"Win Pro G2" im Test: Ein Desktop-PC für 90 Euro mit einem Lizenzproblem

30. Jänner 2016, 10:15
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Kompakter Rechner mit Atom-CPU und integrierter Webcam kam mit illegal aktiviertem Windows 10

Man ist als IT-Journalist und Gerätetester einige Überraschungen gewohnt. Von defekten Testgeräten über Smartphone-Muster auf deren Verpackung mutmaßliche Blutspuren prangten, hat die WebStandard-Redaktion bereits so manches erlebt. In Erinnerung wird wohl auch der "Win Pro G2" bleiben.

Hinter dem Namen verbirgt sich ein kompakter Desktop-Rechner mit Windows 10, der von verschiedenen chinesischen Onlinehändlern für einen Preis von rund 90 Euro geführt wird. Er bringt die wichtigsten Anschlüsse und Konnektivitätsoptionen sowie eine integrierte Webcam mit und soll primär einfache Arbeits- und Multimedia-Rechner ersetzen können. Wir haben uns das Gerät näher angesehen. Das Testmuster stellte Chinavasion aus seinem Katalog zur Verfügung.

foto: derstandard.at/pichler

Optisch erinnert das Gerät ein wenig an Apples Mac Pro, welcher allerdings nicht nur viel leistungsfähiger, sondern auch deutlich größer und schwerer ist. Das solide wirkende, zylindrische Kunststoffgehäuse des G2 ist lediglich 13 Zentimeter hoch und weist einen Durchmesser von 8,5 Zentimeter auf. Mit einem Gewicht von 275 Gramm fällt er außerdem in die Kategorie "Leichtgewicht".

Auf der Vorderseite finden sich Einschalter und Betriebs-LED sowie die integrierte Webcam mit Mikrofon, deren Auflösung zwei Megapixel beträgt. Auf der Rückseite versammeln sich alle verkabelten Anschlussmöglichkeiten auf engem Raum. Die Bild- und Tonausgabe erfolgt per HDMI, wobei optional auch Kopfhörer oder Lautsprecher über einen 3,5mm-Klinkenstecker angehängt werden können.

Für die Datenkommunikation mit der Außenwelt gibt es einen RJ45-LAN-Port. Dessen maximaler Geschwindigkeitssupport wird vom Hersteller nicht angegeben, gemäß einer kurzen Messung dürfte es sich aber um einen 100-Mbit-Anschluss handeln. Vier USB 2.0-Ports ermöglichen den Anschluss von Peripheriegeräten, ein microSD-Einschub erlaubt die Erweiterung des integrierten 32-GB-Speichers (eMMC) um bis zu 128 GB.

Ebenso liegt hinten auch die Steckverbindung für das mitgelieferte Netzteil. Die kabellosen Konnektivitätsoptionen umfassen Bluetooth 4.0 und WLAN nach 802.11n-Standard und 5-GHz-Unterstützung.

foto: derstandard.at/pichler

Start und Einrichtung des G2 funktionierten ebenso unproblematisch wie Anschluss und Erkennung von drahtlosem Keyboard und Maus. Das Windows 10-System präsentiert sich unberührt, also ohne Zusatzsoftware von Hersteller oder Händler.

Als Herz des kleinen Desktops schlägt ein Intel-Atom-Chip der 2014er-Generation (Z3735F), der mit einer Quadcore-CPU mit Standardtakt von 1,33 GHz aufwartet und maximal 1,8 GHz erreicht. Er darf auf zwei GB RAM zurückgreifen. Die Systempartition des Speichers umfasst 28,3 GB, rund elf GB stehen für Nutzerinhalte bereit, wobei hier bereits das erst nachträglich installierte Update auf die Windows 10 Build 1511 schon berücksichtigt wird.

Bei Lese- und Schreibtests schlägt sich der eMMC-Chip unspektakulär, auffallend sind lediglich teils hohe Schwankungen bei der Schreibgeschwindigkeit. Im Multicore-Test mit Geekbench 2 liegt das Gerät bei über 2.200 Punkten und damit im Mittelfeld vergleichbarer Hardware und Windows 10 (32 Bit). Die Überprüfung der integrierten GPU mittels Catzilla zeigt schnell, dass die Atom-Plattform nicht für Gaming ausgelegt ist. Bei einer Auflösung von 1.920 x 1.080 Pixel – höhere Auflösungen werden auch nicht unterstützt – kommt das Grafikmodul im Catzilla-Durchlauf nie über fünf Bilder pro Sekunde hinaus.

foto: derstandard.at/pichler

Die Ergebnisse lassen sich auch gut in die Realität umlegen. Internetsurfen, Dokumente bearbeiten, Multimedia und anspruchslosere Casual Games stemmt der G2 mit brauchbarer Performance. Man sollte allerdings davon Abstand nehmen, alles gleichzeitig zu tun oder den Browser mit dutzenden aufwändigen Webseiten gleichzeitig zu beschäftigen. Dann gerät die Low-End-Hardware nämlich schon mal ins Stocken.

Grundlegende Bedürfnisse der Videotelefonie erfüllt der Rechner ebenfalls. Die Sprachqualität des Mikrofons ist passabel, der Output der Kamera fällt eher unter die Einstufung "Notlösung", da das Bild schon bei geringer Dunkelheit merklich verrauscht und generell detailarm ist. Die Ausrichtung der Webcam gestaltet sich aufgrund ihrer Integration in das Rechnergehäuse außerdem mühselig.

microSD-Slot, Ethernet, WLAN und Bluetooth zeigten sich funktionstüchtig, auch alle vier USB-Ports und die Audioklinke arbeiteten ohne Schwierigkeiten. Der Win Pro G2 verfügt über einen aktiven Kühler, der warme Luft über die Oberseite abführt. Aber selbst unter Last ist dieser akustisch kaum wahrzunehmen, während der PC selber sich nicht annähernd problematisch erwärmt. Damit würde sich der kompakte Rechner auch zur Verwendung als Mediencenter im Wohnzimmer empfehlen, zumal dafür ausgerichtete Software wie Kodi darauf ohne weiteres läuft.

foto: derstandard.at/pichler

Während die Hardware also keine besonderen Vorkommnisse bereit hielt, fiel bei der Durchsicht der installierten Programme ein Eintrag näher ins Auge: "KMSPico". Hinter diesem Namen verbirgt sich ein seit mehreren Jahren beständig weiterentwickeltes Tool, das dazu dient, verschiedene Versionen von Microsoft Windows und Office auch ohne legal bezogenem Key zu aktivieren. Genauere Nachprüfung ergab, dass auch das auf dem G2 PC vorinstallierte Windows 10 Home-System damit aktiviert worden war.

Der WebStandard informierte den Händler Chinavasion über diesen Fund. Dieser reagierte binnen weniger Stunden mit der Ankündigung, den Hersteller des Rechners mit dem Problem zu konfrontieren. Einen Tag später lieferte man denn auch Antworten.

Der Hersteller habe KMSPico nur bei der ersten Liefercharge des G2 PC eingesetzt, um den Marktstart zu beschleunigen. Später ausgelieferte Geräte seien legal aktiviert. Dazu übermittelte Chinavasion ein Foto der Unterseite eines G2-Rechners, der im Gegensatz zum Testgerät über einen Aufkleber mit QR-Code verfügte, der einen gültigen Windows 10-Key beinhaltet. Dazu unterfertigte der Händler gegenüber Chinavasion ein Schreiben, in dem man den legalen Bezug von Windows 10-Lizenzen versicherte.

foto: derstandard.at/pichler

Der Händler selbst erklärte, das Produkt auf Basis dieser Garantie den Win Pro G2 im Angebot zu belassen. 20 von insgesamt rund 600 verkauften Geräten stammen aus der betroffenen Chargen. Die betroffenen Kunden hätten sich entweder selbständig gemeldet oder seien bereits kontaktiert worden. Sie können ihre Geräte retournieren oder erhalten auf Wunsch einen Key für die legale Aktivierung. Auch für das Testgerät wurde ein gültiger Schlüssel bereit gestellt.

Das eigene Personal sei auf Qualitätskontrollen im Hardwarebereich geschult, man wolle aber künftig auch entsprechende Mechanismen im Softwarebereich schaffen, hieß es weiter. Wenngleich die Angaben des Händlers glaubwürdig erscheinen, werden freilich auch künftige Testmuster mit vorinstallierten Windows-Systemen auf ihren Lizenzstatus hin überprüft.

Fazit

Abseits der Lizenzfrage bietet der Win Pro PC G2 im Grunde das, was man von der verbauten Hardware erwarten darf. Liegt der Bedarf bei Büroarbeiten, Online-Kommunikation, Medienkonsum und gelegentlichen Casual Games, kann das Gerät diesen erfüllen. Für Anspruchsvolleres fehlt es ihm schlicht an Power. Überlegenswert ist er zudem als Multimedia-Station für das Wohnzimmer. Seine kompakten Maße ermöglichen es auch, ihn schnell wo anders hin mitzunehmen – sofern dort ein Bildschirm mit HDMI-Anschluss und ein Gerät zur Steuerung vorhanden sind.

Die Ausstattung mit Anschlüssen und drahtloser Konnektivität ist ausreichend, um schnell loslegen zu können. Das integrierte Mikrofon ist praktisch, die Kamera aufgrund mangelhafter Ausrichtungsmöglichkeit und schwacher Qualität eher eine Spielerei.

Für einen eingeschränkten Nutzerkreis könnte der kleine PC also tatsächlich eine überlegenswerte Anschaffung sein, auch wenn der Nettopreis durch Zollbearbeitung (zehn Euro) und Einfuhrumsatzsteuer (20 Prozent bzw. 18 Euro) von 90 auf knapp 120 Euro anwächst. (Georg Pichler, 30.01.2016)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde der Redaktion vom Händler Chinavasion zur Verfügung gestellt.

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