Über die Brille der Nation

27. Jänner 2016, 14:37
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Die wissenschaftliche Erklärung zu Marcel Hirschers Einnebelung im Nachtslalom zu Schladming ist menschlich

Schladming/Wien – Der 41-jährige Christian Höflehner ist Rennsportleiter der Skifirma Atomic, die zum Beispiel Marcel Hirscher komplett ausstattet. In seine Zuständigkeit fällt somit auch jene bereits legendäre Skibrille, die am Dienstag im ersten Durchgang des Nachtslaloms in Schladming angelaufen ist und Hirscher die Sicht genommen hat. Er schaffte gerade Platz 22, hatte 2,59 Sekunden Rückstand auf den Halbzeitführenden Felix Neureuther.

Im zweiten Lauf verbesserte sich Hirscher mit einer fulminanten Fahrt und einer grandiosen Brille auf Rang zwei, nur Henrik Kristoffersen war in der Addition schneller, was in diesem Winter aber völlig normal ist. Der Norweger gewann seinen sechsten Slalom, sieben wäre das Maximum. Höflehner: "Wir wollen uns bei Hirscher entschuldigen. Wo Menschen am Werk sind, passieren Fehler. Aber die Sache ist noch gut ausgegangen."

Malheur mit einfacherem, älterem Modell

Der Brillenklassiker in Kurzform: Jenes Modell, das Hirscher trägt, ist in jedem besseren oder auch schlechteren Sportgeschäft erhältlich. Das Glas besteht aus einer doppelten Scheibe. Hirscher entschloss sich in Schladming spontan, diesmal das einfache, ältere Modell zu probieren. Also wurde das Glas, es handelt sich um eine Kunststoffmischung, von einer Servicekraft (Name bekannt, aber völlig egal, der Mann hat auch keine Folgen zu befürchten), ausgewechselt. Normalerweise soll die beschichtete Seite innen, also am Gesicht, liegen. Der gute und bisher fast fehlerlose Mann setzte das Ding aber verkehrt ein, imprägnierte Schicht außen. Und so bildete sich nach wenigen Fahrsekunden der Nebel.

Hirscher: "Ich habe mir überlegt: Soll ich die Brille runterreißen. Wie soll ich sie runterreißen? Ich habe ja Stöcke in der Hand." Höflehner: "In der Formel 1 kommt es auch vor, dass bei einem Reifenwechsel eine Radmutter davonfliegt. Soll nicht sein, passiert aber." Hirscher war dann über seinen zweiten Platz hocherfreut. "Die größte Emotion ist die Dankbarkeit." Er fährt mit einer quasi angeklebten Brille, da seine Augen aufgrund einer Operation mit Laser luftempfindlicher geworden sind. "Wie bei einer Taucherbrille."

Dass Hirscher am Start "wie ein Depp" geschwitzt hat, habe, so Höflehner, keine Rolle gespielt. "Die Brille hat eine Lüftung, die klebt Hirscher nicht zu. Die Nebelbildung hatte nichts mit der Tönung, mit der Luftfeuchtigkeit und den Temperaturen draußen zu tun. Es war menschliches Versagen. Versagen ist eine Übertreibung, es war ein Fehler."

Die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung schließt Höflehner "eher aus". Die Schlamperei habe auch ihr Gutes gehabt. "Hirscher hatte im zweiten Durchgang eine tolle Startnummer. Die Piste wurde dann immer schlechter." (hac, 27.1.2016)

  • Marcel Hirscher ohne idealen Durchblick.
    foto: reuters/dominic ebenbichler

    Marcel Hirscher ohne idealen Durchblick.

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