"Fehlende Integration ist Gift für die Gesellschaft"

Interview29. Jänner 2016, 05:30
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Mit Praktika, Sprachkursen und gezielten Förderungen können Flüchtlinge in den österreichischen Arbeitsmarkt eingebunden werden, sagt Thomas Liebig

STANDARD: Wo sieht die OECD die größten Herausforderungen für Österreich, Schweden und Deutschland, also für Länder, die zuletzt zehntausende Flüchtlinge aufgenommen haben?

Liebig: Die größte Kraftanstrengung wird zunächst daraus bestehen, die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Die Flüchtlinge brauchen Wohnraum, Zugang zum Gesundheitssystem – dazu zählt auch die Erkennung und Behandlung von Traumata -, und Kinder müssen raschen Zugang zum Schulsystem erhalten. Hinzu kommt, dass man eine öffentliche Akzeptanz für diese Maßnahmen schaffen muss und dafür eine ausgewogene und faktenbasierte Debatte braucht. In einem nächsten Schritt muss es darum gehen, die erwachsenen Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Hier gibt es eine besondere Herausforderung.

STANDARD: Welche?

Liebig: Die große Heterogenität im Bildungsstand der erwachsenen Zuwanderer. Wir sind gerade dabei, uns einen Überblick zu verschaffen. Wir haben bisher vor allem aus Norwegen und Schweden Daten zum Bildungsgrad erhalten. Sie zeigen, dass die Qualifikationsstruktur der Flüchtlinge stark nach Ursprungsland schwankt. Unter Syrern und Irakern gibt es einen großen Anteil an Menschen, die zumindest über einen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung verfügen. Es handelt sich dabei nicht immer um eine formale Ausbildung wie in Österreich. Zudem sind auch die Schulsysteme in diesen Ländern nicht mit jenen in den OECD-Staaten vergleichbar. Aber doch gibt es hier etwas, auf dem man aufbauen kann. Unter den Afghanen und den Menschen aus Afrika ist dagegen ein hoher Anteil mit sehr wenig Schulbildung – allerdings sind diese Leute oft hoch motiviert, zu arbeiten.

STANDARD: Welche Schwierigkeit ergibt sich daraus?

Liebig: Damit die Integration klappt, wird man differenzieren müssen: Bei jenen, die keine oder nur eine geringe Schulbildung mitnehmen, wird man zunächst erheblich in die Vermittlung von Grundkenntnissen wie Lesen, Schreiben und Rechnen investieren müssen. Für sie bedarf es auch spezieller Sprachkurse; es wird wenig bringen, sie mit den Besserausgebildeten in dieselben Kurse zu setzen. Diese Menschen werden deutlich länger brauchen, um sich zu integrieren. Das wird nicht in ein, zwei Jahren gelingen.

STANDARD: Gibt es seitens der OECD Empfehlungen, was Staaten wie Österreich nun tun sollen, damit die Integration gelingt?

Liebig: Es geht darum, Prioritäten zu setzen. Dazu zählt, sich bei der Integration auf anerkannte Flüchtlinge und Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive zu fokussieren. Darüber hinaus sind innovative Lösungen notwendig. Ein gutes Beispiel dafür findet sich in Schweden: Dort hat man festgestellt, dass unter den Flüchtlingen viele Lehrer sind. Bis sie alle Schwedisch lernen, dauert es lange. Man hat also damit begonnen, diesen Menschen in sechsmonatigen Spezialkursen auf Arabisch Grundkenntnisse über das Leben in Schweden, die Werte des Landes und die Pädagogik des Schulsystems zu geben. Die Lehrer sollen dieses Wissen später an neuankommende Minderjährige aus Syrien weitergeben. Die Jungen profitieren also, weil sie einen ersten Zugang zum Bildungssystem erhalten. Die Erwachsenen wiederum machen einen Schritt, um später als Lehrer arbeiten zu können.

STANDARD: Die Industrie in Österreich verlangt spezielle Förderungen für Unternehmen, die Flüchtlinge anstellen. Eine gute Idee?

Liebig: Erfahrungen aus Skandinavien zeigen, dass eine stufenweise Heranführung an den Arbeitsmarkt gut funktioniert. Als erster Schritt bieten sich Praktika an: Firmen schrecken oft davor zurück, Flüchtlinge anzustellen, weil sie nicht wissen, was sie können. Mit Praktika kann man einen ersten Kontakt herstellen. Viele Flüchtlinge sind hoch motiviert. Das können sie im Betrieb zeigen. Nach den Praktika kann es sinnvoll sein, den Flüchtlingen einen bezuschussten Arbeitsplatz anzubieten, damit sie übernommen werden. Solche Instrumente müssen aber sorgfältig geplant werden und sollten auch nur für eine begrenzte Zeit eingesetzt werden, es soll hier nicht zu einer Dauersubventionierung kommen. Es ist auch wichtig, zu vermeiden, dass reguläre durch geförderte Arbeitsplätze ersetzt werden.

STANDARD: Viele in Österreich sehen den aktuellen Flüchtlingszustrom kritisch. Sind spezielle Förderprogramme politisch überhaupt durchsetzbar? Die Gewerkschaft sagt, dass es schon genug arbeitslose Österreicher gibt, und lehnt Förderungen für Flüchtlinge ab.

Liebig: Das ist ein schwieriges Thema. Es ist wichtig, die Förderung anderer benachteiligter Gruppen nicht zu reduzieren. Das wäre ein falsches Signal. Zugleich muss man Integrationsmaßnahmen als eine Investition sehen, die sich in ein paar Jahren hoffentlich auszahlen wird. Auf jeden Fall wird es für die Gesellschaft billiger kommen, jetzt in die Menschen zu investieren, als gar nichts zu tun. Denn wenn die Integration der Flüchtlinge nicht angegangen wird, dann haben wir in ein paar Jahren anstelle von motivierten Arbeitskräften eine hohe Zahl zusätzlicher Menschen im Land, die von staatlicher Unterstützung leben müssen. Die meisten Menschen, die nach Europa gekommen sind, werden bei der Lage in ihren Heimatländern auf absehbare Zeit ja nicht zurückkehren können. Die Politik muss der Bevölkerung also klar vermitteln, dass es Integration nicht zum Nulltarif gibt. Aber die Alternative wäre explosiv.

STANDARD: Explosiv?

Liebig: Ja. Wenn sich die Flüchtlinge nicht integrieren, wird dies nicht nur langfristig sehr teuer, sondern in der öffentlichen Meinung wird auch die Skepsis gegenüber Zuwanderer zunehmen. Fehlende Integration ist Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, durch die eine Abwärtsspirale entsteht. Was wir aber brauchen, ist eine Aufwärtsspirale: Gut integrierte Flüchtlinge werden auch dazu beitragen, dass sich die Meinung über Zuwanderer verbessert, was seinerseits wiederum integrationsfördernd ist. Damit das funktioniert, ist es wichtig, die Geldmittel auf Menschen zu konzentrieren, die hier bleiben werden. Das bedeutet, dass Menschen, die kein Asyl bekommen, dort, wo dies möglich ist, in ihre Heimat zurückkehren müssen. Das ist auch wichtig, um die Akzeptanz der Bevölkerung zu erhöhen.

STANDARD: Eine andere Angst ist, dass Flüchtlinge, wenn sie einmal beginnen zu arbeiten anderen die Arbeitsplätze wegnehmen.

Liebig: Die allgemeinen Arbeitsmarktwirkungen von Migration sind gering, da sind sich die meisten Ökonomen einig. Wo es Streit unter Experten gibt ist, ob sich die Migration auf den Arbeitsmarkt für Niedrigqualifizierte auswirkt. Es gibt etwa aus Großbritannien Studien, die darauf hinweisen, dass es wegen der Migration dorthin aus Osteuropa möglicherweise Verdrängungseffekte gegeben hat, weil höher qualifizierte Migranten Jobs im Niedriglohnsektor übernommen haben.

Allerdings ist die Situation bei Flüchtlingen eine andere – diese brauchen ja auch eine gewisse Zeit, bis sie überhaupt in den Arbeitsmarkt eintreten. Die einzige Studie, die es zu diesem Thema über Flüchtlinge gibt, stammt aus Dänemark. Die dänische Untersuchung hat gezeigt, dass die geringqualifizierte einheimische Bevölkerung nicht verdrängt wird, sondern im Gegenteil sogar leicht profitiert hat, weil die Flüchtlinge die schlechteren Jobs übernehmen, während die weniger qualifizierten Dänen am Arbeitsmarkt aufgestiegen sind.

STANDARD: Aber wie ist das möglich, die Arbeitsplätze fallen ja nicht vom Himmel.

Liebig: Nein, aber durch die Flüchtlinge erhöht sich ja nicht nur das Arbeitskräfteangebot. Auch die Nachfrage wird gesteigert. Das Aufnahmeland muss in den Wohnbau investieren, die Flüchtlinge konsumieren. In der Regel sind die wirtschaftlichen Effekte insgesamt aber nicht besonders stark. (András Szigetvari, 29.1.2016)

foto: oecd
Thomas Liebig ist der leitende Ökonom in der Abteilung für internationale Migration bei der OECD. Der gebürtige Deutsche hat viele Studien zur Arbeitsmarktintegration von Migranten durchgeführt, unter anderem in Österreich.
  • Eine Ausbildnerin hilft einem Flüchtling bei einem Workshop. Das Bild stammt aus einem Fortbildungskurs von Arrivo Berlin, einer Initiative zur Ausbildung geflüchteter Menschen in Deutschland.
    foto: reuters

    Eine Ausbildnerin hilft einem Flüchtling bei einem Workshop. Das Bild stammt aus einem Fortbildungskurs von Arrivo Berlin, einer Initiative zur Ausbildung geflüchteter Menschen in Deutschland.

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