"Oxenfree" im Test: Brownies und köstliche Teenie-Dramen auf der Gespensterinsel

Rezension25. Jänner 2016, 10:05
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Das Indie-Horrorspiel überzeugt mit glaubhaften Charakteren, spannender Story und Entscheidungsfreiheit

Wenn sich fünf US-Teenager verbotenerweise nachts auf einer verlassenen Insel für eine Strandparty einfinden, wissen Auskenner bereits, was das zu bedeuten hat. Die Ausgangssituation von "Oxenfree" (Windows, Mac, Xbox One, 19,99 Euro; PS4 in Vorbereitung) kennt man nämlich aus gefühlten Dutzenden von Teenie-Horrorfilmen, in denen die feuchtfröhliche Party verlässlich in oft übernatürlichen, meist aber blutigen Schrecken umschlägt. Dass auch die fünf Protagonisten dieses von Telltale-Games-Veteranen gestalteten Adventures mit Angst und Schrecken konfrontiert werden, ist also weder ein Spoiler noch eine besondere Überraschung.

Überraschend ist allerdings, wie "Oxenfree" die Sache angeht: Mit viel Humor, Emotion, Einfühlungsvermögen und kaum blutigen Effekten legt es seinen Fokus nicht auf den Horror, sondern auf seine Figuren und deren Interaktion. In der Rolle des Mädchens Alex sind Spielerinnen und Spieler dann auch hauptsächlich mit Konversation beschäftigt – und das fast ohne Unterbrechung. Stille herrscht in den etwa vier bis fünf Spielstunden kaum jemals, und dank großteils ausgezeichneter, spritziger Dialoge und sehr guter (englischer) Sprachausgabe sieht man sich bisweilen atmosphärisch in eine Art Mystery-Spin-off amerikanischer Jugend(schul)serien versetzt.

Lass uns drüber reden!

Weil Alex im Spielverlauf kaum jemals allein auf der nächtlichen Insel unterwegs ist, entspinnt sich der Großteil der Geschichte in Dialogen mit den anderen Jugendlichen. In diesen Gesprächen liegt auch eine der größten Stärken von "Oxenfree": Wie in Telltales Erfolgsserien (unter anderem "The Walking Dead") stehen stets mehrere Antwortmöglichkeiten zur Auswahl. Im Gegensatz dazu sind hier aber nur selten offensichtlich wichtige Entscheidungen gefragt, denn meistens verlaufen die Gespräche durchaus realistisch: Intuitiv und unter sanftem Zeitdruck gerät das oft auf den ersten Blick belanglose Geplänkel mit den durchaus differenziert gezeichneten Figuren tatsächlich zu einer Art Rollenspiel im Wortsinn.

Ob Alex das bekiffte Dauergequassel ihres besten Freundes nervig findet, sich der arroganten Clarissa annähert oder sich mit ihrem neuen Stiefbruder Jonas anfreundet, bleibt letztlich Spielerinnen und Spielern überlassen – eine Form von interaktivem Erzählen, wie sie etwa auch das außergewöhnliche "Kentucky Route Zero" auf die Spitze getrieben hat. "Oxenfree" bietet durch diese Struktur aber auch einiges an Wiederspielwert, denn ob am Schluss ein ungetrübtes Happy End steht, Freundschaften zerbrechen oder gar Mitstreiter geopfert werden, ist je nach Verhalten offen. Und obwohl die vordergründig zentrale Mysteryhandlung durchaus spannend durch die Nacht führt und mit Grusel- und ab und zu auch sanften Schockeffekten unterhält, wartet auch die eine oder andere persönliche Hintergrundgeschichte aus dem Leben der Hauptfiguren sowie eine gänzlich optionale Schnitzeljagd auf Entdeckung.

Fußmärsche und Knöpfchendrehen

Optisch und auch akustisch ist "Oxenfree" ein Leckerbissen geworden: Die liebevoll gezeichnete Grafik erinnert an wunderschöne Kinderbuchklassiker, und neben der erwähnt guten Sprachausgabe sorgen stimmige Soundeffekte sowie elektronische, an große 80er-Jahre-Horrorfilm-Soundtracks erinnernde Musik für beeindruckende Atmosphäre. Vieles hier kann als Verbeugung vor den Filmklassikern des Teenie-Slasher-Genres gelesen werden, und an einigen Stellen spielt das Abenteuer auf originelle Weise mit analoger VHS-Ästhetik, aber auch mit Genrekonventionen des Videospiels.

Ein bisschen schade ist, dass abseits der ganz zentralen Konversationen rein spielmechanisch recht wenig zu tun ist: Abgesehen von zwei sehr simplen Puzzlevarianten und einigen wenigen Einlagen, in denen unter Zeitdruck gerätselt werden muss, bietet "Oxenfree", hart ausgedrückt, tatsächlich kaum mehr als einen ausgedehnten, dramaturgisch durchgestalteten Spaziergang, bei dem fast ohne Pause Konversation betrieben wird. Die Qualität dieser Konversation, ihre Natürlichkeit und die sich in vielerlei Richtungen verzweigenden Antwortmöglichkeiten entschädigen aber durchaus für diesen Mangel.

night school studio

Fazit

"Oxenfree" ist atmosphärisch, narrativ und dramaturgisch ein absolut empfehlenswertes Gruselabenteuer mit beachtlichem Wiederspielwert – und auf seine Weise näher am "interaktiven Film", als es "Uncharted" und Co mit ganz anderem Ansatz je sein werden. Thematisch irgendwo zwischen "Life is Strange" und "Until Dawn" angesiedelt, überzeugt das liebevoll gemachte Teenie-Mystery-Abenteuer mit spannender Story, komplexen Charakteren und den am natürlichsten wirkenden Gesprächen, die es in Spielen jemals zu hören gab. Ein guter Start ins Indie-Spiele-Jahr. (Rainer Sigl, 25.1.2016)

"Oxenfree" ist für Windows, Mac und Xbox One um 19,99 Euro erschienen; eine Version für die PS4 folgt.

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