Billigfleisch: Österreich kommt relativ gut weg

Interview1. Februar 2016, 13:36
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Der Journalist Hans-Ulrich Grimm beleuchtet in seinem aktuellen Buch die Praktiken der Fleischindustrie und spricht von Parallelwelten in Supermärkten

STANDARD: Ihr aktuelles Buch heißt "Die Fleischlüge". Wieso lügt das Fleisch?

Hans-Ulrich Grimm: Wenn wir an Fleisch denken, haben wir noch immer Werbesprüche wie "Fleisch ist ein Stück Lebenskraft", "so wertvoll wie ein kleines Steak" oder "mit viel wertvollen Proteinen" im Kopf. Eiweiß ist zweifelsohne wichtig für eine gesunde Ernährung. Neu ist allerdings, das zeigen auch aktuelle Harvard-Studien, dass eine Eiweißüberdosis die Gesundheit schädigt. Dieses Phänomen ist neu, denn in der Menschheitsgeschichte gab es niemals einen Überschuss an Fleisch, zumindest nicht für den Durchschnittsbürger. Heute verspeist der deutsche Durchschnittsmann pro Woche mehr als ein Kilo Fleisch und Wurst. Bei den Österreichern ist das nicht anders.

STANDARD: Welche gesundheitlichen Auswirkungen hat übermäßiger Fleischkonsum?

Grimm: Protein ist ein Baustoff und kein Brennstoff. Wenn zu viel davon gegessen wird, bleibt dem Körper nichts anderes übrig, als das überschüssige Eiweiß zu verbrennen. Dadurch steigen Blutzuckerspiegel und Insulinausschüttung. Studien am Deutschen Institut für Ernährungsforschung haben gezeigt, dass viel tierisches Protein das Diabetesrisiko erhöht.

STANDARD: Die WHO hat kürzlich vor übermäßigem Fleischkonsum gewarnt und danach ihre Empfehlungen wieder abgeschwächt. Warum?

Grimm: Unwidersprochen ist, dass die sogenannte "Western diet" (eine Ernährung mit einem hohen Anteil gesättigter Fettsäuren, rotem Fleisch und "leeren" Kohlenhydraten; Anm.) zu Zivilisationskrankheiten führt. Es ist jedoch schwierig, einen einzelnen Nahrungsbestandteil herauszugreifen und zu sagen, der ist schädlich. Das Problem ist, dass die wissenschaftlichen Goldstandards etwa für Medikamententests – wie Doppelblindstudien – in der Ernährungswissenschaft nicht möglich sind. Die Ernährung ist ein anderer Forschungsgegenstand als der Pharmabereich, wo ein Medikament gegen ein Placebo getestet wird. Hier braucht es andere Zugänge.

STANDARD: Welche Möglichkeiten gibt es, um die Auswirkungen von Ernährung auf den Menschen zu messen?

Grimm: In einer Harvard-Studie wurden beispielsweise verschiedene Nahrungsmittel nach dem sogenannten Food-Insulin-Index verglichen und untersucht, wie beispielsweise rotes Fleisch den Blutzuckerspiegel in die Höhe treibt. Demnach wurde der Einfluss von Fleischgenuss auf den Blutzucker und Blutdruck bislang unterschätzt.

STANDARD: Das vergangene G7-Gipfeltreffen im Juni 2015 befasste sich auch mit Antibiotikaresistenzen durch die Massentierhaltung. Inwieweit ist billig produziertes Fleisch dafür verantwortlich zu machen?

Grimm: Hygienemediziner haben herausgefunden, dass sich über Antibiotika im Fleisch Resistenzen im menschlichen Darm ansammeln können. Wenn ich beispielsweise billiges Putenfleisch vom Penny-Markt esse, kann es sein, dass ich solche Resistenzgene über Jahre in meinem Körper trage. Mikrobiologen warnen vor diesem Resistenzpotenzial, das wie eine tickende Zeitbombe im Menschen schlummert.

STANDARD: Vertreter der Fleischindustrie argumentieren, dass der "Markt nach billigem Fleisch verlange". Demnach bekommt der Kunde das, was er verdient?

Grimm: Wenn etwa Rewe das Kilogramm Schweinefleisch um 2,22 Euro verkauft und das Kilo Paprika sieben Euro kostet, dann ist es nur logisch, dass ein Kunde, der nicht so üppig Geld hat, eher zum Fleisch greift. Dem Kunden dafür die Schuld zu geben ist eine völlige Verkehrung von Ursache und Wirkung. Erst die Massentierhaltung ermöglicht einen derartig niedrigen Preis.

STANDARD: Sie kritisieren, dass Convenience-Produkte der Nahrungsmittelindustrie kaum mehr etwas mit den ursprünglichen Lebensmitteln zu tun haben. Der Geschmack stammt quasi aus dem Labor. Wie ist das beim Fleisch?

Grimm: Es gibt eine industrielle Parallelwelt der Nahrung. Das zeigt sich, wenn man etwa die Hühnersuppe von Knorr mit einer echten Hühnersuppe vergleicht. Nun habe ich mit Schrecken festgestellt, das Huhn aus Massentierhaltung gehört auch nicht mehr zu den "echten" Lebensmitteln. 98 Prozent der Masthühner stammen aus drei weltweit agierenden Konzernen. Diese Tiere – manche Kritiker sagen, das sind gar keine Tiere mehr – wurden so "optimiert", dass sie durch ein spezielles Turbofutter innerhalb kürzester Zeit gigantische Fleischmengen ansetzen. Dieses Hightech-Huhn kann mit normalem Futter nicht mehr ernährt werden. Würden Sie dieses Huhn in die Freiheit entlassen, würde es innerhalb kürzester Zeit verhungern. Letztendlich sind es speziell konstruierte Wesen, die sich nicht einmal mehr vermehren können.

STANDARD: Gibt es Alternativen zur Massentierhaltung? Haben Sie eine Lösung?

Grimm: Österreich ist die Lösung. Zwar gibt es auch hier Massenbetriebe, aber die positiven Beispiele, die ich in meinem Buch anführe, stammen fast alle aus Österreich. Die Wertschätzung gegenüber den Nahrungsmitteln und das Problembewusstsein ist bei euch deutlich höher ausgeprägt als etwa in Deutschland. (Günther Brandstetter, 1.2.2016)

Zur Person:

Hans-Ulrich Grimm ist Autor und Journalist für Themen rund um Lebensmittel und die Praktiken der Nahrungsmittelindustrie. Er ist Geschäftsführer von "Dr. Watson – Der Food-Detektiv" mit Sitz in Stuttgart. Am 1. Februar erscheint sein neues Buch "Die Fleischlüge". Am 10. und 11. Februar spricht er im Kunsthaus Saalfelden über sein neues Buch.

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  • Hans-Ulrich GrimmDie Fleischlüge. Wie uns die Tierindustrie krank macht2016 Droemer/Knaur336 Seiten, 18,50 Euro
    foto: droemer/knaur

    Hans-Ulrich Grimm
    Die Fleischlüge. Wie uns die Tierindustrie krank macht

    2016 Droemer/Knaur
    336 Seiten, 18,50 Euro

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