Computerforschung: KI-Pionier Marvin Minsky gestorben

26. Jänner 2016, 12:52
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Zeigte durch seine Vorarbeit, dass Computer nicht nur "glorifizierte Taschenrechner" sind

Der Computerwissenschafter Marvin Minsky ist tot. Wie seine Familie bekanntgab, erlag der 88-jährige Sonntagnacht in Boston einer Hirnblutung. Minsky zählt zu den Pionieren der künstlichen Intelligenz, die in den vergangenen Jahren auch öffentlich deutlich an Bedeutung gewonnen hat.

Seit seiner Universitätszeit in Princeton und Harvard war Minsky fasziniert vom menschlichen Verstand, schreibt die "New York Times" in einem Nachruf. In den 1950ern erarbeitete er Möglichkeiten, mit Mitteln des Computers psychologische Prozesse zu charakterisieren, und entwickelte Theorien, wie man Maschinen mit Intelligenz ausstatten könnte. 1959 gründete er mit John McCarthy, der als Urheber des Begriffs "künstliche Intelligenz" gilt, das Artificial Intelligence Project am MIT in Boston.

"Gesellschaft des Geistes"

Minsky baute als einer der Ersten visuelle Scanner und mechanische Hände mit taktilen Sensoren. Seine Umsetzungen und Erkenntnisse flossen später in die moderne Robotik ein. Unter dem Namen "Snarc" entwickelte er 1951 die erste elektronische Umsetzung eines neuronalen Netzwerks.

In den frühen 1970er-Jahren ging aus einer Zusammenarbeit mit Seymour Papert, einem anderen angesehenen Computerforscher, die Theorie der "Society of the Mind" (Gesellschaft des Geistes, offiziell mit "Mentopolis" übersetzt) hervor, die Erkenntnisse aus kindlicher Entwicklungspsychologie und künstlicher Intelligenz vereinte. Wie Minsky später in einem gleichnamigen Buch festhielt, sagt diese aus, dass Intelligenz nicht das Produkt eines einzelnen Mechanismus ist, sondern sich aus der geordneten Interaktion vieler verschiedener "Vermittler" zusammensetzt.

Papert und Minsky sahen auf dieser Ebene keinen Unterschied zwischen Mensch und Maschine. Menschen seien letztlich auch nur Maschinen, deren Gehirn aus vielen halbautomatischen, aber für sich gesehen unintelligenten "Vermittlern" bestehe.

Berühmte Studenten

Minskys Lehrveranstaltungen am MIT entwickelten sich zu einem Magneten für viele Studenten, die sich für dieses Forschungsfeld interessierten. Einige davon gelten heute selbst als wichtige Vertreter ihres Fachs – etwa Ray Kurzweil, Gerald Sussman und Patrick Winston, der später das AI-Projekt von Minsky übernahm. Ein anderer Student, Daniel Hillis, gründete in den 90er-Jahren den Supercomputerhersteller Thinking Machines.

"Marvin war einer der sehr wenigen Leute, deren Vision und Perspektiven den Computer davon befreiten, bloß als glorifizierter Taschenrechner angesehen zu werden", erinnert sich Minskys Freund und Kollege Alan Kay.

Turing-Award-Träger

Der Ruf des Forschers erreichte auch Hollywood. So besuchte einst Regisseur Stanley Kubrick, der gerade in den Vorbereitungen für den 1968 veröffentlichten Klassiker "2001: A Space Odyssey" steckte, Minsky, um mehr über den Stand der Dinge in Sachen Computergrafik zu erfahren.

1970 erhielt Minsky den Turing Award, der als wichtigste Auszeichnung der Computerwissenschaften gilt. Im MIT Media Lab, dem er 1989 beitrat, gilt er heute noch als Ikone.

Privat verfolgte der 1927 in New York geborene Wissenschafter ebenfalls viele Interessen. Neben Mathematik hatte er einst auch Musik studiert. Minsky war erfahrener Pianist und verbrachte seine Freizeit unter anderem damit, Barockfugen zu improvisieren. Er hinterlässt seine Frau Gloria Rudisch, zwei Töchter, einen Sohn und vier Enkelkinder. (gpi, 26.1.2016)

  • Marvin Minsky im Jahr 2000.
    foto: christian fischer

    Marvin Minsky im Jahr 2000.

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