Sauer sein: Der Mythos Basenpulver

26. Jänner 2016, 05:30
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Der Säure-Basen-Haushalt des Menschen ist durch als Basenpulver vermarktete Mittel nicht beeinflussbar. Die Plattform "Gute Pillen – schlechte Pillen" klärt auf

Es ist einer jener Sätze, die sich ins öffentliche Bewusstsein eingeschlichen haben. "Ich bin total übersäuert", hört man oft im Wellness- und Fitnessumfeld. Die Folge ist dann basische Ernährung bzw. die Bekämpfung der Übersäuerung mit Basenpulver. Entsprechende Mittel füllen mittlerweile ganze Regalreihen in Drogeriemärkten.

Selbstmedikation ist dabei das Prinzip. Regelmäßig angewendet verschwänden damit Müdigkeit, brüchige Fingernägel und Übergewicht, zudem würde auch das Immunsystem gestärkt und Osteoporose- und Arterienverkalkungsrisiko gesenkt, sind die Anhänger "basischer Medizin" überzeugt.

Die unabhängige Medizinplattform "Gute Pillen – schlechte Pillen" hat nun überprüft, ob es für solche Behauptungen tatsächlich auch Evidenz gibt. Ihr Urteil fällt vernichtend aus.

Körpereigener Puffer

Schon die Grundannahme, der Körper könnte übersäuern, ist falsch. Wissenschaftlich korrekt ist, dass der ph-Wert im Blut immer relativ konstant ist und Abweichungen auf Krankheit hindeuten können. Aber Vertreter der basischen Medizin ignorieren, dass der menschliche Körper den Säure-Basen-Haushalt in der Regel selbst in der richtigen Balance hält.

So kann das Blut beispielsweise eine Menge von sauren oder basischen Stoffwechselprodukten aufnehmen, ohne dass sich der pH-Wert nennenswert verschiebt. Chemisch spricht man von "Puffer", dafür sind im Blut unter anderem diverse Eiweißstoffe verantwortlich.

Außerdem kann der Körper das Verhältnis von Säuren und Basen steuern. Zellen können etwaige Überschüsse von sauren Abfallprodukten ins Blut abgeben. Dort kann dann der pH-Wert reguliert werden: Von den Lungen kann mehr oder weniger Kohlendioxid ("Kohlensäure") ausgeatmet werden, die Nieren scheiden Säuren und Basen über den Urin aus.

Saures Essen

Durch "saure" Lebensmittel (als solche gelten Fleisch, Milchprodukte, Zucker, Kaffee, Getreide, Mineralwasser mit Kohlensäure) in normalen Mengen entsteht also bei gesunden Menschen in der Regel keine Übersäuerung, weder im Blut noch im Gewebe.

Medizinisch betrachtet entsteht eine echte Übersäuerung dann, wenn Nieren und Lungen beeinträchtigt sind. In diesem Fall sprechen Mediziner von Azidose, ein mitunter sogar lebensgefährlicher Zustand.

Als problematisch wertet "Gute Pillen – schlechte Pillen" auch die Testverfahren, mit denen die so genannte basische Medizin arbeitet, die meisten der Verfahren sind nicht durch wissenschaftliche Daten belegt.

Definitiv falsch ist, dass eine Ernährung mit säurebildenden Lebensmitteln Osteoporose begünstigt oder Arteriosklerose gefördert wird. Aussagekräftige Studien, die explizit die Auswirkungen einer basischen Diät auf die Herzgesundheit untersuchen, konnte Gute Pillen-Schlechte Pillen nicht finden. Fazit: Bei der basischen Medizin überzeugen weder Theorie noch Praxis. Patienten profitieren nicht, dafür die Hersteller der Basenprodukte. (red, 26.1.2016)

Original:

Nur nicht sauer werden

  • In der "basischen Medizin" sind nicht nur Zitronen sauer: Auch Getreide, Zucker, Fleisch und Milchprodukte gelten als Lebensmittel, die den Körper übersäuern.
    foto: istockphoto.com

    In der "basischen Medizin" sind nicht nur Zitronen sauer: Auch Getreide, Zucker, Fleisch und Milchprodukte gelten als Lebensmittel, die den Körper übersäuern.

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