Völkische Frühlingsgefühle

Kommentar der anderen28. Jänner 2016, 17:01
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Am Vorabend des vierten Wiener Akademikerballs keimt in Burschenschafterkreisen die Hoffnung, eventuell doch noch auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Man wähnt sich in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Der Berichterstatter der Aula zeigte sich angetan: "Ein farbenfrohes Bild der Disziplin und Lebensfreude" habe die Polonaise am ersten WKR-Ball 1953 abgegeben, und generell habe der Ball nach kriegs- und entnazifizierungsbedingter Pause sich erfolgreich reetabliert – "trotz konsequenten Verschweigens in der Tagespresse."

Über derartige Nichtbeachtung wurde in verbindungsstudentischen Kreisen schon länger nicht Beschwerde geführt. Seit 2008 wird jährlich gegen den nunmehrigen Akademikerball demonstriert. Umbenennung und Übernahme durch die Wiener FPÖ änderten nichts daran, zumal der Wechsel sich im Ballerlebnis nur in Form freiheitlicher Festfolgeinserate niederschlug. Auch die Kartenverkäufe haben sich dem Vernehmen nach wieder erholt.

Neu ist hingegen die Politisierung des Balls durch dessen Veranstalter selbst: Hatte man stets betont, dass es sich bei der Veranstaltung um ein reines Gesellschaftsereignis handle, propagiert man den Ballbesuch inzwischen als politisches Statement für Meinungs- und Versammlungsfreiheit. In Interviews weiß Cheforganisator Udo Guggenbichler von breiter Solidarität aus bürgerlichen Kreisen zu berichten. Der Ball sei mittlerweile "auch ein Symbol für Freiheitsrechte geworden".

Gemeindebauproleten?

Tatsächlich dürfte das Durchschreiten der Talsohle bei den Besucherzahlen zumindest mehrere Ursachen haben: intensive Werbebemühungen u. a. via Facebook; die burschenschaftliche Konvention, Gegenwind mit einer mannhaften Jetzt-erst-recht-Attitüde zu begegnen; verbilligte Karten und Gratiszubringerbusse für Mittelschulkorporierte; sowie der Umstand, dass die Umwandlung in einen FPÖ-Ball das Publikum diversifiziert hat – wenn auch in bescheidenem Rahmen. Schon 2012 hatte Co-Organisator Herwig Götschober milieuinterne Befürchtungen zerstreut, dass in der Hofburg nunmehr auch "der Gemeindebauprolet auftanzen" werde.

Aussagen wie diese deuten das Konfliktpotenzial an, das der Ball für die FPÖ nach wie vor birgt. Wie die völkischen Korporationen insgesamt steht er für Elitarismus anstatt "Kleiner Mann"-Politik und für einen Deutschnationalismus, der sich für eine Partei mit Kanzlerambitionen als Klotz am Bein erweist. Anders als Haider Mitte der 1990er-Jahre vermeidet Strache aber die offene Brüskierung der Alten Herren und ließ ihren Stellenwert in der Partei unangetastet, ja restaurierte ihn auf Niveaus der freiheitlichen Kleinparteienfrühzeit.

Mehr Aldanen als Neos

Im Bundesparteivorstand stellen die Korporierten eine absolute Mehrheit. Im Wiener Landtag sitzen mehr Mitglieder der Burschenschaft Aldania als Neos und ebenso viele Aldanen wie ÖVPler.

Allein schon aufgrund dieser weitreichenden Personalunion werden auch heuer die höchsten FPÖ-Ränge massiert auf dem Ball vertreten sein. Internationale Prominenz meidet ihn inzwischen eher, sieht man von jenen ab, die an Salonfähigkeit nichts zu verlieren haben. So hat sich eine Delegation der ungarischen Jobbik angesagt, Tatjana Festerling war zumindest für den Ballvorabend als Vortragende in verbindungsstudentischem Rahmen angekündigt. Erst kürzlich hatte die Dresdner Pegida-Galionsfigur ihre Anhänger aufgerufen, "zu Mistgabeln (zu) greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern (zu) prügeln".

In Wien sollte sie ein dezentes Rephrasing in Erwägung ziehen: Immerhin befindet ein Teil der hiesigen parlamentarischen Eliten sich unter ihrem Publikum.

Die vielleicht maßgeblichste Veränderung seit Beginn der Ballproteste betrifft die Grundstimmung im Korporiertenlager. Der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg der FPÖ, AfD-Erfolge, das politische Handling der aktuellen Fluchtbewegungen nach Europa und erfolgreiche rassistische Straßenmobilisierungen verbreiten eine Aufbruchsstimmung, wie sie zuletzt in den frühen 1990ern gegeben war. Damals schürten der Erfolgslauf der Haider-FPÖ, die deutsche Wiedervereinigung und der Fall des Eisernen Vorhangs unter Korporierten Erwartungen eines neuen "Völkerfrühlings" und der eigenen Rückkehr zu politischer Relevanz auch jenseits der FPÖ. Wiederholt marschierten Burschenschafter in den letzten Monaten Seite an Seite mit empörten Alltagsrassisten (und, etwa in Spielfeld, mit Neonazis) auf, um geschlossene Grenzen und Massenabschiebungen einzufordern.

Ermutigtes Milieu

Für ein Milieu, das seit Jahrzehnten Rückzugsgefechte austrägt und meist verliert, ist die aktuelle politische Entwicklung ermutigend. Man fühlt den Weltgeist, oder doch zumindest die Umfragen, auf seiner Seite. Möglicherweise wird auch der Ball dieses Milieus in absehbarer Zeit in jener "Mitte der Gesellschaft" angekommen sein, die zu repräsentieren er – auch über den Austragungsort Hofburg – immer schon vorgab. Die Korporierten selbst werden ihren Standort dafür augenscheinlich kaum zu verändern brauchen. (Bernhard Weidinger, 28.1.2016)

Bernhard Weidinger (Jahrgang 1982) hat über Burschenschaften in Österreich dissertiert (Böhlau-Verlag 2015). Ab 1. Februar ist er Mitarbeiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW).

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