Neue Leitlinien zur Suchtprävention, aber kein zusätzliches Geld

26. Jänner 2016, 12:01
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Gesundheitsministerium stellt bundesweite Strategie vor, Grundsatz: "Sucht ist eine Krankheit"

Wien – Schon viele Jahre war in Österreich davon die Rede gewesen, dass es einer bundesweiten Suchtpräventionsstrategie bedürfe. Seit Montagabend liegt diese vor: Das Gesundheitsministerium präsentierte mit Experten aus vier Bundesländern neue, bundesweit geltende Leitlinien zum Umgang mit Sucht und zu ihrer Vorbeugung. Wer ein konkretes Maßnahmenpaket erwartete, wurde enttäuscht: Erarbeitet wurden gemeinsam formulierte Ziele für die Präventionsstrategie, aber keine konkreten Umsetzungsschritte.

Keine zusätzlichen Ausgaben

Derzeit gebe es keinen zusätzlichen Euro für die Erreichung der Strategieziele, sagte Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ). Sie und die Experten zeigten sich bei der Präsentation der "Strategie für eine kohärente Präventions- und Suchtpolitik" dennoch einhellig stolz über das Ergebnis. Dieses zu erreichen habe des Bohrens harter Bretter bedurft. Das Papier werde auch am Dienstag im Ministerrat abgesegnet, sagte Oberhauser. "Das, was in den Bundesländern bereits passiert" in Bezug auf Suchtprävention und den Umgang mit Suchtkranken, "kann nun koordinierter fortgesetzt werden", erklärte die Ministerin. Als Basis diene der Grundsatz: "Sucht ist eine Krankheit." Oberhauser: "Bisher war Sucht noch nicht in der Form als Krankheit anerkannt."

Bewusstsein schärfen

Die Hauptziele der Leitlinien sind, negative Auswirkungen von Sucht für die gesamte Gesellschaft so gering wie möglich zu halten, Suchtkranke bedarfsorientiert zu betreuen, ihnen dabei zu helfen, gesünder zu leben, ihnen eine Reintegration in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen und das Bewusstsein für Sucht als Krankheit in der Gesellschaft zu schärfen. Die Ziele betreffen nicht nur den Konsum illegaler, sondern sämtlicher Substanzen, die die Psyche beeinflussen (etwa auch Alkohol), sowie genauso die Vorbeugung in Bezug auf Suchtverhalten (wie zum Beispiel Spielsucht).

Keine Sanktionen

Unter anderem sollen Ärzte geschult und motiviert werden, etwa auf Alkoholprobleme oder möglichen missbräuchlichen Medikamentenkonsum bei Patienten aufmerksam zu werden, sie sollen aber auch Rauchern Entwöhnungsprogramme anbieten. Institutionen des Gesundheitssystems müssten "Sorge tragen, dass Suchtprävention, Suchthilfe und Sicherheit adäquat umgesetzt werden können" – dafür brauche es "verbindliche Finanzierungszusagen für längere Zeiträume", heißt es in dem Strategiepapier. Konkreter wird es in diesem Punkt aber nicht. Sollten sich in dem Feld tätige Experten der Akzeptanz der Leitlinien verweigern, gebe es keine Sanktionsmöglichkeiten, gab Oberhauser auf Nachfrage zu.

Je sechs bis acht Mitbetroffene

Etwa 1,1 Millionen Österreicher betrieben einen "problematischen Alkoholkonsum", etwa 1,5 Millionen Menschen seien tabaksüchtig, sagte Christian Haring, der im Landeskrankenhaus Hall in Tirol die Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie leitet. Pro Süchtigen seien etwa sechs bis acht Personen von den Folgen mitbetroffen. "Suchtprävention betrifft die gesamte Gesellschaft und nicht nur die anderen", erklärte Haring. "Stigmatisierung ist ein zusätzlicher Faktor und bei der Verschlechterung der Erkrankung von Relevanz", sagte Hans Haltmayer, Beauftragter für Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien. Es sei wichtig und in der Strategie formulierter Konsens, dass Suchtkranke nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden sollten.

Nicht allein Abstinenz als Ziel

Unter den Opioid-Konsumenten habe sich in den vergangenen Jahren die Teilnahme an einer Substitutionstherapie in sämtlichen Bundesländern erhöht. Das sei bereits ein Erfolg, an dem mit den Leitlinien gut weitergearbeitet werden könne, sagte der steirische Sucht- und Drogenkoordinator Klaus Peter Ederer. In dem Papier heißt es: "Möglichst viele Suchtkranke, die (noch) nicht zur Abstinenz fähig oder bereit sind, sollen durch schadensbegrenzende Maßnahmen stabilisiert werden, um somit ihr Überleben zu sichern."

Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) hatte vor knapp drei Jahren gefordert, die Substitutionstherapie österreichweit zu evaluieren, und sich gegen den Einsatz retardierter Morphine in der Substitutionstherapie ausgesprochen – dafür kam damals unter anderem vonseiten des Wiener Drogenkoordinators Michael Dressel heftige Kritik. Oberhauser erklärte, dass das Papier "selbstverständlich" auch mit der ÖVP-Seite abgeklärt worden sei.

Ruf nach Investitonen

Der Leiter des Instituts für Suchtprävention Pro Mente in Oberösterreich formulierte es so, dass "Drogen für Suchtkranke das einzige Pflaster auf die Wunden ihrer Seele" seien. "Das sind Kranke, und die brauchen Behandlung", betonte Christoph Lagemann, der einen Ausbau der Suchtpräventionsstellen fordert. Man werde dabei um zusätzliche Investitionen nicht herumkommen, meinte er am Rande des Pressegesprächs zum STANDARD.

Als Grundlage für die Präventionsstrategie hatten 100 Experten aus Wissenschaft und Verwaltung sowie Vertreter der Suchtkoordination der Länder unter wissenschaftlicher Leitung an einer Delphi-Studie gearbeitet, die bereits 2011 in Auftrag gegeben worden war. Schon vor zweieinhalb Jahren hatte das Gesundheitsministerium Erkenntnisse der Delphi-Studie "zur Vorbereitung einer nationalen Suchtpräventionsstrategie" präsentiert. (Gudrun Springer, 26.1.2016)

  • Etwa 1,1 Millionen Österreicher betrieben "problematischen Alkoholkonsum", etwa 1,5 Millionen Menschen seien tabaksüchtig, sagte Christian Haring, Leiter Psychiatrie und Psychotherapie im LKH Hall in Tirol.
    foto: apa/dpa/oliver berg

    Etwa 1,1 Millionen Österreicher betrieben "problematischen Alkoholkonsum", etwa 1,5 Millionen Menschen seien tabaksüchtig, sagte Christian Haring, Leiter Psychiatrie und Psychotherapie im LKH Hall in Tirol.

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