"Gratuliere zur offenen Diskussion"

Kommentar der anderen25. Jänner 2016, 18:03
106 Postings

Die am Wochenende auf dieser Seite abgedruckte interne Debatte über Flüchtlinge, Gewaltverbrechen und journalistische Standards hat viele Reaktionen in der Leserschaft ausgelöst. Ein Auszug

Sehr geehrte Redaktion, einen herzlichen Dank für den wertvollen Einblick in den Meinungsbildungsprozess unserer Lieblingstageszeitung. Auch und gerade weil wir mit vielem nicht übereinstimmen, bestätigt uns dieser "Kommentar" in unserem Vertrauen in die Integrität des STANDARD. Unnötig hinzuzusagen, dass gerade in Zeiten wie diesen Vertrauen im Zusammenhang mit der eigenen Meinungsbildung unerlässlich ist. Herzlichen Dank nochmal für Ihren Mut und die gezeigte Offenheit!
Familie Mucha per E-Mail

Die Blattkritik (Kommentar der anderen) in der Wochenend-Ausgabe finde ich sehr gelungen! Dieses Öffentlichmachen der Diskussion ist wirklich wichtig. Das ist ein wesentlicher Aspekt einer Qualitätszeitung! Gratulation zu dieser Idee und ihrer Umsetzung.
Ilse Seifried per E-Mail

Für diese Seite bin ich den Damen und Herren der Redaktion äußerst dankbar! Ich freue mich, dass ihr so sauber in (manchmal sicher anstrengender) Offenheit arbeitet! Gibt es in diesem Staat also doch noch seriöse Sacharbeit. Und ich finde es toll, dass ihr das dem Leser offenlegt. Das ist genau die richtige Antwort auf die von euch diskutierte Frage.
Karl Wieninger
per E-Mail

Die offene Auseinandersetzung im STANDARD-Team finde ich erfreulich. Erstaunt hat mich, dass offensichtlich eine Mehrheit der Redaktion (1) dieser an sich schon seltsamen Dichotomie von "journalistischer Ethik und publizistischer Glaubwürdigkeit" folgt und (2) das Verschweigen von "Asylwerber" und "Afghanistan" in Zusammenhang mit einer Vergewaltigung für ethischer hält, als es anzugeben. Als Leserin kann ich, wie eine Redakteurin schreibt, nicht verlangen, über diese Details informiert zu werden, aber ich werde mich irgendwann auf den STANDARD nicht mehr verlassen – ehrlich gesagt, bin ich derzeit schon bald so weit. Auch mir fällt es schwer, nicht nur Gebrochenheit und Schmerz als Folge von Traumatisierungen und Gewalterfahrung von Flüchtlingen zu sehen, sondern ebenso Wut, Frustration und Aggression. Aber realistischerweise müssen wir mit Letzterem rechnen.
Margit Türtscher-Drexel 6850 Dornbirn

Es war sehr vergnüglich und auch berührend, diese redaktionellen Debatten zu lesen! Aber wir leben in einem digitalen Zeitalter, in dem sich jeder Mensch nahezu jede Information holen kann. Und wenn man als Leser aber das Empfinden hat, dass aus "erziehungstechnischen Gründen" Information vorenthalten werden oder sehr einseitig kommentiert wird, dann sorgt das für einen Verlust von Glaubwürdigkeit. Ihre Leser sind erwachsen und haben auch eigene Augen und Ohren und eigene Erfahrungen und ein eigenes Gehirn! Wenn es um die Nennung des Herkunftslands eines Täters geht, wäre es wichtig, dass Frauen einfach wissen müssen, dass Männer, die in sexuell repressiven, streng patriarchalen Gesellschaften aufgewachsen sind, anders agieren und reagieren als Männer, die in Mitteleuropa sozialisiert sind! Wenn nun Frauen vermittelt wird, dass sie jederzeit gesprächsbereit, offen und helfend zur Stelle sein müssen, um nicht als rassistisch zu gelten, so ist das eine fatale Einbahnstraße auf Kosten der Frauen!
Klaudia Hromas per E-Mail

Ich finde es ja wirklich sehr lobenswert, dass redaktionsintern über "journalistische Ethik und publizistische Glaubwürdigkeit" diskutiert wird und dann sogar publiziert wird. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass verstanden wird, worum es in der zunehmenden Unzufriedenheit mit den Medien eigentlich geht: Es wird darüber diskutiert, ob es zulässig ist, gewisse Informationen zu veröffentlichen oder nicht – das ist aber nicht eure Aufgabe als Journalisten, euch über eure Leser zu erheben und zu entscheiden, was ihnen zumutbar ist und was nicht! Ihr unterstellt euren Lesern damit, dass sie mit Informationen nicht mündig umgehen können und sich selbst kein relevantes Bild machen können. Ihr stellt euch also moralisch über eure Leser und unterstellt ihnen Unmündigkeit im Beurteilen und Gewichten verschiedener Informationen. Eure Aufgabe als Journalisten ist es aber nicht, als Meinungsbildner zu agieren, sondern unabhängig über Fakten zu berichten, damit man sich auf Basis dessen als mündiger Leser seine eigene Meinung bilden kann. Um Meinungsfreiheit in einer Demokratie leben zu können, müssen nämlich auch alle Informationen unzensiert zugänglich sein.
Doris Mader per E-Mail

Zu Ihrer internen wie veröffentlichten Diskussion des heiklen ethischen Themas möchte ich Ihnen herzlich gratulieren. Sie zeigt, dass redaktionelle Reflexion ein kollektives Anliegen ist, und ist ein Beispiel dafür, wie man mit ethisch aktuellen Fragen seriös und abwägend umgehen kann. Insofern lässt sich das Vorgehen hervorragend als ein Beispiel für die Umsetzung von Prozessethik begreifen, einer Form, ethische Fragen in kollektive Entscheidungsprozesse umzusetzen.
Larissa Krainer1
Posting auf derStandard.at

Erstens ist es Heuchelei, dass Aufenthaltsstatus und Herkunft nur genannt werden, wenn es etwas mit der Sache oder Tat zu tun hat. Bei der amerikanischen Studentin oder Ivo Vastic hat kein Medium ein Problem, die Herkunft zu erwähnen. Zweitens sind Geschlecht, Alter, Herkunft und Beruf die Dinge, die wir an jedem Menschen zuerst wahrnehmen, und deshalb interessieren diese Details die Leser immer, nicht nur wegen aktueller politischer Debatten. Das gilt nicht nur für Täter, sondern für alle Menschen, die in Meldungen vorkommen. Aus diesen beiden Gründen wird es nie funktionieren, bestimmte Gruppen zu schützen, indem man etwas weglässt. Deshalb lieber Arbeitsethos (vollständig und wahrheitsgemäß informieren) statt politisches Ethos!
Ausgeflippter Lodenfreak Posting auf derStandard.at

Ich finde es löblich und eine positive Überraschung, das von Herrn Rauscher konkret angesprochene entstandene Glaubwürdigkeitsproblem transparent anzusprechen und Lösungsstrategien zur Zurückerlangung einer Glaubwürdigkeit beim Leser zu reflektieren. Ich möchte als historisch STANDARD-affiner Leser jedoch zu bedenken geben, dass meiner Meinung nach das Glaubwürdigkeitsproblem aus folgenden zwei Themen genährt wird:
1) Weglassungen relevanter Informationen, die durch einfache Internet-Recherche trotzdem recherchierbar sind und den Eindruck einer "vorsätzlichen Manipulation" hinterlassen können.
2) willkürliche Löschung von Kommentaren, die gemäß Forenregeln regelkonform sind und trotzdem gelöscht werden. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Löschung in einer zufällig vom Kommentar abweichenden "persönlichen Meinung irgendeines Redakteurs" zu suchen ist.
Demokratische Entscheidungsprozesse können nur funktionieren, wenn die journalistische Informationsversorgung unparteiisch ist.
N273 Posting auf derStandard.at

Sehr guter Beitrag und auch absolut nötig. Die Glaubwürdigkeit des STANDARD hat wirklich arg gelitten in letzter Zeit, ich bin seit 17 Jahren Leser dieser Zeitung und hatte in den letzten Monaten, besonders nach Köln, erstmals echte Zweifel an der Unvoreingenommenheit der Berichterstattung.
Primfiz
Posting auf derStandard.at

Das Problem besteht doch darin, dass man heutigen Verhältnissen mit einer Ethik von gestern begegnet: Früher, vor 40 Jahren, bastelte der Leser sein Weltbild, ohne dazu Rückmeldungen zu geben oder zu bekommen. Heute steht ein Leser in Kontakt mit anderen Lesern, die ihn auf unsinnige Weltbilder sofort mit Gegenbeispielen aufmerksam machen können, es existiert ein viel stärkeres Korrektiv als früher.
Anders and Posting auf derStandard.at

Weitere Meinungen zum Thema und die Möglichkeit, Ihre Gedanken zu posten, finden Sie auf derStandard.at. Auch auf Facebook hat sich eine Debatte entwickelt – unter anderem als Reaktion auf einen Facebook-Eintrag von Armin Wolf. (25.1.2016)

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