Apple: Warum Rekordgewinne nicht genug sind

Analyse27. Jänner 2016, 12:20
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Wachstum kühlt sich deutlich ab – Kein "nächstes großes Ding" in Sicht

Eigentlich hätte Apple jeden Grund zu feiern: Mit knapp 17 Milliarden Euro hat man gerade den größten Quartalsgewinn abgeliefert, den ein Unternehmen je erwirtschaften konnte. Und doch gab sich Unternehmenschef Tim Cook bei der Verkündung der Zahlen auffällig zurückhaltend. Auch die Aktienmärkte reagierten mit einem nachbörslichen Minus von mehr als drei Prozent verhalten. Doch was für viele zunächst unverständlich scheinen mag, hat in der Marktlogik durchaus gute Gründe – mehren sich doch die Anzeichen, dass Apple das rasante Wachstum der letzten Jahre nicht mehr halten kann.

Verhaltener Ausblick

Die wichtigsten Eckdaten dazu liefert Apple selbst. Für das kommende Quartal erwartet das Unternehmen einen Umsatz zwischen 50 und 53 Milliarden US-Dollar. Das wäre im Jahresvergleich der erste Umsatzrückgang seit mehr als zehn Jahren, im Vorjahr wurden in diesem Zeitraum noch 58 Milliarden Dollar umgesetzt. Zum ersten Mal dürften damit auch die Absatzzahlen des iPhones rückläufig sein – und damit jenes Geräts, das bislang der zentrale Wachstumsmotor des Unternehmens war.

Wachstum, Wachstum, Wachstum

Genau dieser Umstand bereitet der Börse Kopfzerbrechen: Immerhin verlangt die Logik der Märkte ein stetes Wachstum, und wo dieses herkommen soll, ist derzeit unklar. Ist Apple nach der Rückkehr von Steve Jobs an die Firmenspitze von einem Hype zum nächsten geschwebt, zeichnet sich aktuell kein "nächstes großes Ding" ab.

iPad? Nein

Deutlich zeigt sich das an den Zahlen zum iPad: Einst die große Hoffnung auf neue Umsatzrekorde, sind die Verkäufe des Tablets im letzten Quartal massiv zurückgegangen. Statt der 24,1 Millionen abgesetzten iPads des Vorjahresquartals waren es zuletzt nur mehr 16,1 Millionen. Das mag durchaus gute Gründe haben, etwa dass viele Konsumenten schlicht keinen Bedarf haben, sich nach dem Kauf eines Tablets in absehbarer Zeit ein neues zuzulegen. Als Wachstumsmotor taugt das iPad damit aber nicht. Besonders bitter sind die iPad-Zahlen für Apple deswegen, weil damit klar wird, dass auch das neue iPad Pro am Abwärtstrend im Tablet-Markt bisher nichts ändern konnte.

Apple Watch? Eher nicht

Im Vorjahr zeigte sich Cook noch davon überzeugt, dass die Apple Watch die Zukunft des Unternehmens prägen wird. Doch auch dieser Plan scheint nicht aufzugehen. Dass Apple keine Verkaufszahlen zu seiner Smartwatch liefert, ist vielsagend. Es passt dazu, dass das öffentliche Interesse an der Apple Watch – wie an der gesamten Kategorie – zuletzt wieder merklich zurückgegangen ist.

Autos und Virtual Reality

Seit einiger Zeit halten sich die Gerüchte, dass Apple an einem eigenen Auto arbeitet. Das ist fraglos ein zukunftsträchtiges Geschäft, allerdings auch eines, das mit vielen Unwägbarkeiten und Risiken verbunden ist. Vor allem aber ist nicht davon auszugehen, dass Apple-Autos schon in naher Zukunft erhältlich sein werden. Einen weiteren Hinweis auf ein künftiges Interessengebiet des Unternehmens gab Cook selbst, indem er bei der Ankündigung der Geschäftszahlen lobende Worte für Virtual Reality fand. Wann ein solches Gerät von Apple kommen könnte, bleibt aber auch hier ungewiss.

Alles relativ

Wie sich der Aktienkurs des Unternehmens in den kommenden Quartalen entwickeln wird, dürfte insofern auf absehbare Zeit weiterhin direkt vom Erfolg des iPhones abhängen. Die gute Nachricht für Apple: Es gibt auch Hinweise darauf, dass so manche Analysten die Situation zu negativ beurteilen. So folgen die prognostizierten Rückgänge bei den iPhone-Absätzen einem absoluten Rekordjahr. Viele Nutzer hatten sich angesichts der Vergrößerung des Bildschirms beim iPhone 6 (Plus) zu einem Neukauf motivieren lassen. Insofern ist die jetzige Abkühlung des Erfolgs auch eine indirekte Reaktion auf den übermäßigen Erfolg des Vorjahrs und nicht notwendigerweise ein Indikator für die weitere Zukunft.

Indien und China

Zudem verweist Apple darauf, dass ein Teil des Problems auf die aktuellen wirtschaftlichen Probleme in China zurückzuführen ist, da Apple in den letzten Jahren hier besonders stark gewachsen ist. Hoffnung macht dem iPhone-Hersteller zudem, dass die Absätze in einem weiteren Wachstumsmarkt stark gewachsen sind: In Indien wurden im letzten Quartal um 75 Prozent mehr iPhones verkauft als ein Jahr zuvor.

Größere Trends

Trotzdem ändert das wenig daran, dass die Zeiten des rasanten Wachstums des Smartphones-Markts langsam zu Ende gehen und sich natürlich auch Apple diesem Trend nicht entziehen kann. Das liegt einerseits daran, dass die Behaltezyklen länger werden da viele Nutzer in einem jährlichen Hardware-Upgrade keinen Sinn mehr sehen. Gleichzeitig sind auch all die vielzitierten Hoffnungsmärkte irgendwann einmal ausgeschöpft, zumal es hier auch für Apple aufgrund der lokalen Einkommensstruktur und der Hochpreispolitik des Unternehmens weniger zu holen gibt als für Android-Hersteller.

Existenzbedrohung? Nicht einmal annähernd

Bei all dem Gesagten darf aber eines nicht vergessen werden: Wirkliche Sorgen muss man sich um Apple auf absehbare Zeit nicht machen. Das Unternehmen sitzt aktuell auf einem Geldberg von rekordverdächtigen 216 Milliarden US-Dollar. Damit würde man, selbst wenn man einmal keine Rekordgewinne mehr schreibt, eine ganze Zeit lang auskommen. Insofern geht es also in all diesen Einschätzungen nicht um ein heraufdräuendes Ende von Apple, einzig die Aktionäre müssen sich in den kommenden Jahren eventuell auf etwas weniger fette Jahre einstellen. Außer natürlich, Apple überrascht die Tech-Welt einmal mehr – und kann in den kommenden Quartalen doch wieder ein nächstes großes Ding hervorzaubern. (Andreas Proschofsky, 27.1.2016)

  • Apple: auf der Suche nach dem nächsten großen Ding.
    foto: chance chan / reuters

    Apple: auf der Suche nach dem nächsten großen Ding.

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