Yu Yutopia: Bollywood-Flaggschiff mit CyanogenOS im Test

6. Februar 2016, 09:40
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Erstes indisches Highend-Gerät mit guter Ausstattung, aber unfertigem Android-System

Submarken liegen im Trend. Mit Honor betreibt etwa Huawei einen zweiten Telefonhersteller, auch ZTE hat mit Nubia einen Satelliten, der mittlerweile internationales Parkett betreten hat. Lenovo wiederum hat seine Tochter ZUK gleich für internationale Distribution aufgestellt. Etwas eigenständiger, vom Prinzip aber ähnlich, ist auch OnePlus aufgestellt, dessen wichtigster Stakeholder mit Oppo ebenfalls ein chinesisches Unternehmen ist.

In Indien gibt es mit Micromax einen lokalen Hersteller, der sich bisher gut gegen Konkurrenz durch weltweit agierende Marken verteidigt hat. Mit Yu pflegt auch dieser seit einiger Zeit einen kleinen Zwilling. Das Prinzip dahinter ist das gleiche: Die Geräte werden nur online verkauft und die Werbetrommel wird hauptsächlich durch virales Marketing auf sozialen Medien gerührt.

Und das tat man auch für das neueste Gerät im eigenen Sortiment, ein Smartphone namens "Yutopia". Es wurde im Vorfeld des Launches kurz vor Weihnachten kräftig ausgeteilt, etwa mit Seitenhieben gegen das OnePlus 2 oder iPhone 6s. Das Smartphone erhielt den Beinamen "Biest" und wurde als das leistungsstärkste Handy angepriesen, das bislang erschienen sei. Der WebStandard hat keine Mühen gescheut und sich ein Testgerät besorgt.

foto: derstandard.at/pichler
foto: derstandard.at/pichler

Die Spezifikationen scheinen in der Tat verlockend. Ein Snapdragon 810 soll für Rechenpower sorgen und darf auf üppige vier GB RAM zugreifen. Ein 5,2-Zoll-Display liefert eine scharfe Auflösung von 2.560 x 1.440 Pixel (565 PPI) und ein Fingerabdruckscanner soll eine flotte Entsperrung ermöglichen. Reisende, Tarifflexible und Platzbedürftige soll ein Kombislot zufrieden stellen, über den sich das Telefon entweder mit zwei SIM-Karten (1x nano, 1x micro) oder einer microSIM und einer microSD-Karte zur Erweiterung des internen Speichers von 32 GB bestücken lässt.

Verzichtet wird, wie bei vielen asiatischen Geräten noch üblich, auf NFC. Die restlichen Basics sind aber ebenfalls an Bord. Das Handy versteht sich mit WLAN (802.11ac auf 2,4 und 5 GHz), Bluetooth 4.1 LE, 3G sowie LTE (Bänder 1, 3, 7, 20 und 40). Die rückseitige Kamera bietet eine Auflösung von 21 Megapixel mit optischer Bildstabilisierung, Dualtone-Blitz und PDAF, das frontseitige Modul schafft immerhin acht Megapixel. Auf dem Papier wären also fast alle Checkboxen für ein Top-Smartphone abgehakt.

Das Smartphone selbst kommt in einer schwarzen, auf Understatement ausgerichteten Verpackung. Sie beinhaltet neben dem Telefon auch Ladegerät, Ladekabel, eine Schutzfolie nebst kleinem Mikrofasertuch, ein In-Ear-Headset Marke House of Marley sowie ein transparentes Schutzcover. Das Yutopia misst 146,6 x 72,7 x 7,2 Millimeter bei knapp 160 Gramm Gewicht.

foto: derstandard.at/pichler

Verarbeitungstechnisch lässt sich bis auf einen etwas ungleichmäßig verlaufenden Spalt zwischen Displayeinheit und dem Gehäuse nicht viel bemängeln. Das Handy ist auf der Vorderseite mit Gorilla Glass verglast und sonst in Aluminium verpackt. Das Kameramodul ragt auf der Rückseite auffällig hervor und erinnert optisch etwas ans Nokia Lumia 1020. Seine Konstruktion hat allerdings ein Problem. Weil sie sich von der Rückseite abhebt, liegt das Gerät nie flach auf. Zum Überdruss ist die Verglasung der Kamera selbst auch nicht aus kratzgeschütztem Glas. Es ist also Vorsicht geboten.

Das Design an sich vermag aus der Menge durchaus herauszustechen. Ob positiv oder negativ, bleibt freilich Geschmacksfrage. Der SIM-Einschub schließt jedenfalls gut ab, die drei Tasten (Ein/Aus sowie zwei für die Lautstärkeregelung) sitzen ohne zu wackeln am Rand des Gehäuses. Der Anschluss auf der Unterseite erweckt zwar den Eindruck eines USB-C-Ports, es handelt sich allerdings um einen microUSB 2.0-Stecker.

Die Ergonomie des flachen Geräts mit seinen abgerundeten Kanten benötigt etwas Gewöhnung. Es gibt definitiv Smartphones, die sich komfortabler halten lassen. Das Anlegen der Schutzhülle verbessert die Situation. Weil das "Kinn" des Gerätes relativ breit ist, lässt sich das Yutopia nur sehr bedingt mit einer Hand bedienen.

foto: derstandard.at/pichler

Der Bildschirm gibt Farben gut und kontrastreich wieder, erreicht aber nicht ganz das Niveau des Galaxy S6 oder LG G4. Die maximale Helligkeit ist ausreichend, um auch unter direkter Sonneneinstrahlung (mit etwas Mühe) noch Inhalte erkennen zu können. Die Auflösung des Bildschirms wird vor allem Freunde von Virtual Reality-Experimenten erfreuen.

Abseits davon würde ein normales Full HD-Panel auf 5,2 Zoll ausreichen, ohne dass der Unterschied mit freiem Auge sichtbar wäre. Dazu könnte damit auch die Last auf CPU und Grafikeinheit und somit der Akkuverbrauchreduziert werden.

Das Testgerät hat ein kleines "Lichtleck" im linken unteren Eck, wo die Hintergrundbeleuchtung sichtbar das Display überstrahlt. Laut bisherigen Rezensionen scheint es sich aber um einen Einzelfall und kein verbreitetes Problem zu handeln.

foto: derstandard.at/pichler

Vorinstalliert ist Android 5.1 in Form der bekannten alternativen Firmware CyanogenOS, ein Update auf Android 6.0 wurde bereits angekündigt. Dieses bringt kleinere Interfaceanpassungen und verschiedene eigene Standard-Apps – etwa eine andere Kamera – mit. Die Oberfläche lässt sich ganz nach Geschmack anpassen, von eigenen Iconsets bis zur Onscreen-Navigationsleiste. Die Unterstützung für diverse Systemsprachen ist mannigfaltig, auch eine deutsche Lokalisierung ist vorhanden.

Dazu gibt es auch einen Client für den Musikstreamingdienst "Ganaa", der ein beschränktes Gratisstreaming-Angebot verfügt, was Freunde von Bollywood-Beschallung und indischer Popmusik erfreuen dürfte. Ebenfalls dabei ist "Around Yu", eine Art indische Alternative zum ebenfalls verfügbaren Google Now. Diesen Dienst erreicht man durch eine Wischbewegung nach links vom Hauptbildschirm. Er ermöglicht die Suche nach Waren, Dienstleistungen und Verkehrsanbindung in der Umgebung und im Internet. In Wien beschränken sich die Ergebnisse auf Hotels, Produkte von Amazon India sowie seltsame Flugrouten. Man merkt: Yutopia ist auf Yus Heimatmarkt zugeschnitten.

Der Zugang zu Google Play ist problemlos möglich. Die Zusätze für indische Nutzer beschränken die Nutzbarkeit des Gerätes nicht. Einzig die Garantieabwicklung wird erschwert, da sich zwar für eine Reihe von Ländern, nicht aber Österreich, ein Yu-Account registrieren lässt. Die Inanspruchnahme von Support im Schadensfall ist aber ohnehin aufgrund des Distributionswegs ohnehin kaum möglich – doch dazu später mehr.

foto: derstandard.at/pichler

Durch die Oberfläche navigiert man am Yutopia ruckelfrei. Apps starten zügig. Mit rund 72.600 Punkten bei Antutu und einer soliden Performance im Grafikbenchmark 3DMark (Slingshot, OpenGL ES 3.1, 829 Punkte) liefert das Handy ordentliche Werte ab, aber keine Ergebnisse, die die Bezeichnung "schnellstes Smartphone" rechtfertigen würden. Für ein Gerät mit dem Snapdragon 810 ist hier auch definitiv noch Luft nach oben.

Negativ fallen auch Instabilitäten bei einzelnen Apps auf, die gelegentlich abstürzen. Bei aufwändigen Games kommt das Handy auch schon mal kurz ins Ruckeln, obwohl es nicht sollte. Zum Vergleich: "Asphalt 8" läuft etwa am Gigaset ME – ebenfalls ein Gerät mit Snapdragon 810 -, das der WebStandard kürzlich im Test hatte, merkbar flüssiger. Trotz des Auflösungsunterschieds sollte dies eigentlich nicht der Fall sein.

Ursache ist die anscheinend noch wenig optimierte CyanogenOS-Software, die auch in anderen Rezensionen des Telefons bemängelt wird. Mit künftigen Aktualisierungen sollte das Gerät näher an sein Leistungspotenzial kommen. Yu hat mittlerweile auch Anleitungen zur Entsperrung des Bootloaders und das Rooten des Yutopia in seinen Foren veröffentlicht, sodass sich auch Custom-ROM-Entwickler austoben können. Auch mit anderen Smartphones fährt Yu hier übrigens eine sehr offene Strategie.

foto: derstandard.at/pichler

Die Kamera macht unter guten Lichtbedingungen sehr gute Bilder in flotter Geschwindigkeit. Auch bei bedecktem Himmel oder anbrechendem Abend kann sich die Fotoqualität sehen lassen, wenn gleich die Farbwiedergabe noch verbessertwerden könnte. Schwindet das Echtlicht, hilft die optische Bildstabilisierung, einigermaßen scharfe Schnappschüsse zu machen, Bildrauschen und Auslöseverzögerungen zeigen aber auch hier softwareseitigen Reparaturbedarf auf. Die Frontkamera macht brauchbare Fotos und reagiert auch bei reinem Kunstlicht kaum mit Farbverfremdungen.

Akustisch spielt das Yutopia gut mit. Soundwiedergabe über den Lautsprecher klingt für ein Smartphone überdurchschnittlich gut, weswegen es schade ist, dass dieser auf der Rückseite und nicht an der Front- oder Unterseite verbaut wurde. Das Anhören von Musik oder Podcasts über den Klinkenausgang macht Spaß, denn das beigelegte Headset liefert klare Akustik und schöne Bässe.

Mängelfrei schneidet das Handy auch in Sachen Telefonie ab. Der Empfang ist gut. In Gesprächen hören sich beide Teilnehmer klar und deutlich. Mit einem Sticker am Gerät werden auch die SAR-Werte ausgewiesen, diese betragen 0,3 W/kg (beim Telefonieren mit dem Gerät am Ohr) bzw. 0,62 W/kg (beim Mitführen am Körper), was deutlich unter der von der WHO bestimmten Maximal-Sendeleistung von 2 W/kg liegt.

foto: derstandard.at/pichler

In bisherigen Rezensionen wird der Fingerabdruckscanner des Telefons durchgehend bemängelt. Nach über zwei Wochen Verwendung als täglicher Begleiter kann hier Entwarnung gegeben werden. Ja, es gibt zuverlässigere Fingerprint-Scanner. Mit etwas Gewöhnung klappt das Entsperren des Yutopia aber fast immer beim ersten Versuch. Hier gibt es ebenfalls Potenzial für Verbesserungen mit Firmware-Aktualisierungen.

Was die Akkulaufzeit angeht, so liegt die nicht austauschbare 3.000-mAh-Batterie auf Lithium-Ionen-Basis am erwartbaren Niveau. Wer das Gerät nicht dauernd mit maximaler Helligkeit betreibt oder ständig mit Spielen an seine Grenzen treibt, sollte mit kleinen Reserven über den Tag kommen. Dank der Unterstützung von Quickcharge 2.0 ist er aber flott wieder auf zwei Drittel seiner Kapazität aufgeladen.

foto: derstandard.at/pichler

Bleibt noch ein Exkurs, um etwas Perspektive zu schaffen: Das Yu Yutopia kostet in Indien 25.000 Rupien oder umgerechnet etwa 340 Euro. Das wäre für diese Hardware hierzulande ein Kampfpreis. Da das Gerät aber exklusiv am Subkontinent vertrieben wird, ist es nur über Umwege nach Europa zu bekommen.

Im konkreten Fall wurde der Dienst Indian Mailbox in Anspruch genommen, der eine indische Lieferadresse bereit stellt und auch im Namen des Kunden Bestellungen abwickelt. Das Prozedere lief erstaunlich schnell ab. Am 28. Dezember begann die Auslieferung des Handys Seitens Amazon. Über das Postfach in Gurgaon und den Flughafe Neu-Delhi gelangte das Paket schließlich per UPS-Zustellung nach Wien. Kostenpunkt unter Berücksichtigung von Gebühren und Zöllen: Rund 440 Euro.

Ein schmerzhafter Aufpreis, der das Yutopia bereits in Preisbereiche von Markengeräten mit ähnlicher Hardware rückt. Und ein Risiko: Denn selbst wenn Yu im Schadensfall die Garantie anerkennt – das Handy wurde wie gesagt von einem Mittelsmann erworben – wird ein Postversand nach Indien nicht erspart bleiben. Wer nicht konkret nach einem Smartphone mit dieser Hardwareausstattung für ROM-Basteleien sucht, sollte sich also lieber nach Alternativen umsehen oder auf Preissenkungen warten.

Nichtsdestotrotz handelt es sich um ein spannendes Gerät. Einerseits steht es sinnbildlich für die Entwicklung des indischen Handymarktes, der im Gegensatz von anderen Ländern starke lokale Mitspieler hat. Und andererseits könnte er ein Vorbote für künftige Entwicklungen sein. Durchaus möglich, dass Yu, oder Mutterfirma Micromax, künftig auch versuchen werden, international mitzuspielen. Die steigende Nachfrage nach gut ausgestatteten Smartphones zu Mittelklassepreisen eröffnet hier jedenfalls eine Chance.

Fazit

Mit dem Yutopia liefert Yu das erste indische Smartphone, das in der absoluten Highend-Liga mitspielt. Dabei macht man vieles richtig, aber auch manches falsch. Das 2K-Display liefert zwar gute Darstellung, ist aber in Sachen Auflösung für alle, die nicht regelmäßig mit Google Cardboard und Co hantieren, nicht mehr als ein Lockmittel am Spezifikationszettel.

Die Verarbeitung ist gelungen und die Hardware des Gerätes ist trotz kleinerer Macken wie dem etwa störrischen Fingerabdruckscanner sehr potent. Die große Schwäche des Bollywood-Boliden ist seine Software. Bis alle Kinderkrankheiten ausgemerzt sind und das Handy die Leistung abrufen kann, zu der es fähig wäre, wird wohl die eine oder andere CyanogenOS-Aktualisierung fällig werden. (Georg Pichler, 06.02.2016)

Kamera-Testbilder

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Tageslicht (Originalfoto)
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Kunstlicht (Originalfoto)
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Kunstlicht, Nahaufnahme (Originalfoto)
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Gemischte Lichtsituation (Originalfoto)
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Nachtaufnahme, HDR (Originalfoto)
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Frontkamera, Kunstlicht (Originalfoto)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testgerät wurde vom Autor privat erworben.

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