Anschlagsversuch mit Handgranate auf Flüchtlingsheim

29. Jänner 2016, 14:22
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Deutschlands Justizminister Heiko Maas: "Wir dürfen nicht abwarten, bis es die ersten Toten gibt"

Berlin – Die deutsche Polizei bestätigte am Freitagnachmittag Berichte, wonach Unbekannte in der Nacht auf Freitag eine scharfe Handgranate auf eine Flüchtlingsunterkunft im Bundesland Baden-Württemberg geworfen haben. Der Vorfall ereignete sich in Villingen-Schwenningen. Verletzt wurde niemand. Die Handgranate explodierte nicht, obwohl der Splint, mit dem derartige Sprengkörper zur Explosion gebracht werden können, gezogen war. Die Granate sei aber jedenfalls mit Sprengstoff gefüllt gewesen. Vorsichtshalber habe man sie notgesprengt.

Mitarbeiter eines Wachdienstes entdeckten den Sprengsatz gegen 1.15 Uhr, wie die Polizei mitteilte. Experten des Entschärfungsdienstes beim Landeskriminalamt Stuttgart hätten die Handgranate dann am frühen Morgen auf dem Gelände der Flüchtlingsunterkunft neben einem der Container, die für die Security-Leute aufgestellt worden sind, gesprengt. 20 Bewohner hätten dafür kurzzeitig ihre Wohnungen verlassen müssen. Derzeit seien in den Gebäuden in einer ehemaligen französischen Kaserne 104 Menschen untergebracht. Die Polizei korrigierte damit frühere Angaben, wonach 176 in der Unterkunft lebten. Man habe keinen aktuellen Stand gehabt, da sich die Zahlen täglich änderten.

Die Kriminalpolizei sagte in einer Pressekonferenz, dass man eine 75 Kräfte umfassende "Soko Container" gebildet habe. Diese habe am Freitagnachmittag "die Nachbarschaftsbefragungen fast komplett abgeschlossen". Laut Entschärfungsdienst handelte es sich um eine Granate des Typs m52, diese habe rund 100 Gramm TNT-Sprengstoff enthalten. Allerdings habe es sich um einen "Blindgänger" gehandelt. Ob in diesem ein Zünder war, konnte man am Freitagnachmittag noch nicht sagen. Die andere Möglichkeit, warum die Granate nicht exlodiert ist, könne ein technischer Defekt sein.

Maas: Nicht warten, bis es Tote gibt

Bundesjustizminister Heiko Maas hat den Handgranaten-Anschlag scharf verurteilt. "Das Ausmaß der Gewalt ist erschreckend", erklärte der SPD-Politiker am Freitag in Berlin. "Die Täter dürfen nicht ungestraft davonkommen. Sie müssen konsequent ermittelt und bestraft werden", forderte er. Die Zunahme der Angriffe auf Flüchtlinge sei dramatisch. "Sprengkörper auf Flüchtlingsheime fliegen heute schon, wir dürfen nicht abwarten, bis es die ersten Toten gibt."

Ähnlich äußerte sich der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. "Dieser feige Anschlag zeigt, dass gewaltbereite Rechtsextremisten durch ihre Taten den Frieden in unserer Gesellschaft gefährden und uns auseinanderdividieren wollen", erklärte sein Vorsitzender Romani Rose. Umso mehr gelte es, für die Demokratie und den Rechtsstaat einzustehen. Besonders Politiker trügen hierbei eine große Verantwortung. "Die populistische Rhetorik in der Asyldebatte führt dazu, dass Ängste bei der Bevölkerung geschürt werden", kritisierte Rose.

Besonders Anteil von Gewalttaten gestiegen

Im vergangenen Jahr hat es in Deutschland nach einem Bericht von "Spiegel online" mehr als tausend Angriffe auf Flüchtlingsheime gegeben. Das geht aus einer Erhebung des Bundeskriminalamts (BKA) hervor. Der Statistik zufolge hatten 901 der Taten einen rechtsradikalen Hintergrund. 2014 hatte es noch insgesamt 199 Attacken gegeben, davon 177 mit rechtsradikalem Hintergrund.

Deutlich gestiegen ist dem Bericht vom Donnerstag zufolge besonders der Anteil der Gewalttaten. Im vergangenen Jahr seien 173 solcher Fälle gezählt worden, 2014 seien es 28 gewesen. Die Zahl der Brandstiftungen stieg demnach von sechs auf 92.

"Der dramatische Anteil der Straftaten gegen Asylbewerberunterkünfte bereitet uns große Sorgen", sagte BKA-Chef Holger Münch dazu "Spiegel online". "Die Taten müssen genauso konsequent verfolgt und bestraft werden wie rechtsextremistische Hetze in sozialen Netzwerken." Letztere sei "der Nährboden für Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit". (APA, AFP, 28.1.2016)

  • Das Flüchtlingswohnheim wurde nach dem Angriff großräumig abgesperrt.
    foto: apa / afp / dpa / patrick seeger

    Das Flüchtlingswohnheim wurde nach dem Angriff großräumig abgesperrt.

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