Kraetschmer: "Ich spiele den Advocatus Diaboli"

Interview28. Jänner 2016, 09:50
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Vorstand Markus Kraetschmer ist seit 1997 die Konstante bei der Wiener Austria. Nun hat er seinen Vertrag am Verteilerkreis um fünf Jahre verlängert. Die große Fußballwelt kann warten

Wien – Vorstand Markus Kraetschmer bleibt der Wiener Austria langfristig erhalten. Sein neuer Vertrag läuft bis 2021. Ein Gespräch über Jobalternativen, soziale Verantwortung und ein Engagement im Basketball.

STANDARD: Mittelmäßige Fußballer suchen den schnellsten Weg ins Ausland, Sie bleiben als erfolgreicher Manager in Österreich. Warum?

Kraetschmer: Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder Anfragen aus dem In- und Ausland, aus dem Fußball und der Wirtschaft. Mein erster Ansprechpartner ist aber die Austria. Nur wenn ich das Gefühl hätte, mich hier nicht mehr weiterentwickeln zu können, würde ich mich anderswo umsehen.

STANDARD: Die große Fußballwelt reizt Sie gar nicht?

Kraetschmer: Ohne dramatisch klingen zu wollen: Ich trage die Austria seit Kindheitstagen im Herzen. Natürlich gab es auch frustrierende Momente. Natürlich wäre es interessant, sich bei einem anderen Klub zu beweisen. Dort müsste aber schon sehr vieles stimmen.

STANDARD: Zum Beispiel das Geld?

Kraetschmer: Der finanzielle Aspekt ist wichtig, ich habe Familie. Wichtiger sind aber Perspektiven in der Arbeit. Die habe ich bei der Austria immer gesehen. Nun steht mit dem Stadionbau eine spannende Agenda an, eine echte Herausforderung.

STANDARD: Aber die zwei Jahre im Happel-Stadion könnten bei einem Schnitt von 7.000 Zusehern recht trist werden.

Kraetschmer: Das Happel ist mit seiner Größe ein schwieriges Feld. Wir müssen etwas bieten. Rapid hat es vorgemacht. Über allem steht aber die Perspektive, nach zwei Jahren eine super Generali-Arena zu haben.

STANDARD: Wenn man als Spieler länger als zwei Jahre bei einem Klub bleibt, gilt man mittlerweile als Legende. Sie sind bald 20 Jahre im Verein.

Kraetschmer: Und ich bin stolz, dass man mir solange das Vertrauen geschenkt hat. Das ist nicht selbstverständlich. Als ich 1997 anfing, haben mich viele für verrückt gehalten. Ich hatte die sichere Karriere in der Bank gegen einen Schleudersitz im Fußball eingetauscht.

STANDARD: Sie sind neuerdings auch Vizepräsident und Kassier bei den DC Timberwolves, einem Basketballverein. Ist man als Vorstand der Austria nicht ausgelastet?

Kraetschmer: Doch, das bin ich. Ein Schwerpunkt in unserem Programm ist die Verbesserung der Ausbildung. In der EWBA, der Ersten Wiener Ballsport Akademie, wird der Nachwuchs von Austria, Vikings, SVS Sokol und den Wolves in den Bereichen Fußball, Football, Volleyball und Basketball gefördert. Um die Zusammenarbeit zu dokumentieren, habe ich diese Funktion übernommen, ehrenamtlich wohlgemerkt. Die zusätzliche Belastung ist überschaubar.

STANDARD: Sie legen viel Wert auf Ausbildung. Lässt sich der nächste Alaba planen?

Kraetschmer: Wir dürfen nicht nur an die Superstars denken. Es geht nicht nur um einen David Alaba oder einen Jakob Pöltl. Wir tragen auch für jene Verantwortung, die sich im Profisport nicht durchsetzen. Es braucht eine duale Ausbildung, das Berufsleben soll den Abgängern offen stehen. Man kann sich im Sport auch verletzen.

STANDARD: Eine großkapitalistische Frage: Wie profitiert der Verein von diesem ehrenhaften Ansatz?

Kraetschmer: Wir stehen in Konkurrenz zu anderen Vereinen, wir wollen junge Fußballspieler von der Austria überzeugen. Also müssen wir auch ein dementsprechendes Angebot präsentieren. Ich denke, wir sind da gut aufgestellt.

STANDARD: Ist die Ausbildung ein rentabler Geschäftsbereich?

Kraetschmer: Das ist wie die Forschungs- und Entwicklungsarbeit in einem großen Unternehmen. Es heißt investieren, um später davon profitieren zu können. Schaffen Spieler den Sprung in die Kampfmannschaft, kann man später mit einem Transfer gutes Geld verdienen. Siehe Aleksandar Dragovic oder Markus Suttner.

STANDARD: Manche Spieler wechseln den Verein während der Ausbildung, dann bleibt nur eine Entschädigung. Lässt sich eine Akademie auf diesem Weg finanzieren?

Kraetschmer: Damit allein wird es nicht gehen. Es gibt aber auch Sponsoren, die wollen explizit Nachwuchsarbeit fördern. Denen sind Themen wie Ausbildung, Integration, Migration ein Anliegen. Es geht um Image, wir bieten die Plattform.

STANDARD: Trotz des sozialen Gedankens spielt der Sport in Österreichs Politik eine untergeordnete Rolle. Fühlen Sie sich vernachlässigt?

Kraetschmer: Der Sport könnte auf ministerieller Ebene einen höheren Stellenwert haben. Jammern wäre eine Option. Ich will einen anderen Weg gehen und die Politik mit kreativen Projekten überzeugen. Das ist unser Zugang. Unser Netzwerk hilft uns dabei, Türen zu öffnen und Ideen umzusetzen.

STANDARD: Sind Sie je der Versuchung erlegen, sich in sportliche Belange einzumischen?

Kraetschmer: Das wurde mir nachgesagt. Fußball ist keine Atomwissenschaft. Ich maße mir an, Dinge zu hinterfragen. Ich spiele den Advocatus Diaboli. Um Gespräche mit Sponsoren zu führen oder um Maßnahmen in Sachen Infrastruktur zu setzen, brauche ich eine funktionierende Kampfmannschaft.

STANDARD: Gibt es Konflikte bei den Entscheidungen?

Kraetschmer: Nein, es gibt ganz klare Verantwortungen, wir haben mit Franz Wohlfahrt einen Sportdirektor. In finanziellen Angelegenheiten muss am Ende auch ich mit kühlem Kopf die Entscheidungen treffen.

STANDARD: Auf der Tribüne gelten Sie eher als emotional.

Kraetschmer: Ich lebe mit. 1998 bin ich neben dem leider verstorbenen Wolfgang Frank auf der Bank gesessen. Robert Sara musste mich immer wieder beruhigen. Das habe ich nach drei Monaten aufgegeben, das war zu viel für mich. Ich repräsentiere den Verein, im Interview muss ich mich wieder unter Kontrolle haben.

STANDARD: Daran scheitert Ihr Kollege Franz Wohlfahrt noch.

Kraetschmer: Emotionen gehören zum Sport. Er ist ein gutes Jahr im Amt. Und er hat wahrlich keinen leichten Job übernommen. Vieles ist Neuland. Er hat viel gelernt und wird auch noch viel lernen.

STANDARD: Und was haben Sie seit 1997 gelernt?

Kraetschmer: Gelassenheit, Geduld, Diplomatie. Am Anfang war ich noch sehr jung. Man sagt, das wird jeden Tag besser. (Philip Bauer, 28.1.2016)

Markus Kraetschmer (44), Wiener und Magister der Betriebswirtschaften, ist seit 1997 im Management der Austria, seit Sommer 2008 als Finanzvorstand.

  • Markus Kraetschmer: "Wir tragen auch für jene Verantwortung, die sich im Profisport nicht durchsetzen."
    foto: apa/neubauer

    Markus Kraetschmer: "Wir tragen auch für jene Verantwortung, die sich im Profisport nicht durchsetzen."

  • Markus Kraetschmer mit Austria-Trainer Thorsten Fink und der neuen Generali-Arena.
    foto: apa/pfarrhofer

    Markus Kraetschmer mit Austria-Trainer Thorsten Fink und der neuen Generali-Arena.

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