Akustischer Stadtplan lässt Geschichte Wiens hörend entdecken

28. Jänner 2016, 13:41
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300 kulturhistorische Aufnahmen entführen auf Entdeckungstour durch das Stadtgebiet

Wien – Zumeist in Eile hetzen wir durch die Stadt, ohne unsere Umgebung wahrzunehmen – ähnlich mit Scheuklappen ausgestatteten Fiakerpferden. Wer seine Augen und Ohren öffnet und sich erlaubt, ein, zwei Gänge zurückzuschalten, kann sich nun auf eine akustische Reise durch Wien begeben. Das Projekt "Akustischer Stadtplan" lädt dazu ein.

Das Technische Museum Wien oder, genauer gesagt, dessen Zweigstelle Österreichische Mediathek hat den umfangreichen Fundus durchforstet und 300 Tonaufnahmen ihren Herkunftsorten zugeordnet. "Es ist spannend, dass es die Töne, aber die Orte oftmals nicht mehr gibt", sagt Mediathek-Leiterin Gabriele Fröschl. "Der Ton überlebt und wird an den Ort zurückgeholt."

Synagoge, Gestapo, Wunderteam

So zum Beispiel in der Neudeggergasse im achten Bezirk, wo sich bis 1938 eine Synagoge befand und heute ein Gemeindebau steht. Lediglich eine Hinweistafel erinnert an das Gebäude der jüdischen Gemeinde. Und nun auch der Hörbeitrag aus dem Jahr 1909, der über die Mediathek-Website abrufbar ist. Darin singt Zavel Kwartin, Oberkantor der Synagoge Neudeggergasse, das "Haschkiwenu" und äußert die Bitte, sich nachts in Frieden niederlegen zu können und am nächsten Morgen lebendig aufzuwachen.

Fußballfans kommen mit einem Klick auf das Soundfile "Stadion Hohe Warte" auf ihre Kosten. Zu hören ist ein Ausschnitt des Radiobeitrags, der live vom sagenhaften 8:2-Sieg berichtete, den das österreichische "Wunderteam" 1932 gegen die ungarische Mannschaft erspielte.

Spaziert man über den Morzinplatz unweit des Schwedenplatzes, erinnert ein Mahnmal an die Gestapo-Leitstelle, die sich hier während des NS-Regimes befand. Die von Curd Jürgens gelesene "Schachnovelle" Stefan Zweigs verdeutlicht die Notwendigkeit schachzugartigen Vorgehens im Kampf ums Überleben zu Zeiten der Verfolgung. Ein Ausschnitt von Jürgens' Lesung wurde an dieser Stelle des akustischen Stadtplans verortet.

15-stündige Tour

Zusätzlich zu den Hörbeiträgen sind die Schauplätze auf dem Online-Stadtplan mit Fotos illustriert und erklärende Eckdaten zu den einzelnen Stationen angeführt. Das Endprodukt ist webbasiert und über die Website der Mediathek frei abrufbar – es handelt sich um keine App, ein Herunterladen ist also nicht erforderlich.

Um die inhaltliche Gestaltung hat sich der Historiker Georg Traska von der Akademie der Wissenschaften gekümmert, dem es gelungen ist, Geschichten zu Originalschauplätzen aufzuzeigen und verständlich zu machen. "Wir haben selbst viel entdeckt", sagt Johann Kapeller vom Medienarchiv zu der rund 15 stündigen Hör-Tour.

Spezialführung "Wurstelprater"

Man müsse einem solchen Projekt einen Gewissen grad an Langsamkeit zugestehen, sagt Traska. Wer es doch eilig hat oder wem einfach zu kalt ist, der "kann diese Reise durch Wien auch von zu Hause aus machen", so Fröschl.

Der vertonte Stadtplan lässt die Stadt nach Themengebieten oder Bezirken erforschen und Orte des Alltags mit historischen Dokumenten verknüpfen. Je nach Interesse kann der User den Bestand nach Sparten wie Politik, Wissenschaft, Kultur und Sport filtern oder Stadtspaziergänge zu den Themen "Jüdische Gemeinde", "Wurstelprater" und "Ringstraße" unternehmen. (Anna Celine Mark, 28.1.2016)

  • Mobile Geschichtsstunde – der akustische Stadtplan ermöglicht, Wien spazierenderweise zu entdecken.
    foto: österreichische mediathek /eleonore kronsteiner

    Mobile Geschichtsstunde – der akustische Stadtplan ermöglicht, Wien spazierenderweise zu entdecken.

  • Wo heute ein Gemeindebau steht, befand sich bis 1938 eine Synagoge.
    foto: neudeggergasse/ cc

    Wo heute ein Gemeindebau steht, befand sich bis 1938 eine Synagoge.

  • Die österreichische Nationalmannschaft 1932 im Stadion Hohe Warte.
    foto: wunderteam / votava

    Die österreichische Nationalmannschaft 1932 im Stadion Hohe Warte.

  • Das Mahnmal Morzinplatz erinnert an den NS-Terror und befindet sich am Ort der ehemaligen Gestapo-Leitstelle.
    foto: mahnmal / heribert corn

    Das Mahnmal Morzinplatz erinnert an den NS-Terror und befindet sich am Ort der ehemaligen Gestapo-Leitstelle.

  • Je nach Interesse kann der User die Stadt durchforsten – sei es Wissenschaft, Sport oder Kunst.
    foto: österreichische mediathek /eleonore kronsteiner

    Je nach Interesse kann der User die Stadt durchforsten – sei es Wissenschaft, Sport oder Kunst.

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