Dumm und dümmer

Glosse27. Jänner 2016, 07:00
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Heute weiß ich, was geschieht, wenn die Klugen immer nachgeben: Es regieren bald die Dummen

Es ärgert mich schon damals, dass mir keine Antwort einfallen will, wenn die Oma wieder mal sagt, es sei der Klügere, der nachgibt. Obwohl ich nur ein Kind bin, spüre ich, dass dieser Spruch eine logische Fehlkonstruktion ist. Heute hingegen weiß ich, was geschieht, wenn die Klugen immer nachgeben: Es regieren bald die Dummen.

Der Kapitän vom Balaton

Was hier vorgeht, begreife ich erst, als Mate der Chronist mit dem Finger auf den dicken Mann im Meer zeigt. Er spricht Ungarisch und hievt gerade seine beiden dicken Kinder in ein Schlauchboot, das so klein ist – nicht mehr als zweimeterfuffzig –, dass er die Kids, die in kleinen Schwimmwesten stecken und Helme auf ihren Köpfchen tragen, im Boot noch ein wenig schlichten muss. Und dann macht dieser Mann etwas sehr Dummes.

Das Meer reicht ihm bis zum enormen Bauch, mit einer Hand hält er das Boot, mit der anderen reißt er an der Leine und zündet den Außenbordmotor, der sechs PS hat. Was vier PS zu viel für so ein kleines Boot sind. Nun knattert der Außenborder im Leerlauf, die Kinder quietschen in freudiger Erwartung, und der dicke Mann steht noch immer im Wasser, weil er zu glauben scheint, das Boot einfach festhalten zu können, falls – Shit happens nun mal – der Hebel für den Leerlauf in den Fahrgang springen sollte. Dazu steht der dicke Mann so, dass der Propeller nur zwei Zentimeter von seinem Hodensack entfernt ist. Einige sachkundige Männer am Strand scheuchen ihre Frauen und Kinder aus dem Wasser (auch ich), falls das Boot des Dicken ohne Kapitän losfährt und der Propeller ein Massaker in der Bucht von Majakovac anrichtet. Die Sachunkundigen merken, was vorgeht, und bald ist niemand mehr im Wasser.

Nun wartet der Dicke auf seine Frau. Auch sie ist dick und etwa genauso groß wie ihr Mann. Nach etwa zehn Minuten sind endlich alle im Boot. Der Dicke grinst zufrieden, seine Frau grinst zufrieden, die Kinder quietschen noch lauter, und Papa Ungar gibt Gas. Kurs West, steady as she goes! Die Sachkundigen – auch Mate und ich – werfen einen Blick auf ihre Handys. Es ist kurz vor Mittag, und vom Dicken ungeahnt wartet auf ihn und seine Crew noch eine Überraschung. Es ist der Maestral, der im Sommer zuverlässig, plötzlich, heftig und uhrgenau zu Mittag beginnt. Und im Kanal von Brač genau aus dem Westen weht. Wenige Minuten nach zwölf sehen wir, wie der Ungar nach nur einigen hundert Metern Fahrt sein Boot panisch wendet. Es ist mehr der Maestral als die sechs PS des Motors, der das Spielzeugboot zurück in die Bucht von Majakovac treibt.

Als das Boot anlandet, ist es bereits halb vollgelaufen. Niemand ist mehr vergnügt. Und Mate der Chronist sagt: "Das, mein Freund, ist die EU." Weil Führerscheine für Motorboote, die am Balaton erworben werden, auch für die manchmal garstige Adria gelten. Die erst wenige Jahre zuvor den Fischer Lamut, den Mann von Marica, so gründlich schluckt, dass man seine Leiche niemals findet. Seine Gajeta fährt unter Vollgas und ohne Lamut, bis sie vor der Insel Čiovo auf Felsen aufläuft und zerbricht.

Wenn Serben fliegen

Dass Ungarn die Dummheit nicht gepachtet haben, beweisen zwei Serben – nennen wir sie Srboslav und Srbomir. Sie erlangen ungewollte Berühmtheit in ganz Ex-Jugoslawien, als sie von Nicosia nach Beograd fliegen. Diesen Flug dokumentieren die beiden mit ihren Handykameras und stellen das Material auf Youtube. Später schreibt sogar Boris Dežulović eine Kolumne darüber. Was ist passiert?

Kurz nach dem Start bemerken Srboslav und Srbomir, dass auf dem Flügel gleich unter ihrem Fenster mehrere Bolzen, die das Verkleidungsblech festhalten sollen, offenbar beim Abheben weggeflogen sind. Ein Bolzen ragt halb aus dem Flügel und eiert heftig im Fahrtwind. Die beiden zücken ihre Handys und filmen aus dem Fenster, während sie laut überlegen, wann auch dieser Bolzen sich vom Flügel lösen wird.

Just in diesen Momenten der absoluten Faszination und totalen Hirnleere, bei der es Srboslav und Srbomir nicht eine Millisekunde lang einfällt, der Crew zu melden, dass ihr Luftfahrzeug wichtige Teile verliert, verlautbart der Kapitän, man werde einen ungeplanten Zwischenstopp in Athen einlegen, um eine technische Kleinigkeit zu erledigen, die so harmlos ist, dass kein Anlass zur Sorge besteht. Diese Meldung löst bei S&S Unmut aus. Während sie noch immer den flatternden Bolzen filmen, sagt einer: "Scheiße! Das wird eine Verspätung! Kacke!" Der andere sagt etwas über den Piloten und seine Mutter. Und über ihre Vagina. Und den blutigen Penis eines tuberkulösen Pferdes. Dann landet das Flugzeug in Athen.

Die technische Kleinigkeit ist überraschend schnell erledigt, die Verspätung beträgt nur eine knappe Stunde. Doch wie Srboslav und Srbomir bald bemerken, sind die fehlenden Bolzen – und jener, der flattert – offenbar nicht die technische Kleinigkeit, die erledigt wird. Also zücken sie wieder ihre Handys und filmen und kommentieren den Zustand des Flatterbolzens bis zur Landung in Beograd. Dort steigen sie wortlos aus.

Als das Video zum Hit auf Youtube wird, gehen Reporter der Story nach, finden S&S und fragen sie, warum sie zu keinem Zeitpunkt die Crew vor dem potenziellen Desaster warnen. Die Antwort ist überraschend – und erhellend zugleich: "Wenn wir das gemeldet hätten, wer weiß, wann wir dann in Beograd angekommen wären!"

Der totale Hirnriss

Dass es noch dümmer geht, erfahre ich erst vor kurzem. Während einer Recherche stoße ich im Netz auf eine Ausgabe des SWR-"Nachtcafé" aus dem Jahr 2013*. Nach einer Stunde und achtundzwanzig Minuten verleihe ich meinen ganz privaten Oscar, den "Eisernen Hirnriss mit Eichenlaub und Schwertern", spontan an Sabatina James.

Frau James ist in Österreich aufgewachsen, ist vom Glauben ihrer Eltern abgefallen und ist zu einem anderen Glauben konvertiert. Bekannt ist Sabatina James, weil sie in Deutschland einen Verein betreibt, der Mädchen hilft, die von Zwangsheirat bedroht sind. Außerdem hilft sie jenen ihrer neuen Glaubensgeschwister, die in fernen Ländern verfolgt und unterdrückt werden. All das sind noble Missionen, wofür man Frau James durchaus Achtung entgegenbringen kann. Zumal sie unter Polizeischutz leben muss, nur weil sie ebendiese Hilfe leistet.

Die Sequenz, nach der eine meiner inneren Stimmen (nicht die, die unablässig das Zirkuslied trällert) unhörbar sagt: "And the winner is: …!" beginnt am Ende der 36. Minute der Sendung. Frau James sagt der erstaunten Diskussionsrunde, dass im Publikum ein guter Freund sitzt, der ein ehemaliger Angehöriger ihres ehemaligen (falschen) Glaubens ist, der früher in Afghanistan Menschen tötet, aber dann zum neuen (richtigen) Glauben findet und aufhört, Menschen in Afghanistan zu töten – was beweist, dass Sabatinas neuer Glaube nicht bloß "immaschinär" ist. So wie ihr alter Glaube. Der total "immaschinär" ist.

Einer der Diskussionsteilnehmer, Phillip Möller, sagt nur: "Was? Der ist jetzt hier?" Ich erwarte, dass Möller oder irgendjemand zum Handy greift und sofort die Polizei anruft, weil im Publikum ein Massenmörder sitzt. Statt im Gefängnis, wo er hingehört. Doch nichts dergleichen geschieht.

Frau Sabatina James bekommt von mir den "Eisernen Hirnriss mit Eichenlaub und Schwertern" weil sie stolz glaubt, ein Massenmörder, der ihr Freund ist, muss vor kein weltliches Gericht gestellt werden, weil er ja durch den neuen Glauben gerettet und blütenweiß gewaschen ist. Ich habe, bei allem Respekt für Frau Sabatina James, seit Jahren nichts Dümmeres und gleichzeitig so Beunruhigendes gehört – das so fröhlich und selbstzufrieden gesagt wird.

Diesen meinen Oscar für Dummheit dürfen sich übrigens die anderen Diskussionsteilnehmer, der Diskussionsleiter, das Publikum, die Kameraleute, die Tonassistenten und der Regieplatz der Sendung mit Frau Sabatina James teilen. Weil niemand sein Handy benützt, um einen Killer und seine Mitwisserin vor Gericht zu bringen.

Der Ungar bekommt als Drittgereihter von mir den gewöhnlichen "Eisernen Hirnriss", die beiden fliegenden Serben als Zweitgereihte den mit Eichenlaub, aber ohne Schwerter. Und ich verleihe mir selbst das "Bronzene Arschgesicht", weil ich damals am Strand zu bekifft bin, um den dummen Ungar zu warnen. (Bogumil Balkansky, 27.1.2016)

Zum Nachschauen

SWR-"Nachtcafé": "Nur wer's glaubt, wird selig?" – Sabatina James ab Minute 00:36:45, Youtube am 27.10.2013

  • Dank Srboslav und Srbomir hätte es auch so enden können. Ist es aber nicht.
    foto: dapd/martin oeser

    Dank Srboslav und Srbomir hätte es auch so enden können. Ist es aber nicht.

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