Juncker: Sicherheitslage für Juden in Europa "schlicht unerträglich"

27. Jänner 2016, 15:24
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"Gesellschaft in der Pflicht, Antisemitismus entgegenzutreten" – Kurz: Historische Verantwortung

Brüssel/Wien – EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat die Sicherheitslage für Juden in Europa als "schlicht unerträglich" bezeichnet. Extremismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Antisemitismus würden "gefährlich zunehmen", sagte Juncker am Donnerstag anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktages.

"Unsere gesamte Gesellschaft steht in der Pflicht, dem Antisemitismus entgegenzutreten, und wir müssen ihn von allen Seiten bekämpfen – ganz gleich, ob er von der extremen Rechten oder Linken oder von islamistischen Extremisten ausgeht", so Juncker. Juncker kritisierte, dass das Verbot der Leugnung des Holocausts zwar im EU-Recht bereits verankert sei, aber von 15 Ländern noch nicht richtig durchgesetzt werde.

Kurz: Historische Verantwortung

Der Einsatz für eine Gesellschaft, "in der Menschen verschiedenster Herkunft friedlich und ohne Angst leben können, ist Teil unserer historischen Verantwortung", betonte auch Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) in einer Aussendung. Das Gedenken an die Holocaust-Opfer bedeute zugleich auch eine "Verpflichtung, Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen". Hetze und Extremismus müsse "entschlossen entgegengetreten" werden, so Kurz.

"Nie hätte ich gedacht, dass ein Rabbi in Marseille aus Sorge seiner Gemeinde vom Tragen der Kippa abrät, dass jüdische Schulen und Synagogen geschützt werden müssen, dass sich Juden in Europa so unsicher fühlen würden, dass sie in bisher beispielloser Zahl nach Israel auswandern. 71 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist dies schlicht unerträglich", sagte Juncker. "Ein Europa des Hasses wollen wir nicht", sagte Juncker. "Ein Europa ohne Juden wäre nicht mehr Europa."

Duda: Auschwitz bleibt "große Warnung"

Mehr als 80 ehemalige Auschwitz-Häftlinge haben am Mittwoch auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau der Opfer der nationalsozialistischen Massenmorde gedacht. "Auschwitz ist und bleibt eine große Warnung, was geschehen kann, wenn internationales Recht gebrochen wird und die internationale Gemeinschaft nicht reagiert", so der polnische Präsident Andrzej Duda.

Die Verluste, die etwa das jüdische und das polnische Volk erlitten hätten, seien "unvorstellbar", erklärte Duda. Am Vormittag hatten Häftlinge Blumen an der sogenannten Todeswand von Auschwitz niedergelegt, an der tausende Häftlinge erschossen wurden. "Die junge Generation muss sich erinnern, was damals geschah", sagte der ehemalige Auschwitz-Häftling Eugeniusz Dabrowski.

"Tragt die Erinnerung weiter, reicht sie weiteren Generationen", forderte auch der 86-jährige Asher Aud aus Israel, der das Lodzer Ghetto und Auschwitz-Birkenau überlebt hat. "Ich wünschte mir, dass unsere Geschichte und die Lehre daraus als Echo durch Jahrhunderte klingt. Das wäre unser großer gemeinsamer Sieg, der Sieg der Menschlichkeit und der Überlebenden der Shoah."

Ruth Klüger im Bundestag

Im Deutschen Bundestag berichtete indes die Schriftstellerin und Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger, wie sie als Kind von dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in das Arbeitslager Christianstadt deportiert wurde. Sie berichtete von Hunger, Kälte und Gewalt. "Im Steinbruch war es zum Verrecken kalt." Gleichzeitig lobte sie die deutsche Flüchtlingspolitik als Wendepunkt für das weltweite Ansehen Deutschlands. "Dieses Land, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen", sagte die in den USA lebende Literaturwissenschaftlerin.

Die Vereinten Nationen haben den 27. Jänner zum Internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus ausgerufen. Am 27. Jänner 1945 hatten Soldaten der Roten Armee rund 7.500 überlebende Häftlinge von Auschwitz-Birkenau befreit. (APA, 27.1.2016)

  • Rosen an der "Todesmauer" von Auschwitz.
    foto: reuters/kacper pempel

    Rosen an der "Todesmauer" von Auschwitz.

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