Ein Zug, ein Boot, ein Ziel, kein Fahrer

27. Jänner 2016, 11:19
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Österreichs Basketball-Nationalteam hat ein halbes Jahr vor Beginn der EM-Qualifikation noch keinen Teamchef. Der Verband will bald fündig sein und gelobt mehr Professionalität

Wien – "Der Zug rollt", sagt Hubert Schreiner seinen Kritikern, "und entweder sie steigen ein oder sie bleiben halt zurück". Michael Schrittwieser bemüht eine andere Metapher. "Wir sitzen am Ende alle in einem kleinen Boot. Und jeder Schuss geht am Ende in die eigene Bugwand." So oder so, es soll also endlich vorwärts gehen im österreichischen Basketball. Schreiner ist neu gewählter Präsident des österreichischen Basketball-Verbandes (ÖBV), Schrittwieser sein Sportdirektor.

Im Verbandsbüro in der Wiener Favoritenstraße wurde tonnenweise Papier für Konzepte vernichtet, Reformen totdiskutiert, die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner wurde zu größten Fehlerquelle. Alles Schnee von gestern?

"Wir suchen keinen Landesliga-Trainer"

Dem ÖBV steht wieder einmal eine EM-Qualifikation ins Haus (31. August bis 17. September). Die Gegner auf dem Weg zur EuroBasket 2017 sind in Gruppe B Deutschland, Dänemark und Niederlande. Die jeweiligen Gruppensieger und die vier besten Zweiten steigen auf. "Kein fantastisches Los, aber wir können damit leben", sagt Schreiner. Was im heimischen Fußball für ein Erdbeben gesorgt hätte, ist im Basketball nicht der Rede wert: Das Nationalteam hat noch immer keinen Teamchef. Seitdem der Vertrag von Werner Sallomon im Sommer nicht verlängert wurde, ist der Posten vakant. Präsident Schreiner hatte für November einen neuen Trainer angekündigt. "Wir suchen keinen Landesliga-Trainer, wollen aber auch keinen Schnellschuss."

Für die Suche des Teamchefs ist Sportdirektor Michael Schrittwieser zuständig. Der 48 -Jährige Steirer erstellte ein Anforderungsprofil, von ursprünglich 25 Kandidaten stehen mittlerweile drei in der engeren Auswahl. Die wichtigsten Voraussetzung: "Es muss ein Trainer mit Erfahrung sein, also jemand der bereits bei einer EM gecoacht hat. Und er soll möglichst wenig Angriffsfläche für Liga und Verband bieten", sagt Schrittwieser. Ein absoluter Wunschkandidat war der Kanadier Gordon Herbert, dieser hat aber im November seinen Vertrag bei Frankfurt in der deutschen Basketball-Bundesliga verlängert, mit der Bedingung kein Nationalteam zusätzlich zu coachen. "Full-Time"- Teamchefs im Basketball sind nämlich im Gegensatz zum Schlaraffenland Fußball noch immer die Ausnahme. Österreichische Trainer, die im Ausland reüssieren, wie Raoul Korner (Braunschweig) oder Stephan Weissenböck (Assistant-Coach beim deutschen Meister Bamberg), standen nicht zur Debatte. "Das soll ihre Leistung aber nicht abwerten. Ich respektiere ihre Arbeit sehr."

Anfragen gab es von Trainern mit NBA-Erfahrung, aber "ein Phil Jackson oder Gregg Popovich waren nicht dabei". Die Mittel des ÖBV sind begrenzt, "an den finanziellen Vorstellungen scheitert es aber nicht. Wir bewegen uns nicht außerhalb unseres Rahmens." In der ersten Februar-Woche soll der neue Teamchef präsentiert werden.

Fragezeichen hinter Pöltl

Mithelfen könnte auf dem Weg zur EM auch Jakob Pöltl. Mit der Betonung auf "könnte". Sollte der 20-Jährige Wiener im Sommer in der NBA landen, wäre ein Einsatz im ÖBV-Dress ungewiss. Viele NBA-Rookies absolvieren die gesamte Vorbereitung bei ihren neuen Klubs in den USA, da bleibt keine Zeit fürs Nationalteam. Für Schrittwieser ist das "Schnee von morgen, ich gehe nicht von einer automatischen Absage aus." Auch müsste der ÖBV für Pöltl eine Versicherung zahlen. Im Fall von Dirk Nowitzki hatte der deutsche Basketball-Bund etwa eine Versicherungssumme von 200.000 Euro für die Heim-EM im Vorjahr abgeschlossen. "Nowitzki ist ein Superstar. Für Jakob werden keine Mega-Summen fällig werden", sagt Schreiner. "Ich rechne mit ihm. Ein Dennis Schröder hat als NBA-Rookie auch für Deutschland gespielt. Außerdem fängt die Saison in den USA erst im November an."

Dass die Nationalteams als Lokomotive ihrer Sportart in Zukunft öfter spielen, dafür sorgt eine Entscheidung des Basketball-Weltverbandes (FIBA). Wie im Fußball werden ab 2017 auch im Basketball während der Saison EM- und WM-Qualifikations-Spiele ausgetragen. Zu den Zeitfenstern im Sommer kommen jeweils zehn Tage im November und im Februar dazu. Die NBA wird ihren Spielbetrieb dafür allerdings nicht unterbrechen und keine Spieler abstellen.

Neue Kommunikations-Strukturen, Organigramme, ein Förderprogramm inklusive Beratung durch den ehemaligen deutschen Teamtrainer Henrik Dettmann: Im ÖBV hat man sich viel vorgenommen. Österreichweit wurden alle 14-Jährigen Basketballer und Basketballerinnen sportmotorisch getestet. "Ich schaue mir an, welcher andere Fachverband das zu Wege gebracht hat." Beim Bundesländer-Cup wird nicht mehr im üblichen Modus Fünf gegen Fünf gespielt, sondern Drei gegen Drei, "damit individuelle Talente besser heraus stechen."

Das Team hat mehr Legionäre in starken Ligen denn je. Schrittwieser: "Dem Verband geht es besser, als er glaubt." (Florian Vetter, 27.1.2016)

  • Michael Schrittwieser ist für die Suche des Teamchefs zuständig: "Es muss ein Trainer mit Erfahrung sein, also jemand, der bereits bei einer EM gecoacht hat. Und er soll möglichst wenig Angriffsfläche für Liga und Verband bieten".
    foto: apa/expa/sascha trimmel

    Michael Schrittwieser ist für die Suche des Teamchefs zuständig: "Es muss ein Trainer mit Erfahrung sein, also jemand, der bereits bei einer EM gecoacht hat. Und er soll möglichst wenig Angriffsfläche für Liga und Verband bieten".

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