"Diese Geschichte von Ihnen": Ein Mörder namens Johnny spielt auf

29. Jänner 2016, 10:33
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Mit ihrer Inszenierung tut Regisseurin Andrea Breth das einzig Richtige: Sie inszeniert die Nachtfahrt einer geschundenen Polizistenseele als nüchternen Totentanz. Ein Riesenwurf und eine Gipfelleistung von Nicholas Ofczarek

Wien – Sergeant Johnson (Nicholas Ofczarek) kehrt mitten in der Nacht heim aus dem Krieg. Seit zwanzig Jahren quält er sich mit den Widrigkeiten seines Berufs. Er hat halbverweste Babyleichen aus dem Wasser gefischt. In seinem Ohr hallen die Schreie all der Verbrechensopfer wider, deren Leiden er zu Protokoll genommen hat. Wie der homerische Odysseus betritt er als Irrfahrer sein scheußliches Eigenheim. John Hopkins' Kriminalstück "Diese Geschichte von Ihnen" ist vor allem seine eigene Story. Es zeigt in drei Akten das Flackern eines gequälten, gekränkten Subjekts, das an den Anforderungen von Sitte und Moral "schuldlos" scheitert.

Das Stück, 1968 geschrieben, hat Regisseurin Andrea Breth jetzt in Wien dem Vergessen entrissen. Es entpuppt sich nicht so sehr als "well-made Play", sondern als Drama auf der Höhe antiker Tragödienkunst. Johnny Johnson hat einen mutmaßlichen Kinderschänder beim Verhör auf der Polizeiwache annähernd zu Tode geprügelt. Das Stück will Licht ins Dunkel der Ereignisse bringen.

Zugleich malt es den Absturz des Sergeanten als Menetekel an die Wand. Es lädt ein zur Besichtigung der europäischen Durchschnittsseele. Denn natürlich sind wir alle "Seelchen". Welche psychische Instanz filtert den Schmutz und die Gewalt heraus, mit denen Ordnungshüter und all die anderen Verwalter des tagtäglichen Elends konfrontiert sind?

Das erste Licht, das im Akademietheater anspringt, ist ausgerechnet die Lampe der Zimmerbar. Den rasch eingegossenen Whiskey schlürft Johnson wie ein vor dem Verdursten Geretteter. Sofort richtet Ofczarek seine Figur zur vollen Leidensgröße auf. Erst stolpert Johnny geräuschvoll über Tisch und Sessel. Am Rücken liegend wie ein gestrandeter Wal, summt der schwer Bezechte den unvermeidlichen "Drunken Sailor". Der Bulle ist tief unten. Von nun an kann es nur noch bergab gehen.

Dabei könnte sein Leben ohnehin armseliger kaum sein. Der Wandverbau hinten (Bühne: Martin Zehetgruber) enthält eine die Augen beleidigende Sammlung von Porzellanfiguren. Die Gemahlin (Andrea Clausen) steckt stark verfrostet im Morgenmantel. Die Lockenwickler trägt sie stolz im Haar, zur vorsorglichen Abwehr allfälliger Annäherungen durch den torkelnden Göttergatten.

Die sich entspinnende Zimmerschlacht ist die denkbar deprimierendste Werbung um Zuneigung und Anerkennung. Johnson ist nah am Wasser gebaut. Seine Maureen wirft sich ihm als Seelentrösterin an den Hals. Er schüttelt die zarte Gemahlin durch wie eine Gliederpuppe und schlägt sie nieder. Die Kinnhaken sind in dieser Beziehung die Ersatzleistungen für die unterbliebenen Küsse. Dieser schwere, kindliche, brutale Mann wartet auf den Anruf aus dem Spital. Er weiß im Vorhinein den Inhalt der Mitteilung: Baxter, den Mann, den er für einen notorischen Kinderschänder hält, wird mausetot sein.

Der zweite Akt organisiert das Nachspiel. Der Chief Inspector (Roland Koch) verhört im kalten Untersuchungsraum den Totschläger. Er raucht ohne Unterlass Zigarillos und treibt seinen Untergebenen mit kalkuliert kaltblütigem, aasigem Sadismus in die völlige Auflösung. Koch ist auf den vielen Stationen des Breth-Theaters der stets korrekte, von seiner Unduldsamkeit wie von einem Laster geplagte Technokrat der Macht. Hier tanzen Herr und Knecht einträchtig in den Untergang. Zwei Kerle fügen einander Schmerzen zu. Der eine wird davonkommen, der andere im Orkus landen: Degradierung, Kittchen, Klapsmühle.

Der dritte Akt schildert den eigentlichen Tathergang. Der Verhörraum ist offenbar im Umbau begriffen. Der Verdächtige Baxter (August Diehl) sitzt bleich wie der Tod am Tisch, mümmelnd und zungenmahlend, von der Jovialität des verhörenden Beamten gereizt bis aufs Blut. Breth hat zu keinem Augenblick in den Text eingegriffen. Ihr Theater wertet nicht, schmäht niemanden, bläht sich nicht besserwisserisch auf.

Ofczarek aber, dieser Tänzer auf dem Hochseil des Wahnsinns, zieht durcheinander alle Register. Er meint, die Wahrheit über Baxter zu kennen. Sein Handeln steht für ihn somit im Einklang mit der Weltvernunft. Es braucht aber nur ein paar spöttische Bemerkungen seines Gegenübers, und Johnny Johnson kippt hinüber in den Kontrollverlust. Das letzte Geräusch in diesem sehr handgreiflichen Zweikampf ist das hässliche Knacken von Wirbeln.

Ofczareks Polizist ist ein naher Verwandter des großen Ajas, des rasenden, nicht zu befriedenden Kriegers aus der Tragödie des Sophokles. Breth hat den Kriegsschauplatz der Seele mit äußerster Geduld bis in die letzte Ritze hinein ausgeleuchtet. Ihre Inszenierung von "Diese Geschichte von Ihnen" ist das Geniewerk einer völlig konkurrenzlosen, auf keinerlei "Sensation" schielenden Choreografin von Leid, Elend und Unverstand. Der tosende Jubel galt ihr und den wundervollen Schauspielern, voran dem kontrolliert rasenden Berserker Nicholas Ofczarek. (Ronald Pohl, 29.1.2016)

  • Nicholas Ofczarek (li.) und August Diehl in "Diese Geschichte von Ihnen" am Akademietheater.
    foto: apa/hans klaus techt

    Nicholas Ofczarek (li.) und August Diehl in "Diese Geschichte von Ihnen" am Akademietheater.

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