum verbringt.

STANDARD: Sie haben einmal geschrieben, es sei die Aufgabe des Schriftstellers, die eigene Geschichte so zu erzählen, als erzähle er die eines anderen, und die Geschichten der anderen so, als wäre es seine eigene.

Pamuk: Wenn etwas am Schreiben politisch ist, dann nicht, dass man als Autor herumposaunt, welche Partei man wählt. Ich halte es mit Bertolt Brecht, der auf Literatur und Schriftsteller bezogen meinte: Wenn sie dich zu Politik befragen, zeige nicht deinen Parteiausweis, zeige dein Werk. Romankunst ist schon deshalb politisch, weil sie auf zwei Dingen basiert: dem Drang, sich auszudrücken, den ich hier einmal weglasse, und dem Bedürfnis, sich mit anderen Menschen zu identifizieren, die vom Geschlecht her oder geografisch, wirtschaftlich und sozial nicht dieselbe Perspektive auf die Welt haben. Es geht darum, kraftvoll und spielerisch die Freude, das Begehren, die Liebe, den Schmerz, die Wut, den Wahnsinn anderer zu zeigen und so den Versuch zu unternehmen, sie zu verstehen – oder zumindest zu respektieren. Literatur ist eine kolossale menschliche Errungenschaft, die auch auf Mitleid und Mitfühlen fußt.

STANDARD: Könnte man "Diese Fremdheit in mir" nicht auch als Roman über Migration lesen?

Pamuk: In zwei Monaten wird die jetzige Idee von Immigration nicht mehr dieselbe sein, trotzdem eine politische Anmerkung. Mevlut migriert, aber seine Migration ist weicher als die von syrischen oder afghanischen Flüchtlingen nach Europa. Mevlut muss weder seine Sprache noch die Kultur oder das Land wechseln. Klar, er kommt aus einer bäuerlichen Umgebung, aber ich sehe das Bäurische nicht in ihm. Er ist ein urbaner Mensch, und Modernität und Urbanität der nächsten Generationen werden von solchen Mevluts geprägt sein.

STANDARD: So, wie die gegenwärtigen Migrations- und Flüchtlingsströme auch die europäischen Städte verändern werden?

Pamuk: Momentan kommen viele Immigranten nach Europa, vor allem nach Deutschland. Sie werden das Land vermutlich nicht so radikal verändern, wie Mevlut Istanbul veränderte. Als ich geboren wurde, hatte Istanbul eine Million Einwohner, als der imaginäre Mevlut es in den 1960er-Jahren betritt, sind es 2,5 Millionen, am Ende des Romans hat die Stadt 15 Millionen Einwohner. Immigration ist aber nicht der Schlüssel zum Verständnis dieses Buches. Primär ist Mevlut einer, der mit seiner Mutter, die im Dorf bleibt, das Zentrum seines Lebens verliert. Er schafft sich in Istanbul ein neues Zentrum, er bringt allerdings eine konservative Kultur, Religiosität und Widerstand gegen die Moderne mit. Er besitzt aber auch eine urbane Modernität in dem Sinn, dass er beweglich ist und immer versucht, Regulationen zu umgehen und Neues zu erfinden. Es waren Leute wie Mevlut, die neue Formen des Essens, der Gastronomie, neue Läden und neue Jobs erfunden haben. Ich versuchte diese Dimension in einer ausbalancierten, detaillierten Art zu zeigen. Der Roman war daher anfänglich viel länger, ich musste streichen, streichen und wieder streichen.

foto: matthias cremer
Orhan Pamuk: "Behandelt die Flüchtlinge mit Würde – und sie werden deutscher als ihr sein."

STANDARD: Wie sieht die sogenannte Flüchtlingskrise aus türkischer Perspektive aus?

Pamuk: Im August, bevor das Foto des toten Jungen am Strand von Bodrum durch die Medien ging, waren zwei Millionen Flüchtlinge in der Türkei. In England und anderen Ländern waren es ein paar tausend. Man diskutierte dort unter großem Klagen, ob man vielleicht noch 500 weitere aufnehmen sollte. Daher respektiere ich Angela Merkels Entscheidung, 800.000 aufzunehmen, sehr. Ich war sehr beeindruckt, bin allerdings auch ein wenig misstrauisch und hoffe, es geht weiter in diese Richtung. Als Türke bin ich darüber glücklich, aber ich warne die Deutschen. Behandelt die Flüchtlinge nicht wie die Türken vor vierzig, fünfzig Jahren, gebt ihnen Papiere, Würde, Staatsbürgerschaft und Verantwortung. So könnte es funktionieren, befremdet sie nicht, indem ihr sagt: Ihr habt die falsche Religion, die falsche Sprache und so weiter, behandelt sie also mit Würde – und sie werden deutscher als ihr sein. So wie Mevlut ein neues Istanbul schafft, werden sie ein neues Deutschland machen. Vielleicht glaube ich naiverweise an den Multikulturalismus. Ich will aber naiv bleiben. Das ist der einzige Weg, wie wir überleben werden, der einzige Weg, auf dem wir uns gemeinsam friedlich entwickeln können. Die Zukunft der Menschheit liegt in großen Organisationen wie der EU oder den Vereinten Nationen, an die ich eher glaube als an von wütenden Nationalisten dominierte Nationalstaaten.

STANDARD: Man hat den Eindruck, in der Türkei sieht man immer mehr Kopftücher.

Pamuk: Das ist ein kontroversielles Thema. Ja, der politische Islam ist die letzten 13 Jahre an der Macht in der Türkei, aber wenn Sie die Türken fragen, was in diesen 13 Jahren negativ war, sagen nur fünf Prozent der Befragten, sie würden sich vor einer Ausbreitung der Religion fürchten. Vielmehr beklagen sich die Menschen über zunehmenden Autoritarismus und die gefährdete Redefreiheit. Es gibt allerdings Forscher von Universitäten, die sagen, die Türkei gehe in Richtung einer zunehmenden Religiosität, andere wiederum meinen, das stimme nicht. Der politische Islam geht zweifellos in diese Richtung, nicht aber die ganze Nation. Man muss dabei die Details beachten. Der traditionelle westlich-soziologische Ansatz lautete immer: Diese armen Leute, um die es in meinem Roman "Schnee" geht, glauben nur so stark an ihren Gott, weil sie arm sind. Und, so die These, wenn die Armut beseitigt ist, werden sie modern und säkular. Ich glaubte immer an diesen Ansatz und tue es noch. Man kann die Türkei als ökonomisch boomendes Land in den letzten 14 Jahren in Beziehung zu den von mir auch im Roman geschilderten konservativen anatolischen Geschäftsleuten setzen, die es zu Wohlstand brachten. Ich glaube nicht, dass diese Geschäftsleute mehr Religion wollen. Ich sehe eher, dass sie wahrgenommen werden wollen und auf westliche Produkte oder globale Kultur stehen.

STANDARD: Klingt so, als gäbe es in der Türkei keine Probleme.

Pamuk: Wenn es etwas gibt, das ich an der Türkei radikal kritisiere, dann ist es die Einschränkung der Redefreiheit. Redefreiheit ist in diesem Land aber weniger für die Schriftsteller eingeschränkt. Als Schriftsteller komme ich nur in Schwierigkeiten, wenn ich zu explizit über Sex schreibe. Journalisten oder politische Kommentatoren, die die Regierung und vor allem Erdogan offen kritisieren, bekommen hingegen schnell Probleme. Wir haben in der Türkei keine Redefreiheit, wobei es viele mutigen Leute gibt, die ihre Stimme erheben, aber marginalisiert werden, weil sie das vor allem auf Websites oder in kleinen Tageszeitungen tun können.

STANDARD: Sie hatten ja auch einschlägige Erfahrungen mit der Justiz …

Pamuk: Als ich 2005 thematisierte, was in den osmanischen Zeiten mit den Armeniern passierte, lief ich Gefahr, ins Gefängnis geworfen zu werden. Wobei die Gerichtsverhandlung weniger schlimm war als die Medienkampagnen, die gefahren wurden. Trotzdem gibt es in den letzten zehn Jahren Fortschritte. Wenn ich auf einer nicht allzu bekannten türkischen Website Kritik anbringe, wird nichts passieren, tut man es aber in den großen, überregionalen Zeitungen, kann das einen sehr schnell in Schwierigkeiten bringen. Das gilt auch für politische Kommentatoren. In kleineren, nicht so bekannten Medien können Sie alles sagen, wenn Sie Erdogan oder andere wichtige Leute wie Polizeichefs nicht angreifen oder namentlich nennen. Tut man es trotzdem, rufen sie zunächst den Herausgeber der Zeitung an, und zwar nicht nur einmal, sondern fünfzigmal, um zu deponieren, dass der unbequeme Journalist hinausgeschmissen gehört, weil sonst Bußen ausgesprochen oder andere Maßnahmen angedroht werden. Lenkt die Zeitung nicht ein, organisieren die Parteien, die wie Berlusconi eigene Medien besitzen, in den eigenen Zeitungen Kampagnen, die vor wenig zurückschrecken und auch die Familie des Journalisten aufs Korn nehmen. Wenn dann immer noch nicht Ruhe ist, schrecken sie auch vor körperlichen Drohungen und schlussendlich Gewalt nicht zurück. Ahmet Hakan beispielsweise, einer der bekanntesten Kolumnisten einer großen Tageszeitung, wurde zusammengeschlagen. Nichts passierte, obwohl der Angriff offensichtlich politisch motiviert war. Nützt auch das nichts, wird man vor Gericht gestellt. Die Anklage lautet dann oft: Herabwürdigung des Türkentums, Herabwürdigung der Armee oder was auch immer. So passierte es auch meinem Freund Can Dündar, dem Chefredakteur der größten oppositionellen Tageszeitung "Cumhuriyet" in der Türkei. Er wurde wegen Spionage und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ins Gefängnis geworfen (nachdem er über türkische Waffenlieferungen nach Syrien berichtet hatte, Anm.).

foto: matthias cremer
"Ich habe viel Frauensolidarität erlebt, weil ich als 'Apartment Boy' aufwuchs. Das hieß: wenig hinausgehen, nicht kämpfen und spielen auf der Straße, nah bei der Mutter bleiben."

STANDARD: In "Schnee" beschreiben Sie, wie sich in Kars junge Mädchen umbringen, weil sie von den kemalistischen Autoritäten gezwungen werden, ihre Kopftücher abzulegen. Was hat das für Gründe?

Pamuk: Islamisten oder Konservative stellen sich gern als Opfer dar. Es gibt viele Autobiografien des Titels "Mein Kampf als Kopftuchmädchen". Eines dieser Mädchen in den 1990ern war ziemlich radikal, es schrieb allerdings kein Buch darüber. Ihr Name ist Hayrünnisa Gül, die Frau des Präsidenten im Ruhestand, Abdullah Gül. Sie war sehr militant und ging trotz des seit Atatürk geltenden Kopftuchverbots an öffentlichen Schulen und Universitäten mit dem Kopftuch an die Uni. Sie ging in dieser Sache sogar mit anderen Klägerinnen bis vor den Obersten Menschengerichtshof in Straßburg, der sich aber gegen die Klägerinnen und im Sinne des türkischen Staates aussprach.

STANDARD: Was ist die Motivation, was geht in der Psyche eines Fundamentalisten vor?

Pamuk: Ich denke, es ist falsch zu fragen, was in der Psyche von diesem oder jenem vorgeht. Es gibt sehr rassistische und xenophobe Bücher der Art "die arabische Psyche", die "türkische" oder "konservative" Psyche. Ich glaube, das ist die falsche Rhetorik. Ich glaube an die Menschenrechte, an Meinungsfreiheit, Minderheitenschutz, Demokratie et cetera. Ich habe keine andere Utopie als die Durchsetzung dieser Werte, die wir übrigens von Europa lernen können. Das ist schon immer meine politische Agenda gewesen. Wir müssen alles im Licht dieser Werte betrachten, statt immer zu pauschalisieren und von den Arabern, den Christen, den Kopftuchmädchen oder den Säkularen zu reden. Diese Kategorien führen zu nichts. Man redet dauernd von dem Islam. Klar gibt es radikale fundamentalistische Killer, die in meinem Buch "Schnee" eine Rolle spielen, es gibt aber auch islamische Parteien, die ungefähr so konservativ sind wie Merkels CDU. Wenn man alles unter politischem Islam subsumiert, kommt man nicht weiter, weil dieser viele Ausprägungen hat. Erdogan verfolgt einen politischen Islam, der ihn allerdings nicht daran hindert, mit den USA Syrien zu bombardieren. Es ist kompliziert. Mit der weltweit verbreiteten Islamophobie und dieser Art von Rhetorik wird man nicht verstehen, was auf der Welt passiert. Wenn Sie beispielsweise nur den Koran lesen, um daraus abzuleiten, warum die Leute aufeinander losgehen, werden Sie nichts verstehen. Man versteht den Zweiten Weltkrieg auch nicht, indem man die Bibel liest – obwohl es ein christlicher Krieg war. Natürlich wird der Koran missbraucht und Religion mit Politik vermischt, was übrigens die Verfassung der Türkei als am meisten säkulares islamisches Land verbietet. Nun möchte ich wieder über Mevlut reden ...

STANDARD: ... oder über seine Frau und ihre zwei Schwestern. Es sind erstaunlich starke Frauen.

Pamuk: Freut mich, das zu hören. Ich sage bei meinen Auftritten in der Türkei jeweils: Das ist mein erster feministischer Roman. Wir haben vorhin über die moralische Verpflichtung des Romanschreibers gesprochen. Ich versuchte auch, mich möglichst gut in die Frauen und ihren Ärger hineinzufühlen. Es gibt viele Gründe dafür, in der Türkei Feminist zu sein, hier ein paar: 65 Prozent des Besitzes in der Türkei sind auf die Männer registriert. Ganz zu schweigen von der Unterdrückung, dem Kleinmachen der Frau, die sämtliche Arbeiten im Haus verrichtet. Das weiß man, dazu brauchte ich nicht zu recherchieren. Ich ging in eine amerikanische Mittelschule der Oberklasse in Istanbul, in der wir auch eher konservativ, traditionell eingestellte Mitschüler hatten. Einer war ein guter Freund von mir, den ich besuchte. Ich staunte natürlich, dass seine Mutter das Kopftuch trug und er sie herumkommandierte: Mama, mehr Tee, Mama dies, Mama das. Das ist also recht autobiografisch. Doch zurück zur Wut der Frauen. Meine Mutter hatte eine ältere und eine jüngere Schwester, ab und zu kamen sie zusammen, um zu plaudern, über ihre Männer zu reden und in zuweilen sehr witzigen Gesprächen ihre Wünsche, Ängste, aber auch ihre Wut über die Unterdrückung der Frau zu thematisieren. Ich habe viel Frauensolidarität erlebt, vielleicht auch, weil ich als "Apartment Boy", wie man es in der Türkei nennt, aufwuchs. Das hieß, wenig hinausgehen, nicht kämpfen und spielen auf der Straße, nah bei der Mutter bleiben, nah bei Büchern. Und es hieß auch, viel Küchenleben zu sehen. Letzteres spielt in meinem Roman "Rot ist mein Name" eine gewisse Rolle. In meinem neuen Roman sind die Frauen zwar unterdrückt, aber sie haben Fantasie, Vitalität, sie schlagen zum Teil mit nadelscharfem Witz zurück.

STANDARD: Was geschah mit Atatürks Erbe?

Pamuk: Es ist immer noch lebendig, und ich mache mir keine Sorgen darum. Ich respektiere Atatürk und glaube, die Zukunft der Türkei sollte in Europa liegen. Ist das nicht Atatürks Erbe? Ich vertraue auf den Säkularismus. Ist das nicht Atatürks Erbe? Allerdings wird sein Vermächtnis auch missbraucht. Ich will zum Beispiel nicht diesen Einfluss der Armee auf die Politik. Der Respekt der Religion gegenüber sollte Standard in Europa und Amerika sein. Man ist zwar nicht ein Gläubiger in deren Ausmaß, aber man muss ihn respektieren. Schlussendlich glaube ich ebenso sehr an Atatürks Erbe wie an die universellen Werte, denen ich zu folgen versuche. (Stefan Gmünder, Hans Rauscher, Album, 30.1.2016)

Hintergrund: Das Buch "Diese Fremdheit in mir"

Alles, oder fast alles, beginnt in Orhan Pamuks neuem Roman "Diese Fremdheit in mir" (Hanser, 26,80 Euro) mit einer Entführung. Doch Mevlut, die aus Anatolien stammende Hauptfigur des Buchs, entführt seine Rayiha nicht etwa, um Lösegeld zu fordern, sondern aus Liebe und des Traums wegen, den sie gemeinsam hegen. Es ist der Traum von einer besseren Zukunft und einem neuen Leben in Istanbul. Beides wird sich in diesem Roman als schwierig erweisen, aber nicht als unbewältigbar. In zahlreichen Episoden erzählt der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2006 aber nicht nur von den "Abenteuern und Träumen" Mevluts und seiner Freunde, sondern er lässt auch eine Familiengeschichte transparent werden, in die drei Schwestern, zwei Brüder und drei Cousins verwickelt sind. Der Roman umfasst dabei eine Zeitspanne von mehr als vier Jahrzehnten und breitet gleichsam nebenbei vor dem Leser auch ein Panorama des Istanbuler Lebens zwischen 1969 und 2012 aus. Es ist viel türkische Geschichte in dem Buch, auch unerfreuliche mit Militärputschen, Pogromen gegen die Griechen, dem Aufstieg der AKP. Pamuk zeigt aber auch die positiven sozialen und ökonomischen Veränderungen der Stadt am Bosporus, die er in seinem Werk immer wieder feiert. Und Mevlut? Er wird in all der Zeit, durch die ihm der Leser folgt, als Straßenverkäufer ein reines Herz und vor allem Haltung bewahren. So etwas kann einsam machen, oder fremd. Nicht nur heute, nicht nur in Istanbul.

  • "Mevlut ist fünf Jahre jünger als ich und kommt aus einem Dorf in Zentralanatolien. Die Armut dort ist groß", sagt Orhan Pamuk über seinen Protagonisten.
    foto: matthias cremer

    "Mevlut ist fünf Jahre jünger als ich und kommt aus einem Dorf in Zentralanatolien. Die Armut dort ist groß", sagt Orhan Pamuk über seinen Protagonisten.

  • Orhan PamukDiese Fremdheit in mirAus dem Türkischen von Gerhard MeierHanser-Verlag 2016592 Seiten, 26,80 Euro
Das Buch erscheint am 1. Februar.
    cover: hanser-verlag

    Orhan Pamuk
    Diese Fremdheit in mir

    Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
    Hanser-Verlag 2016
    592 Seiten, 26,80 Euro

    Das Buch erscheint am 1. Februar.

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