Explosionsgefahr: Krisenschauplatz Weltpolitik

Kommentar der anderen26. Jänner 2016, 17:16
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Eine Krise reiht sich an die andere, die politische Plattentektonik ist ins Rutschen geraten: Noch nie hat es so schlechte Vorzeichen für die Welt gegeben. Es ist so düster, dass selbst Partys keinen Spaß mehr machen

Aus Kommentaren internationaler Tageszeitungen zu den globalen Großkrisen:

Zeitung: NYT

(New York) Fange ich an, über den Zustand der heutigen Welt zu reden, dann schaffe ich es, so ziemlich jede Dinnerparty damit zu ruinieren. Ich meine es gar nicht so, aber es ist schwierig, sich nicht umzusehen und zu fragen, ob der gegenwärtige Aufruhr in den internationalen Märkten nur Produkt einzelner Erschütterungen ist oder nicht doch eher eine seismische Verschiebung der Grundfesten des internationalen Systems – mit absolut unvorhersehbaren Konsequenzen.

Was, wenn gleich mehrere Epochen auf einmal zu Ende gehen?

Was, wenn wir am Ende der als 30 Jahre währenden Wachstumsperiode in China angelangt sind und deshalb Chinas Fähigkeit, das globale Wachstum durch Importe, Exporte und den Einkauf von Rohstoffen zu befeuern, in Zukunft weit weniger überschäumend und verlässlich sein wird?

Was, wenn die 100-Dollar-pro-Barrel-Ölpreis-Ära vorüber ist und alle Länder, deren Wirtschaft direkt oder indirekt von diesen Ölpreisen gestützt wird, lernen müssen, auf die altmodische Art und Weise zu wachsen – indem sie Güter und Dienstleistungen produzieren, die andere kaufen wollen? Dank technologischer Fortschritte in Amerika wie Fracking, horizontaler Bohrungen und des Gebrauchs von Big Data, um Lagerstätten zu identifizieren, ist die Macht über die Preise durch die Opec verschwunden. Länder, die ihre Budgets auf einen Ölpreis von 80 bis 100 US-Dollar pro Barrel ausgerichtet haben, finden sich unterfinanziert wieder, während ihre Bevölkerungen – etwa im Iran, in Saudi-Arabien, Indonesien und Nigeria – stark angewachsen sind.

Was, wenn der Durchschnitt für Länder nicht mehr reicht? Während des Kalten Krieges genügte es, ein durchschnittliches, unabhängiges Land mit künstlichen, von den Kolonialmächten gezogenen Grenzen zu sein. Zwei Supermächte waren bereit, Finanzhilfen auf diese Länder zu werfen, deren Kinder in Amerika oder Moskau auszubilden, die Streitkräfte und Sicherheitsbehörden auszurüsten sowie deren lausige Exporte oder Rohstoffe zu kaufen.

Aber was, wenn das Aufkommen von Robotern, Software und Automatisation bedeutet, dass diese Länder nicht länger auf Produktion setzen können, um Arbeit für die Massen zu schaffen? Was, wenn die Produkte, die sie herstellen und verkaufen, nicht mehr mit den chinesischen Gütern mithalten können, wenn der Klimawandel deren Ökosysteme bedroht und weder Russland noch Amerika noch etwas mit ihnen zu tun haben wollen, weil sie dadurch nur Rechnungen bekommen?

Viele dieser schwachen, artifiziellen Staaten korrespondieren nicht mit ethnischen, kulturellen, linguistischen oder demografischen Realitäten. Sie sind Wohnwagen in einem Trailerpark – gebaut auf dünnem Beton und ohne Fundamente oder Keller. Was wir heute mit der Beschleunigung der Technologie, des Klimawandelstresses und der Globalisierung sehen, ist das Äquivalent eines Tornados, der in einen Trailerpark fährt. Manche der Staaten fallen auseinander, und viele von deren Einwohnern versuchen nun, das Mittelmeer zu überqueren – um ihre unordentliche Welt gegen eine ordentliche einzutauschen, vor allem gegen jene der EU.

Aber was, wenn auch die EU-Ära vorbei ist? Reuters berichtete diese Woche, dass Deutschland den anderen EU-Ländern sagt, es könne die Grenzen schließen, wenn sie nicht den Zustrom von weiteren Flüchtlingen aus dem Mittelmeer behindern und "Berlin von der einsamen Aufgabe entlasten, diese Flüchtlinge aufzunehmen". Manche Deutschen wollen sogar einen Grenzzaun. Ein hochrangiger Konservativer wurde damit zitiert: "Wenn ein Zaun gebaut wird, ist das das Ende Europas, wie wir es kennen."

Was, wenn die Ära des iranischen Isolationismus vorbei ist, genauso wie das arabische System zerfällt und die Zweistaatenlösung zwischen Israelis und Palästinenser Geschichte ist? Wie interagieren all diese Moleküle?

Und was, wenn all dies passiert, wenn das Zweiparteiensystem in Amerika das meiste seiner Energie von der radikalen Linken und radikalen Rechten zu generieren scheint? Bernie Sanders' Plattform besteht aus der Ansicht, dass wir alle Probleme lösen können, wenn wir "den Mann" schlicht mehr besteuern. Donald Trump und Ted Cruz suggerieren in ihren Kampagnen, dass sie "die Männer" – die starken Männer – sind, die jedes Problem quasi lösen magisch können.

Was, wenn unsere Wahl 2016 aus einem Sozialisten und einem Borderline-Faschisten besteht – zwei Ideen, die 1989 und 1945 zerfallen sind? Und was, wenn dies alles zu einer Zeit passiert, in der die Möglichkeiten unserer Regierung, die Wirtschaft durch monetäre oder steuerliche Reize anzukurbeln, beschränkt ist?

Aus all diesen Fragen setzt sich die reale politische Landschaft zusammen, mit der der nächste Präsident konfrontiert sein wird. Allein hier das Allerschlimmste: Was, wenn wir eine Präsidentschaftswahl haben und niemand diese Fragen stellt, geschweige denn wenn sich diese tektonischen Platten alle gleichzeitig bewegen? Wie werden wir dabei Wachstum, Jobs, Sicherheit und Widerstandsfähigkeit erzeugen?

Es gibt noch immer die Möglichkeit für jemanden, Führungsstärke zu beweisen, indem er all diese Fragen stellt. Aber die Zeit dafür geht schnell zu Ende – genauso wie die Dinnerparty, die ich gesprengt habe. Thomas Friedman

Zeitung: WSJ

(New York) Sehen Sie sich Europa-Karten vom Mittelalter bis zur Frühmoderne an, und Sie werden überwältigt sein von der verwirrenden Inkohärenz – all diese Imperien, Königreiche, Konföderationen, Kleinstaaten. Es ist ein Bild einer radikal fragmentierten Welt. Und das heutige Europa kehrt zu diesen Karten zurück. Die Jahrzehnte des Friedens und der Prosperität, von den 1950ern bis 2009, ließen die politischen Konturen des Kontinents simpel erscheinen. Es gab zwei Blöcke, die vom Traum eines geeinten Europas nach dem Kalten Krieg abgelöst wurden. Heute erhält die EU einen Schlag nach dem anderen – von innen und von außen. Und die Geschichte verkehrt sich zu lähmender Komplexität – so als ob das vergangene halbe Jahrhundert nur ein Interregnum vor der Rückkehr der Angst und des Konfliktes gewesen wäre. Robert D. Kaplan (26.1.2016)

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