Jeb Loy Nichols: Der einsame König

27. Jänner 2016, 15:54
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Es ist ein Skandal. Seit 25 Jahren produziert Jeb Loy Nichols fantastische Musik. Und kaum einer kennt ihn. Er nimmt es locker und macht einfach weiter. Nun hat er "Long Time Traveller" veröffentlicht. Eine gute Gelegenheit, ihn zu entdecken

Wien – Solche Musik spielt sonst niemand. Bei Dub und Reggae kommen einem zwar alle Klischees (Südseeinseln, Dreadlocks, No Woman, No Cry ...) hoch wie die Ascorbinsäure auf nüchternen Magen. Aber das trifft im Falle von Jeb Loy Nichols nicht einmal ins Hellgraue. Obwohl die Bässe die Eingeweide massieren und der Dub von einem Großmeister kommt, gilt es umzudenken. Denn wenn Nichols "I'm a lonely king of the country" in die Echokammer singt, ist die Chance groß, dass er kein Land, sondern die Musik meint.

Jeb Loy Nichols kreuzt Dub und Country und würzt das Ganze mit Soul. Obwohl er schon für diese Idee wöchentlich einen Grammy im Briefkasten vorfinden sollte, kennt den Mann fast niemand. Ein Skandal. Nichols ist einer der großen Unbekannten der Popmusik, aber das beschert dem seit Jahren in Wales lebenden US-Amerikaner keinen Bluthochdruck. "Es gibt so viele großartige Bands, die es nie schaffen. Wenn man mich so sieht, bin ich in guter Gesellschaft."

Jetzt hat er wieder ein Album veröffentlicht. Long Time Traveller heißt es und umfasst Lieder, die neu sind, schon länger rumliegen, als Singles veröffentlicht wurden oder noch gar nicht. Zu Beginn der 1990er-Jahre war Nichols immerhin in Deutschland und Österreich bekannt. 1992 erkor das Musikmagazin Spex das zweite Album seiner Band Fellow Travellers Just a Visitor zum Album des Jahres. Mit den Fellow Travellers veröffentlichte er eine Handvoll Dub-Country-Alben bei dem Label OKra Records, einem Verlag für charmante Underdogs wie die Ass Ponys, The Schramms oder die Gibson Brothers.

Den familiären Charakter des Unternehmens illustrierten die OKra All Stars. Eine Band, die aus Labelkünstlern bestand und die verschlafenen Country spielte. Unter anderem interpretierten sie Purple Rain von Prince in den Kuhstall hinein – mit Nichols' charismatischer Nasenbärstimme am Gesang. Ein Traum.

Ein Landei goes Hip-Hop

Die Fellow Travellers zerbröselten dann irgendwie, also machte Nichols solo weiter. Muss ja. Ein Album (Lovers Knot, 1997) erschien bei einem Major, seither veröffentlicht er bei wechselnden Kleinlabels.

Seine Musik resultiert aus den Stationen seiner Biografie. Geboren in Wyoming und aufgewachsen in Missouri, kam er früh mit Country und Southern Soul in Berührung. Als Teenager besorgten ihm die Ramones und die Sex Pistols Erweckungserlebnisse. Er studierte Kunst in New York, verfiel dem Hip-Hop und nahm eine Rapnummer auf: I'm a Country Boy. Der Track sollte sich, vollkommen überraschend, nicht durchsetzen. Nichols ging nach London und landete auf der Couch einer WG, in der Johnny Rottens Stieftochter Ari Up und Palmolive von der Girl-Punk-Band The Slits wohnten. Auch Neneh Cherry knotzte rum, und Nichols lernte Adrian Sherwood kennen. "Er ist mein ältester Freund," sagt er.

Bis heute ein gefragter Tausendsassa, produzierte Sherwood damals Exzentriker des Postpunk wie Depeche Mode, Mark Stewart, die Einstürzenden Neubauten oder Dub Syndicate. Und er betrieb sein Label On-U Sound. Mit Sherwood fuhr Nichols durchs Land und verkaufte Schallplatten aus dem Kofferraum ihres Autos.

35 Jahre später produzierte Sherwood nun seinen alten Freund für On-U Sound. Country und Dub waren für Nichols immer miteinander verwandt, bestätigt wurde ihm das in Jamaika. "Dort haben viele Musiker Country gehört und ihn als Einfluss genannt. Die Erzählweise ebenso wie seinen schwarzen Humor", sagt Nichols.

Er verbindet beide Stile zu einem süffigen Amalgam. Sein nasaler Gesang konveniert dabei mit den zurückgelehnt swingenden Dubs von Sherwood. Zehn grandiose Songs und elf Bonustracks und Alternative Versions bietet Long Time Traveller. Gepolstert werden Titel wie das politisch linksdrehende To Be Rich (Should Be a Crime) von beseelten Orgeltupfern, die aus erwähnter Vorliebe für Südstaatensoul resultieren. Ein diesbezügliches Lehrstück war da das Vorgängeralbum The Jeb Loy Nichols Special aus dem Jahr 2012 – nichts weniger als ein verdammtes Meisterwerk. Ein Album, das, wie das neue, die Frage aufwirft, warum dieser Mann kein Star ist.

Nichols plagt sich nicht mit der Beantwortung. Für die Aufdringlichkeiten des Business ist er nicht gemacht. Da schreibt der Fiftysomething lieber Romane oder macht Kunst. Und hin und wieder eben ein Album wie Long Time Traveller. Eine Sammlung unglaublich schöner Musik. Keine schlechte Nummer. Reines Ohrengold. (Karl Fluch, 27.1.2016)

  • Man denkt nicht an Dub, wenn man Jeb Loy Nichols so sieht. Man sollte aber. Und sich sein Album "Long Time Traveller" anhören.
    foto: richard booth

    Man denkt nicht an Dub, wenn man Jeb Loy Nichols so sieht. Man sollte aber. Und sich sein Album "Long Time Traveller" anhören.

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