Nach Köln: Nachrichten aus dem Schweigekartell

Kolumne27. Jänner 2016, 07:00
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Gerade über angeblich tabuisierte Themen wird am meisten diskutiert: über vermeintliche Sprachverbote und Gefühle, die ernst genommen werden

Haben Sie in Österreich eigentlich auch ein Schweigekartell? Bei uns wurde ja kürzlich eines vom Ex-Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) entdeckt. Politik, Polizei und Medien – alle stecken ihm zufolge unter einer Decke, um dem Volk die Wahrheit über den Migrationshintergrund von Kriminellen zu verschweigen. Gut, eine derartige Verschwörung ist natürlich möglich. Wenn einer diesbezüglich Bescheid wissen sollte, dann ist es Friedrich, der sein Ausnahmetalent zur Schweigekartellbildung unter anderem schon in der NSA-Affäre unter Beweis gestellt hat.

Dumm nur, dass Teile der deutschen Presselandschaft (das Magazin "Focus" zum Beispiel) den Begriff so dufte finden, dass sie ihn ein ums andere Mal selbst kolportieren. Oder dass die Redaktion der ZDF-"Heute-Show" sich erst kürzlich die Mühe gemacht und nachgezählt hat, wie oft die großen Talkshow-Formate seit 2010 die "totgeschwiegenen" Themen Integrationsproblematik und Migration angepackt haben – nicht weniger als 85-mal. Übrigens auch mit Vertreterinnen und Vertretern von Gruppen, die sich von der "Lügenpresse" diffamiert sehen und "als aufrechte Demokraten in diesem Land nicht mehr ihre Meinung sagen dürfen". Margarete Stokowski hat in einer Kolumne für den "Spiegel" wunderbar herausgearbeitet, dass es sich dabei hauptsächlich um vermeintliche, um gefühlte Sprechverbote handelt.

Sprechverbote, die nie erteilt wurden

Es macht keinen Sinn, Gründe für Sprechverbote zu erörtern, die gar nicht erteilt werden. Das hieße, nicht den Finger in die Wunde zu legen, sondern nach eingebildeten Krankheiten zu tasten. Denn gerade über angeblich tabuisierte Themen wird am meisten diskutiert.

Zur Erinnerung: Deutschland ist das Land, in dem Tilo Sarrazin in Talkshows eingeladen wird, um sein Buch über ihn zensierenden Tugendterror zu besprechen, das eine Startauflage von 100.000 Exemplaren hat, Rezensionen in diversen Feuilletons bekommt und zusätzlich einen Vorabdruck in der größten deutschen Tageszeitung. Hier ist die AfD-Politikerin Beatrix von Storch so frei, medienwirksam davon zu fantasieren, wohin Angela Merkel nach ihrem baldigen Rücktritt fliehen wird.

Die Gefühle jedoch, diese Märtyrerempfindungen sind echt. Darüber sollten wir reden. Über das Gefühl, dass die furchtbaren Geschehnisse der Silvesternacht in Köln und anderswo einmal mehr verdeutlicht haben, dass der Islam all die jungen muslimischen Männer zum "Sex-Mob" ("Bild") macht. Über das Gefühl, dass die Initiatorinnen der #ausnahmslos-Kampagne bewusst ausblenden, um wen es sich bei den Tätern handelt, weil sie ihrem politisch korrekten Gutmenschentum frönen wollen. Über das Gefühl, dass es in Ordnung ist, neuerdings für Frauenrechte einzutreten, indem man Frauen, die sexualisierte Gewalt und Rassismus kritisieren, mit sexualisierter Gewalt bedroht.

Und über das Gefühl, dass einem der Mund verboten wird, während man zugleich seine Meinung herausschreit.

Differenzieren sollen immer die anderen

Woher kommen diese Gefühle, und wieso sind sie so maßlos in ihrer Realitätsferne? Die Antwort auf diese Fragen lautet: schlechtes Gewissen. Etwas deutscher könnte man auch "Schuld" formulieren. Diejenigen, die so fühlen, verlangen Differenzierung immer nur von anderen, ohne sie selbst zu leisten. Sie wollen bei Erwähnung ihrer Nationalität im Ausland nicht für biertrinkende, fußballbesessene Berufsjodler gehalten werden und Variationen von "Yeah, Hitler and everything!" hören, wissen aber genauestens über DEN Moslem/Flüchtling/Nordafrikaner et cetera Bescheid. Sie finden sexualisierte Gewalt von Fremden schlimm, interessieren sich aber nicht dafür, dass diese in allen Schichten und hauptsächlich im sozialen Nahbereich stattfindet und dass es Opfern verunmöglicht wird, Sexualdelikte anzuzeigen.

Sie sind sich darüber im Klaren, dass sie zu viel verlangen, und lenken davon ab, indem sie dies einfach allen anderen unterstellen.

Wenn man diese Gefühle personifizieren würde, dann wären sie ein Kind, das sich an der Essensausgabe vorgedrängelt und den größten Nachtisch geschnappt hat und nun aus vollem Hals dagegen protestiert, dass die anderen, die keinen mehr bekommen haben, etwas abhaben wollen. Um Recht und Nachtisch zu behalten, projiziert es: Denen geht's wohl zu gut. Die sind nur gekommen, um sich zu nehmen, was ihnen nicht gehört. Die wollen überhaupt nicht wissen, wie es mir geht.

Je mehr ihm auseinandergesetzt wird, wie unverdient der Nachtisch ist, umso renitenter und lärmender fallen die Behauptungen aus, dass mit den anderen etwas nicht stimmt. Das ist auch eine Art Schweigen: alle Fragen und Einwände mit Hinweis auf die eigenen Befindlichkeiten beiseitewischen. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass dieses Kind mit seinesgleichen ein Schweigekartell bildet. Aber ihre dröhnende Stille wird immer lauter. (Nils Pickert, 27.1.2016)

  • Nils Pickert über das Gefühl, dass einem der Mund verboten wird, während man zugleich seine Meinung herausschreit.
    foto: apa/afp/dibyangshu sarkar

    Nils Pickert über das Gefühl, dass einem der Mund verboten wird, während man zugleich seine Meinung herausschreit.

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