Genfer Uhrensalon: Am Preisrädchen drehen

28. Jänner 2016, 16:11
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Ein Rundgang beim Genfer Uhrensalon 2016 zeigt: Luxusuhren verlieren an Größe, die Preise normalisieren sich. Ist das der Beginn einer neuen Bescheidenheit der Branche?

Es war ein schweres Jahr für die Schweizer Uhrenbranche. 2015 wurde sie ordentlich durchgebeutelt. 2016 wird nicht besser. Einige Kassandrarufer wollen bereits eine Wiederholung des Crashes von 2009 sehen, andere meinten, sie hätten ein Déjà-vu der Ereignisse von Ende 2014 / Anfang 2015: Frankenstärke und andere Währungsturbulenzen, Terror in Paris und ausbleibende Touristen, wegbrechende Märkte, allen voran Hongkong. Ganz zu schweigen von einer allgemeinen Konjunkturschwäche.

Von einer richtig schmerzhaften Krise à la 2009 sei man zwar weit entfernt, wie Jean-Daniel Pasche, Präsident des Verbandes der Schweizer Uhrenindustrie, berichtet. Damals gingen in der Uhren-Schweizer mehr als 5.000 Jobs verloren. Dennoch verhagelten all die genannten Verwerfungen – einhergehend mit einer geopolitisch dramatisch veränderten Ausgangslage – die Bilanzen der Hersteller. Heuer sollen die Exporte des wichtigsten Uhrenherstellerlandes der Welt nur um schwache zwei Prozent wachsen.

foto: apa/afp/richard juilliart
Währungsturbulenzen, Terror, Konjunkturschwäche: Schlechte Vorzeichen im Vorfeld des 26. Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH), der vom 18. bis 22. Jänner seine Tore geöffnet hatte.

Das ist weit entfernt von den 20 Prozent, die es zu Boomzeiten waren. "Niemand hat ernsthaft geglaubt, dass es auf ewig so weitergehen würde", meint dazu ganz nüchtern Paul Swinand, Analyst beim Finanzinformations- und Analyseunternehmen Morningstar. Was wir jetzt erleben, sei letztendlich eine Normalisierung des Marktes, meinen andere Experten. Eines Marktes, der wie auf Steroiden schien: Immerhin hatte sich dieser seit der Jahrtausendwende verdoppelt – China sei Dank.

Markt auf Steroiden

Schon ist von den ersten Opfern dieser Entwicklungen zu hören: Die junge Marke Breva, die mit einigen interessanten Komplikationen aufhorchen ließ, musste aufgeben. Maurice Lacroix sucht seit Juli 2015 einen Käufer – offenbar sind nicht einmal chinesische Investoren an der Marke interessiert.

foto: reuters/pierre albouy
Parmigiani CEO Marc Gaudreault

Parmigiani hat global 50 Verkaufsstellen abgebaut, darunter Russland und die Türkei. Piaget hat seine Boutique in Schanghai geschlossen. Bei Ulysse Nardin (kürzlich von der Kering-Gruppe gekauft), Bulgari und Christophe Claret sollen Jobs weggefallen sein. Auch bei Hublot, einer sehr soliden Marke, wurden die Mitarbeiter, wie man hört, darauf eingeschworen, dass 2016 ein "sehr hartes Jahr werden wird". 2017 soll es allerdings wieder steil nach oben gehen. Ob es sich bei dieser Einschätzung um reinen Zweckoptimismus handelt, darüber kann man nur spekulieren.

Spare in der Zeit

Schlechte Vorzeichen also im Vorfeld des Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH), der vom 18. bis 22. Jänner seine Tore geöffnet hatte. Ein exklusiver Schaulauf – nur geladene Gäste dürfen rein – der Uhrenmarken des Luxuskonzerns Richemont (Cartier, Jaeger-LeCoultre, IWC Schaffhausen, etc.), an dem auch unabhängige Größen wie Audemars Piguet teilnehmen. Genf gilt gemeinhin als Gradmesser für das junge Uhrenjahr.

foto: hersteller
HYT, Hersteller hydromechanischer Uhren (Foto: "Skull Red Eye") war zusammen mit acht anderen jungen Marken das erste Mal in Genf vertreten.

Der nach LVMH zweitgrößte Luxusartikelkonzern reagierte betont gelassen auf all die Turbulenzen und ließ sich nicht lumpen. Auch heuer mangelte es den Besuchern dieses Mikrokosmos des tickenden Luxus an nichts. Weder ging der Champagner aus, noch wurde die Ausstellungsfläche verkleinert. Ja, Ralph Lauren war nicht mehr dabei, aber das fiel kaum jemandem auf. Denn an seiner Stelle kamen neun neue, unabhängige Uhrenmanufakturen zum Zug, wodurch sich die Ausstellerzahl auf 24 erhöhte. Sie erhielten mit ihren innovativen bis freakigen Produkten bestimmt mehr Aufmerksamkeit als zu ihren Baselworld-Zeiten.

Milliarden in Reserve

Natürlich wurde hie und da gespart, gab es weniger Abendevents, wurden die Runden kleiner. So mancher hat auch das legendäre Partyschiff am Ufer des Genfer Sees vermisst – es wurde ersatzlos gestrichen. "Nicht einmal 2009 hat es das gegeben", wurde hinter vorgehaltener Hand geflüstert. Muss man sich also doch Sorgen machen?

Nein. Zumindest nicht um die großen Uhrenkonzerne (die allerdings nur einen Bruchteil der rund 300 Schweizer Uhrenmarken in ihrem Portfolio haben). Sie haben rechtzeitig vorgesorgt und ihre Kriegskassen aufgefüllt. So soll die Swatch Group 1,2 Milliarden Euro Reserven haben, Richemont (Jahresgewinn 2015: rund 1,2 Milliarden Euro) sogar satte 4,8 Milliarden Euro. Der Konzern kündigte aber an, weniger Geld in Produktionskapazitäten buttern zu wollen und sich stärker auf das Distributions- und Verkaufsnetzwerk zu konzentrieren.

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Von François-Henry Bennahmias, Chef von Audemars Piguet, war zum Beispiel zu erfahren, dass die Umsatzprognose von 700 Millionen Schweizer Franken (rund 640 Millionen Euro) für 2015 um 100 Millionen übertroffen wurde.

Auch bei Rolex und Patek Philippe, die keine Zahlen veröffentlichen, dürfte kein Feuer am Dach sein. Sie wissen: Ihre Produkte sind gerade in schwierigen Zeiten besonders gefragt. Von François-Henry Bennahmias, Chef von Audemars Piguet, war zum Beispiel zu erfahren, dass die Umsatzprognose von 700 Millionen Schweizer Franken (rund 640 Millionen Euro) für 2015 um 100 Millionen übertroffen wurde: "Wir haben den Sturm gemeistert", sagte er. Auch A.-Lange-&-Söhne-CEO Wilhelm Schmid sieht die Entwicklungen entspannt, obwohl er sich, wie er sagt, manchmal wie ein Hedgefonds-Manager fühlt (siehe Interview).

Mehr Damenuhren

Der Rundgang auf den 40.000 Quadratmetern der Messehallen der Palexpo, auf denen die einzelnen Stände der Marken sich verteilen, zeigt, dass man sich auch bei den Uhren betont unaufgeregt gibt – die Uhren werden wieder kleiner. Das geht damit einher, dass die Zeiten, in denen man Frauen einfach mit Diamanten besetzte Quarzuhren ans Handgelenk legte, endgültig vorbei sind: Noch nie war die Auswahl an feinen mechanischen Damenuhren so groß.

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Die Genfer Uhrenmarke Roger Dubuis erklärte 2016 zum" Jahr der Diva".

Selbst IWC Schaffhausen, eine dezidiert maskuline Uhrenmarke, hat die Fliegeruhr "Pilot's Watch Automatic 36" mit dem für diese Gattung niedlichen Durchmesser von 36 Millimetern im Angebot. Auch wenn man diese nicht explizit als Damenuhr bezeichnet – die Botschaft ist klar: Bei dieser Zielgruppe ist noch Luft nach oben.

Uhren fürs Volk

Roger Dubuis erklärte das heurige Uhrenjahr gleich von Haus aus "zum Jahr der Diva" und widmet dieser mehrere aufwendig gestaltete Varianten der "Velvet"-Kollektion. Mit der "One" wiederum bringt Jaeger-LeCoultre eine Reverso-Linie explizit nur für Frauen auf den Markt.

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Cartier ist das wertvollste Pferd im Richemont-Stall. Die Pariser lassen mit einer neuen Preispolitik aufhorchen.

Dem oft gehörten – und meist ignorierten – Vorwurf, dass es die Luxusuhrenbranche mit ihrer Preispolitik übertrieben hat, zollt man nun Tribut: Die Zeitmesser werden wieder billiger. Beispielsweise ist eine automatische Montblanc-Uhr aus der brandneuen Kollektion "4810" schon ab 2.800 Euro zu haben.

Auch Cartier lässt aufhorchen: Das wertvollste Pferd im Richemont-Stall bietet seine "Clé de Cartier" ab 3.800 Euro an. Geradezu ein Schnäppchen. "Es gibt einen stärkeren Wettbewerb, wir können bei der Preisgestaltung momentan weitaus weniger elastisch agieren", sagt dazu Philippe Leopold-Metzger, CEO der Marke Piaget, die ebenfalls zu Richemont gehört. (Markus Böhm, RONDO, 29.1.2016)

  • Audemars Piguet setzt auf Gelbgold.
    foto: hersteller

    Audemars Piguet setzt auf Gelbgold.

  • H. Moser & Cie. gibt sich bescheiden.
    foto: hersteller

    H. Moser & Cie. gibt sich bescheiden.

  • Cartier gibt Rätsel auf: Wie bewegt sich dieses Werk?
    foto: hersteller

    Cartier gibt Rätsel auf: Wie bewegt sich dieses Werk?

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