Eltern: Ja zu sich selbst sagen

Kolumne31. Jänner 2016, 16:35
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Warum Kinder davon profitieren, wenn sich Eltern um sich selbst kümmern – und um ihre Beziehung

Frage

Ich wurde mit 22 Jahren zum ersten Mal Mutter. Unsere Kinder sind nun drei und sechs Jahre alt. In den letzten sechs Jahren waren wir sehr damit beschäftigt, "gute" Eltern zu sein. Unsere Kinder standen immer an erster Stelle, und wir möchten sie gut in ihrem Heranwachsen begleiten. Sicherlich machen wir auch Fehler, aber wir versuchen unser Bestes.

Nun ist unser Jüngstes drei Jahre alt, und es wird für meinen Partner und mich leichter, auch Zeit für uns als Paar zu finden. Ich denke daran, wie es vor den Kindern war, und überlege mir, wieder zu studieren und dort weiterzumachen, wo wir stehen geblieben sind. Allein der Gedanke daran macht mich glücklich, und ich bin auch stolz auf das Leben, das wir haben. Mein Mann sieht das ganz anders. Vor einer Woche hat er mir gestanden, dass es ihm nicht gut geht. Dass er die Freiheit vermisst, die er früher ohne Kinder hatte.

Unser Alltag ist immer gleich und basiert auf viel Routine. Er fragt sich, wie das weitergehen wird. Er sieht keine Möglichkeit, das, was wir früher hatten, mit unserem jetzigen Familienleben zu vereinbaren. Er ist, kurz gesagt, unglücklich. Ich muss zugeben, dass mich das verletzt und ich nach Fehlern bei mir suche. Vielleicht liegt es wirklich an mir, vielleicht bin ich keine gute Ehefrau, und vielleicht liebt er mich nicht mehr?

Diese Gedanken gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, und ich überlege, ob es nicht besser wäre, wenn wir uns trennen. Als mein Mann bemerkte, dass ich leide, meinte er, dass es ihm wieder besser geht und dass er mich immer noch liebt und alles tun würde, um unseren Kindern eine glückliche Kindheit zu ermöglichen.

Ich habe Angst vor der Ungewissheit, mit der ich lebe. Ich habe nicht bemerkt, dass es meinem Mann nicht gut geht. Wie wird es in fünf Jahren sein? Im Moment fühle ich mich, als könnte ich entweder nur alles vergessen oder irgendetwas ändern. Ist es normal, wie sich mein Mann fühlt, angekettet und eingesperrt? Gibt es eine Alternative zur Trennung?

Antwort

Was Ihr Mann ausdrückt, ist nicht ungewöhnlich. Es ist vergleichbar mit Ihren Gefühle und dem, wie Sie Ihr Leben im Moment erfahren. Der Unterschied ist, dass Sie konstruktiv und optimistisch vorgehen – wenn Sie etwa wieder studieren wollen – und er pessimistisch denkt und nur Hindernisse sieht.

Meiner Ansicht nach befinden Sie sich, wie manche Familientherapeuten es ausdrücken, in der ersten "Siebenjahreskrise". Wenn Ihre Beziehung lange genug dauert, werden Sie drei große Krisen im Abstand von sieben Jahren erleben. Die Inhalte dieser Krisen sind unterschiedlicher Natur. Bei der ersten geht es um die Erfahrung der eingeschlichenen Routine und die daraus resultierende Unzufriedenheit. Viele Paare erfahren zu dieser Zeit ein Abkühlen des erotischen Aspekts, der manchmal größere oder kleinere Machtkämpfe auslöst. Das Leben außerhalb der Familie gewinnt an Priorität, oder ein Partner ist in eine Affäre involviert. Sie beide können sich glücklich schätzen, dass Ihr Mann die Worte und den Mut findet, direkt mit Ihnen zu sprechen, und keine Zeit mit Konflikten verliert.

Die erste "Siebenjahreskrise" findet paradoxerweise ihren Ursprung in der Liebe: Je mehr wir einander lieben, desto mehr sagen wir Ja zueinander. Wir geben alles für die Gemeinschaft, für die Erwartungen des anderen, seine oder ihre Träume und Wünsche. Das bringt mit sich, dass wir immer weniger Ja zu uns als Individuum sagen und demzufolge weniger Nein zum anderen. Stattdessen fügen wir uns den Regeln der Gemeinschaft. So verwickeln wir uns immer mehr ineinander und müssen uns deshalb wieder voneinander lösen – wenn wir eine Trennung vermeiden möchten.

Dieser Loslösungssprozess dauert in der Regel ein bis zwei Jahre und bedarf einiger ehrlicher, neugieriger, erforschender Gespräche und individueller Reflexion. Dabei sollten sich beide gemeinsam und einzeln helfen, ihre momentane Frustration zu artikulieren und ihre Wünsche für die nächsten zehn Jahre zu definieren. Viele Paare erleben diesen Prozess als emotionale, herausfordernde Reise, durchaus mit Tränen und Wut. Denn dabei wird ihnen klar, wie viele Kompromisse sie die letzten Jahre eingegangen sind und welche "Geschenke" sie einander gemacht haben – in der stillen Erwartung, diese in gleicher Währung zurückzubekommen.

Während dieser Unterhaltungen ist es wichtig, seine eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Träume offen auf den Tisch zu legen. Das wird helfen, diese von der Selbstzensur zu befreien. Man sollte bedenken, dass die Individualität des anderen keine Bedrohung für die Familie und Partnerschaft darstellt! Das Interesse an individuellen Bedürfnissen und Träumen ist die beste Garantie dafür, dass die Familie als starke Einheit überlebt. Das gilt auch für die Individualität der Kinder.

Ich erinnere mich an ein Paar, bei dem der Mann ein Jahr brauchte, um seiner Frau zu gestehen, dass er am liebsten wieder zurück in die Arbeit wollte, sobald er zu Hause ankam. Er schämte sich für seine Gefühle, weil er dachte, es seien "Anti-Familien-Gefühle". Er wollte um nichts in der Welt seine Familie verletzen. Er begann über seine Wünsche zu sprechen, die er für seine Familie aufgegeben hatte. Er erinnerte sich an Zeiten, in denen er ein Wochenende auf dem Motorrad verbrachte oder zweimal die Woche mit Freunden Tennis spielte.

Dabei sah er seine Frau an und meinte: "Das ist mit zwei Kindern unmöglich." Sie blickte ihn liebevoll an und antwortete: "Aber das war der Mann, in den ich mich verliebt habe." Das hat beide, vor allem aber ihn aus einem selbstgestalteten Gefängnis und auch die Beziehung gerettet. Die beiden haben zwei wunderbare Kinder großgezogen, und diese standen lange Zeit im Zentrum der Familie. Wobei die Eltern unglücklich dabei wurden. Kinder fordern eine Menge Aufmerksamkeit – aber glücklicherweise brauchen sie nicht so viel, wie sie fordern.

Das Beste, was Sie und Ihr Partner von nun an für Ihre Kinder tun können, ist, sich bestmöglich um sich selbst und Ihre Ehe zu kümmern – jeder für sich und beide gemeinsam. So meistern Sie die erste Hürde in einer guten Atmosphäre und sind bereit für die nächste.

An diesem Punkt können Sie beide beginnen, Ihr Leben zu betrachten, und sich die Frage stellen: Wollen wir es so bis zum Ende unserer Tage? Ist das der Mann, die Frau, mit dem oder der ich alt werden möchte? Werde ich die nächsten 20 Jahre den gleichen Job haben? Wenn die Zeit gekommen ist, die Kinder aus dem Haus sind und 80 Prozent der Aufmerksamkeit, die den Kindern gegolten hat, plötzlich frei werden, was werden wir damit anfangen, außer uns auf Enkelkinder zu freuen …? (Jesper Juul, 31.1.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne erscheint am 14.2.2016.

  • "Das ist mit zwei Kindern unmöglich."
    foto: apa

    "Das ist mit zwei Kindern unmöglich."

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: fami

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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