Debatte ohne Trump: Ein Sturm im Wasserglas

Analyse29. Jänner 2016, 17:40
283 Postings

Donald Trump hat die letzte Debatte vor den US-Vorwahlen boykottiert – aber wohl dennoch gewonnen, weil sich einmal mehr alles nur um ihn drehte

Hat sich Donald Trump ein Eigentor geschossen mit seinem Boykott? Oder profitiert er von der Kontroverse – so wie er bisher fast immer profitiert hat, wenn heftig gestritten wurde?Es ist die Frage, die das politische Amerika nach der bisher bizarrsten TV-Diskussion der republikanischen Präsidentschaftsbewerber am meisten beschäftigt. Joe Scarborough, einst konservativer Abgeordneter, heute eines der Aushängeschilder des linksliberalen Nachrichtensenders MSNBC, beantwortet sie ohne Umschweife: "Donald Trumps Vabanquespiel hat sich gelohnt: Er hat einmal mehr gewonnen, weil er einmal mehr im Mittelpunkt stand."

Da er seinen Willen nicht hatte durchsetzen können, hatte der bisweilen ausgesprochen rabiate Unternehmer darauf verzichtet, an der letzten Fernsehdebatte vor dem Vorwahlauftakt am Montag in Iowa teilzunehmen. Ausgerechnet an einer Debatte, die Fox News veranstaltete, der Lieblingssender der amerikanischen Konservativen – was dem Disput eine zusätzlich skurrile Note verlieh.

Trump hatte darauf gedrängt, die Moderatorin Megyn Kelly, mit der er schon seit Monaten eine Art Privatfehde austrägt, durch einen Journalisten zu ersetzen, der weniger kritische Fragen stellen würde. Als er damit allerdings Schiffbruch erlitt, beschloss er, dem Streitgespräch fernzubleiben und kurzerhand eine eigene Konkurrenzveranstaltung zu organisieren – demonstrativ nur wenige Kilometer entfernt von der Debattenarena in Des Moines, der Hauptstadt Iowas.

Spenden für die Veteranen

Während der Tycoon also um Spenden für verwundete Kriegsveteranen warb, während er seine improvisierte Gala auf typisch großmäulige Art mit jener der Oscar-Verleihung verglich, drehte sich auch auf der Fox-Bühne erst einmal alles um ihn. "Der Elefant, der sich nicht in diesem Raum befindet", so charakterisierte ihn Kelly, bevor sie die verbliebenen Kandidaten um Kommentare zum Rückzug des Immobilienkönigs in den Schmollwinkel bat.

Ted Cruz, ein erzkonservativer Senator aus Texas, der sich beim Start in Iowa Siegeschancen ausrechnet – einst Trumps Verbündeter, heute sein härtester Rivale –, ließ sich die Chance nicht ent gehen: "Lassen Sie mich gleich sagen: Ich bin ein Verrückter, und jeder andere auf diesem Podium ist dumm, fett und hässlich." "Und Ben", wandte er sich an den Kandidaten und Kardiologen Ben Carson, "du bist ein furchtbarer Chirurg. Und nun, da wir den Donald-Trump-Teil aus dem Weg geräumt haben ..."

Dann Jeb Bush, einst gesetzt, dann nach Monaten lustloser Auftritte fast schon abgeschrieben, nun aber auf einmal so selbst sicher ironisch, als hätte ihn die Abwesenheit des Baulöwen von sämtlichen Fesseln befreit: Er vermisse Donald schon sehr. "Er war für mich wie ein kleiner Teddybär, wir hatten solch eine liebevolle Beziehung zueinander, und jeder andere schien sich ja im Zeugenschutzprogramm zu befinden, als ich ihm zusetzte."

Trump sei ein unterhaltsamer Bursche, "die größte Show auf Erden", sagte Marco Rubio, der aufstrebende Senator aus Miami, augenzwinkernd, um im nächsten Moment zu patriotischem Pathos überzugehen: "Bei dieser Wahl geht es nicht um Trump, sondern um die Zukunft des großartigsten Landes der Erde."

Rubio, bei bisherigen Wortduellen oft zu Hochform aufgelaufen, musste diesmal Federn lassen. Als die Republikaner 2012 nach der Niederlage Mitt Romneys erkannten, dass sie auf die Hispanics, die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe, zugehen müssen, hatte er noch selbst am Entwurf einer Einwanderungsreform mitgebastelt – an einer Novelle, die rund elf Millionen ohne gültige Papiere im Land lebenden, zumeist lateinamerikanischen, Mi granten endlich den Weg in die Legalität ebnen sollte.

Rubios "Fahrerflucht"

Doch nun, da Trump dem Diskurs mit populistischen Sprüchen über Massendeportationen und den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko seinen Stempel aufdrückt, will er nichts mehr davon wissen. Rubio sei "einfach davongerannt", er habe Fahrerflucht begangen, als er gemerkt habe, dass es ihn Punkte koste, rügt ihn sein früherer Mentor Bush, der mit einer Mexikanerin verheiratet und selbst an den Sympathien und Stimmen der Hispanics interessiert ist. "Marco, du solltest endlich einmal lernen, etwas durchzustehen." (Frank Herrmann aus Washington, 29.1.2016)

  • Die Teilnehmer der Debatte am Donnerstagabend.
    foto: apa/afp/getty images/scott olson

    Die Teilnehmer der Debatte am Donnerstagabend.

  • Donald Trump war gar nicht da, und trotzdem wird hauptsächlich über ihn gesprochen.
    foto: apa / afp / getty

    Donald Trump war gar nicht da, und trotzdem wird hauptsächlich über ihn gesprochen.

Share if you care.