"Stabilität ist das Hauptinteresse Riads in Ägypten"

Interview28. Jänner 2016, 05:29
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Nach Kairo ist in den letzten Jahren viel saudisches Geld geflossen. Saudi-Arabien ist nicht zufrieden mit der Entwicklung, sagt Nahost-Experte Matthias Sailer

STANDARD: Saudi-Arabien hat 2013 die Absetzung des Muslimbrüder-Präsidenten Mohammed Morsi in Ägypten unterstützt, im vergangenen Jahr war jedoch eine Verschlechterung der Beziehungen zu verzeichnen. Woran liegt das?

Matthias Sailer: Saudi-Arabien ist zum einen unzufrieden mit der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung Ägyptens. Zusammen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten hat Saudi-Arabien seit dem Sturz von Präsident Morsi zwischen 25 und 41,5 Milliarden US-Dollar in Form von Zuwendungen, günstige Krediten und Öllieferungen an Ägypten fließen lassen. Doch die ägyptische Wirtschaft ist nach wie vor in einem desolaten Zustand, die Armut ist weiterhin hoch, und die Devisenreserven sind heute fast genauso niedrig wie vor dem Sturz Morsis. Man fragt sich also, wo die positiven Resultate dieser Golf-Unterstützung bleiben. In Riad ist man zudem enttäuscht darüber, dass es bis heute keinerlei Versöhnungsprozess mit der ägyptischen Opposition einschließlich der Muslimbruderschaft gibt. Tatsächlich ist die Unterdrückung Oppositioneller in Ägypten heute aggressiver denn je.

Das wäre für Saudi-Arabien an sich kein Problem, wenn es in Ägypten zu Stabilität führen würde. Doch das tut es nicht, wie man an den zahlreichen Terroranschlägen gut ablesen kann. Wenn man Andersdenkenden jegliche Möglichkeit nimmt, ihre Meinung zu äußern, zwingt man diese Leute in den Untergrund, und genau das passiert in Ägypten. In Saudi-Arabien hat man inzwischen Zweifel daran, dass diese Strategie der totalen Unterdrückung funktioniert. Zusammen mit der schlechten Wirtschafts- und Finanzsituation sieht Saudi-Arabien daher die Stabilität Ägyptens und damit Saudi-Arabiens Hauptinteresse in Gefahr. Zum Zweiten gibt es zwischen Riad und Kairo Differenzen bezüglich Syrien.

STANDARD: Hat Riad seine Einstellung zur Muslimbruderschaft – die König Abdullah als gefährliche, zersetzende Kraft betrachtete – grundlegend verändert oder nur aufs Eis gelegt, um eine sunnitische Allianz gegen den Iran zu schmieden?

Sailer: Die Muslimbruderschaft wird von der saudischen Führung zwar nach wie vor als eine Bedrohung gesehen. Doch heute ist die Organisation stark geschwächt, und in den Augen Riads geht vom Iran derzeit die mit Abstand größte Gefahr für die eigene Herrschaft aus. Die Wiederannäherung an die Muslimbrüder ist daher pragmatischer Natur. Sowohl im Jemen als auch in Syrien hat es für Saudi-Arabien Sinn gemacht, mit der Bruderschaft zusammenzuarbeiten. In beiden Ländern sieht Riad eine Front gegen den Iran, und die Muslimbruderschaft war hier nützlich.

STANDARD: In Saudi-Arabien regt sich Unmut wegen des Sparprogramms: Die Leute beklagen, dass gleichzeitig so viel Geld ins Ausland fließt, wie eben nach Ägypten. Kann Riad Kairo finanziell fallenlassen – und welche Folgen könnte das für Ägypten haben?

Sailer: Es ist unwahrscheinlich, dass Saudi-Arabien Ägypten komplett fallenlassen wird. Die Stabilität des Landes ist das Hauptinteresse Riads in Ägypten. Würden Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Unterstützung vollständig einstellen, ohne dass sich ein anderer Geldgeber findet, liefe Ägypten Gefahr, zu einem gescheiterten Staat zu werden. Hinzu kommt, dass Riad dann seinen Einfluss auf Ägyptens Außenpolitik verlieren würde. Wahrscheinlicher ist, dass die materielle Unterstützung Saudi-Arabiens deutlich reduziert wird. Das können wir auch jetzt schon beobachten.

STANDARD: Zur Einschätzung der finanziellen Situation von Saudi-Arabien gibt es unterschiedliche Ansichten: Was glauben Sie, kann das Königreich den von ihm selbst niedrig gehaltenen Ölpreis wirklich viele Jahre lang durchhalten?

Sailer: Saudi-Arabiens gegenwärtiger Einfluss auf den Ölpreis wird überschätzt. Würde es seine Fördermenge drosseln, würden vermutlich andere Förderer, zum Beispiel aus den USA, dessen Marktanteil übernehmen. Es gibt im Moment einfach zu viel Öl auf dem Markt, und die Nachfrageseite scheint sich mit Blick auf China ebenfalls negativ zu entwickeln. Doch Saudi-Arabien hat einen langen Atem, da es über mehr als 600 Milliarden US-Dollar Devisenreserven verfügt und kaum verschuldet ist. Ich war selbst im Dezember in Riad und habe die Reaktion auf die Benzin- und Strompreiserhöhung miterlebt. Das gefällt den Menschen nicht, aber gleichzeitig ist zu hören, dass der Preis noch immer niedrig ist. Wir sehen also im Moment keinen akuten Druck der Bevölkerung auf das Herrscherhaus. Was jedoch zu beobachten bleibt, ist das Verhalten all der Clans der Königsfamilie, die an Einfluss verlieren.

Derzeit sehen wir in Saudi-Arabien eine zunehmende Monopolisierung der politischen Machtzentren im Salman-Clan. Das gab es in dieser Form bisher nicht, und es könnte durchaus sein, dass Teile der Königsfamilie versuchen werden, sich dagegen zu wehren, zum Beispiel indem sie das Dahinschmelzen des Reichtums des Landes vermehrt thematisieren. Die Situation wird noch schwieriger werden, sobald die restriktivere Ausgabenpolitik Riads in einem Rückgang an Arbeitsplätzen sichtbar wird.

STANDARD: Wie sehen Sie die ägyptisch-saudischen Unterschiede in der Position zu Syrien?

Sailer: Hier geht es vor allem um die Person Bashar al-Assads. Ägypten hätte kein grundsätzliches Problem damit, wenn Assad eine wichtige Rolle im zukünftigen Syrien spielen würde. Für Saudi-Arabien kommt das vor allem wegen dessen Nähe zu Iran jedoch nicht infrage.

STANDARD: Tragen die Vereinigten Arabischen Emirate den Kurswechsel Riads bezüglich der Muslimbruderschaft voll mit? Sie haben ja besonders viel Angst vor den Muslimbrüdern, und im Jemen scheint sich eine saudisch-emiratische Spaltung entlang der Einstellung zur Islah-Partei, die den Muslimbrüdern zuzurechnen ist, abzuzeichnen.

Sailer: Die Emirate sehen den saudischen Pragmatismus gegenüber den Muslimbrüdern sehr skeptisch. Das zeigt sich im Jemen. Dort hat Saudi-Arabien mit der Muslimbruderschaft kooperiert, und die Emirate arbeiten wiederum mit Saudi-Arabien zusammen. Direkte Kooperation mit der Muslimbruderschaft lehnen die Emirate auch dort jedoch strikt ab. Die Wiederannäherung Saudi-Arabiens an die Muslimbruderschaft ist ein Spannungsfaktor zwischen Riad und Abu Dhabi. (Gudrun Harrer, 27.1.2016)

Matthias Sailer forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin zu den Golfstaaten und Ägypten.
  • Der saudische König Salman bin Abdulaziz Al Saud mit Ägyptens Präsident Abdelfattah al-Sisi.
    foto: afp/nureldine

    Der saudische König Salman bin Abdulaziz Al Saud mit Ägyptens Präsident Abdelfattah al-Sisi.

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