15 Jahre Haft wegen Mordes an vierjähriger Tochter

26. Jänner 2016, 14:43
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38-Jährige tötete laut Psychiaterin in "extremem Belastungszustand", weil sie aus ihrer Wiener Wohnung delogiert werden sollte

Wien – Jene 38 Jahre alte Frau, die am 4. August in Wien-Hernals ihre vierjährige Tochter erstochen hat, ist am Dienstag am Straflandesgericht wegen Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Der Wahrspruch der Geschworenen fiel einstimmig im Sinn der Anklage aus. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, Verteidigerin Astrid Wagner bat um Bedenkzeit, Staatsanwalt Gerd Hermann gab keine Erklärung ab.

Die Angeklagte hatte sich in dem Schwurprozess schuldig bekannt. "Ich habe das Messer in die Hand genommen. Ich drehte mich um. Hinter mir stand meine Tochter. Ich packte sie mit meiner linken Hand am Kopf, und mit meiner rechten Hand hab' ich so einen Schwung gemacht", schilderte sie.

Laut der psychiatrischen Sachverständigen Adelheid Kastner befand sich die Frau in einem "extrem Belastungszustand", weil sie erkennen musste, dass sie diesmal die Delogierung aus ihrer Wohnung nicht mehr abwenden konnte. Das war ihr zuvor fünfmal im letzten Moment gelungen. In dieser Situation habe sie keine weitere Belastung mehr ertragen können, die sie laut Kastner allerdings hinnehmen musste, als ihre vierjährige Tochter ihr weinend erklärte, sie wolle nicht aus der Wohnung ausziehen.

Gutachterin: Frau war zurechnungsfähig

Da sei bei der Mutter "das System gekippt", erklärte die Gutachterin. Dass die Frau zum Messer griff, habe im Ergebnis bewirkt, "dass der akustische Druck, den die Tochter ausgeübt hat, weg war". Die Zurechnungsfähigkeit der Frau sei zum Tatzeitpunkt "noch vorhanden" gewesen.

Die Frau hatte mit ihrem bei einer Baufirma beschäftigten Mann, ihrer Tochter und ihrem 13 Jahre alten Sohn – beides Wunschkinder – in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Gemeindebau gelebt. Um das Finanzielle kümmerte sich sie. Dass sie das nicht im Griff hatte, verheimlichte die Frau ihrem Mann. "Ich habe mich geschämt, dass ich nicht imstande war, als Hausfrau meine Pflichten zu erfüllen", sagte sie vor Gericht. die Mietzinsrückstände für die 49-Quadratmeter-Wohnung häuften sich, mehrfach drohte Wiener Wohnen die Delogierung an, im vergangenen Frühjahr wurde der Frau schließlich schriftlich mitgeteilt, dass es keinen weiteren Zahlungsaufschub geben werde.

Am 30. Juni war sie neuerlich mit 2.100 Euro Zins im Rückstand, am 4. August läuteten um 7 Uhr ein Gerichtsvollzieher und ein Wiener-Wohnen-Mitarbeiter, um die gerichtlich genehmigte Delogierung durchzusetzen. Laut Anklage kniete sich die Frau – ihr Mann war bereits zur Arbeit gegangen – vor den beiden Männern auf den Boden und bat sie, die Familie nicht vor die Tür zu setzen. Nach zwei Telefonaten des Wiener-Wohnen-Mitarbeiters mit einer Vorgesetzten wurde ihr erklärt, die Delogierung sei diesmal "unumgänglich". Man stellte ihr noch Umzugskartons vor die Füße und forderte sie auf, ihre Sachen zu packen. Sie bekam auch noch die Telefonnummer des Jugendamts, die Männer rieten ihr, sich dort um ein Notquartier zu kümmern.

Verteidigerin: Drohung mit Jugendamt war ausschlaggebend

Für Verteidigerin Wagner war das ausschlaggebend für die Bluttat, über deren Ablauf die Angeklagte keine detaillierten Angaben machen konnte oder wollte: "Bei dem Wort 'Jugendamt' ist auf einmal ein Schreckensbild in ihr entstanden. Sie hat befürchtet, die Kinder werden im Heim landen. Sie hat sich als Versagerin gefühlt. In dem Moment war für sie alles aus." Es habe sich um eine Verzweiflungstat gehandelt.

Die Gerichtspsychiaterin sprach dagegen von einer Impulstat, hervorgerufen durch "eine Panikattacke, eine Angstattacke", weil die Delogierung feststand. Die Frau sei plötzlich "ohne Plan dagestanden, was sie machen soll. Und wenn Dinge nicht mehr zu kontrollieren sind, wird sie panisch." Kastner attestierte ihr, in ihrer Steuerungsfähigkeit "erheblich eingeschränkt" gewesen zu sein.

Um der Frau Zeit zu geben, ihr Hab und Gut zu packen, hatten der Gerichtsvollzieher und der Wiener-Wohnen-Mitarbeiter die Wohnung wieder verlassen und angekündigt, in 20 Minuten zurückzukehren und diese dann zu räumen. Die Vierjährige dürfte die Ereignisse mitbekommen haben und weinend zu ihrer Mutter gegangen sein, als die Männer fort waren. Sie folgte der Mutter auch in die Küche, wo diese das Messer nahm und ihre Tochter tödlich verletzte. Ihrem 13 Jahre alte Sohn sagte die Frau laut Anklage: "Geh weg und ruf Hilfe." Als kurz darauf die Polizei eintraf, ließ sie sich widerstandslos festnehmen. Laut Gerichtsmediziner Daniele Risser hatte die Vierjährige "absolut keine Überlebenschance". (APA, red, 26.1.2016)

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