ORF-Generalswahljahr: Nach Kitzbühel nun Klausur um Klausur

25. Jänner 2016, 08:15
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Zum Sparen am aus dem Ruder gelaufenen 300-Millionen-Projekt ORF-Zentrum und zu Programmplänen – Betriebsrat wählt Wähler

Soviele Stunden verbrachten die ORF-Direktoren wohl in fünf Jahren nicht miteinander – jedenfalls nicht binnen acht Tagen: Diesen Februar lädt ORF-Chef Alexander Wrabetz gleich zu zwei zweitägigen Klausuren auf den Kahlenberg. Die Tagesordnungen sparen die Causa Prima Generalswahl 2016 eher aus – und doch ist sie bei beiden unausgesprochenes Generalthema.

Millionenprojekt Küniglberg

Klausur 1 widmet sich Mitte Februar dem 300-Millionen-Euro-Sanierungs- und Bauprojekt ORF-Zentrum auf dem Küniglberg. Pius Strobl, seit Herbst Bauherr vom Dienst im Auftrag des ORF-Generals, musste dafür sorgen, dass die Sanierung der übrigen Objekte und der Neubau eines Newscenter kein ebenso großes Stück aus dem Ruder läuft wie die Sanierung des Haupttraktes. Was das für die übrigen neun Objekte auf dem Küniglberg und das neue Newscenter heißt, dürfte Strobl Mitte Februar präsentieren.

Bauherren-Preis

Was hat der Bau mit der Bestellung von General und Direktoren im Stiftungsrat zu tun? Der amtierende General Wrabetz hat schon erklärt, er tritt wieder an, der SPÖ-Freundeskreis im Stiftungsrat hat ihn schon im Herbst seiner Unterstützung versichert, heißt es. Richard Grasl, Finanzdirektor und zweiter Mann im ORF, gilt als bürgerlicher Herausforderer – wenn er denn antritt. Grasl referierte über die vergangenen Jahre – bis auf einen krankheitsbedingten Ausfall im Herbst 2015 – im Stiftungsrat das Bauprojekt, seinen Stand und seine Finanzierung, seine Präferenz für den Küniglberg setzte sich durch. Wrabetz freilich ist schon laut Gesetz Alleingeschäftsführer.

Der ÖVP-Freundeskreis im Stiftungsrat ist erstmals seit einem Jahrzehnt etwas größer als jener der SPÖ. SPÖ wie ÖVP sprechen derzeit von eigenen Kandidaten – wohl um jedenfalls möglichst viele Positionen und möglichst viel (erhofften) Einfluss im ORF ab 2017 herauszuschlagen. Der Poker dürfte sich jedenfalls bis in den Frühsommer ziehen, eher aber wohl bis zum Generalswahltermin 9. August. Die Direktoren werden Mitte September 2016 bestellt.

Ein Quantum Spannung bis in die Wahlsitzung

Als Alexander Wrabetz, damals ORF-Finanzdirektor, 2006 gegen ORF-Generalin Monika Lindner antrat und gewann, ließ er sich erst nach Ablauf der Bewerbungsfrist von Stiftungsräten zur Wahl nominieren. Wenn es nach dem renommierten Rundfunkrechtler (und früheren ORF-Administrationschef) Wolfgang Buchner geht, lässt sich dieses Spannungsmoment bis in die Wahlsitzung des Stiftungsrats auch nicht eingrenzen: Das Recht, einen Kandidaten zu nominieren, könne man Stiftungsräten nicht nehmen, sagt Buchner auf STANDARD-Anfrage. Und das hätten sie bis in die entscheidende Sitzung des Stiftungsrats, erklärt der Rundfunkrechtler.

Zentralbetriebsratswahl

Parallel zur ersten Klausur auf dem Kahlenberg wird es auch auf dem Küniglberg spannend: Die Betriebsräte des ORF wählen ihren neuen Zentralbetriebsrat und dessen fünf Stiftungsräte, derzeit zwei Rote und Unabhängige sowie eine Bürgerliche. Bürgerliche Betriebsräte spielten die Chancen auf ein zweites Mandat im Stiftungsrat bisher herunter; man kann freilich davon ausgehen, dass sie bis 15. Februar zumindest darauf hoffen und in den nächsten Tagen noch intensiv darauf hinarbeiten. Das würde die bürgerliche Mehrheit ausbauen.

Kleine Fraktionen ganz groß

Klein- und Alleinfreundeskreise im Stiftungsrat wie Unabhängige, Grüne, Neos und vor allem FPÖ, Betriebsräte und Länder-Vertreter (die womöglich für passende Besetzungen in ihrem Land aus Freundeskreisen ausscheren) haben besonderes Gewicht, wie gewohnt bei Generalswahlen und womöglich diesmal noch etwas mehr.

Thomas Prantner, dem ehemaligen ORF-Onlinedirektor und derzeit für Online zuständigen ORF-Technikvize, könnte das helfen, wieder Direktor zu werden. Der eifrige Netzwerker positionierte sich über das vergangene Jahrzehnt vor allem als Verbindungsmann zwischen FPÖ und ORF. Er tourte zudem zuletzt durch die Bundesländer – vor ORF-Wahlen betreuen potenzielle Generale, aber auch Direktoren die Landespolitik wegen ihrer neun aus 35 Stiftungsräte gerne intensiver.

Der Blitz von Kitz

Wenn zum Beispiel ORF-Chef Alexander Wrabetz etwa in Wahljahren zum Hahnenkamm-Wochenende nach Kitzbühel jettet (und seinen Dienstwagen als Mobilitätsgarantie vorausschickt), trifft er in Kitz gewiss den Landeshauptmann, und jedenfalls zuvor in Innsbruck den Länder-Stiftungsrat.

Vierer mit Steuermann

Prantner wiederum erklärt seine Länder-Tour TVthek-Archiv "Die Geschichte der Bundesländer", dessen Fortsetzung man ja besprechen muss (und wohl einen praktischen Anlass für weiterführende Erörterungen bietet). Über eine Bewerbung um einen Direktorenjob will Prantner "im Frühjahr" entscheiden, erklärt er auf Anfrage, Tendenz: "eher ja".

Sein derzeitiger Chef und Technikdirektor Michael Götzhaber, selbst vor 2012 Betriebsrat und 2011 als Stiftungsrat Wrabetz-Wähler, dürfte bleiben, wenn er und seine roten Betriebsräte das möchten.

Finanzdirektor Grasl wollte sich bisher nicht äußern, ob er antritt. Alternativszenario, wie berichtet: eine weiter aufgewertete Finanzdirektion für ihn und ein wohl üppiges Forderungspaket der ÖVP.

Kathrin Zechner erklärte dem "Kurier" am Wochenende, sie wolle TV-Direktorin (oder gern auch Programmdirektorin ohne Information) bleiben, nicht aber Generaldirektorin werden. Eine ORF-Gruppe um "ZiB2"-Anchorstar Armin Wolf soll ja Zechner zu einer Kandidatur motivieren. Wolf schreibt dazu auf Twitter, dass seine "angebliche Rolle in dieser Geschichte" eine "freie Erfindung" sei.

Info-Direktor: Hü und Hott

Bei einem zentralen Infodirektor schon ab 2017 ruderte Wrabetz in den vergangenen Monaten wieder zurück; die Führungsstruktur der multimedial vereinten ORF-Journalisten schob er für’s erste Richtung Ende der kommenden Funktionsperiode, wenn das – womöglich sanierungskostenbedingt etwas verkleinerte – News- und Programmcenter in die Gänge kommen soll. Die ÖVP (und Grasl) legen sich gegen einen zentralen Infodirektor über alle Medien quer, der nach Wrabetz’ erstem Modell auch allen Channel-Chefredakteuren (von ORF 1 und 2 über Ö3, Ö1, FM4 bis ORF On) vorstehen sollte.

Klausur 2: Programm

Um das eigentliche Produkt des ORF – also sein Programm – soll es in der zweiten Klausur eine Woche darauf gehen, offenbar ebenfalls auf dem Kahlenberg. In einem Generalswahljahr sollten ja zum Beispiel die Quoten nach Möglichkeit zumindest stabil bleiben. Im Sommer sollte etwa die Fußball-EM in Frankreich dabei helfen. Ebenso die Morgengabe für die Bundesländer und ihre Stiftungsräte – regionales Frühstücksfernsehen ab Ende März. Und für Stiftungsräte, die sich öffentlich-rechtlichen Ansprüchen verpflichtet sehen, bastelt der ORF etwa mit an einem europaweiten Projekt der Rundfunk-Union EBU über das Meinungsklima von Europas Jugend.

Diese EBU mit Sitz in Genf wird übrigens gern als potenzieller Arbeitgeber für Alexander Wrabetz gehandelt, der sich nicht erst seit dem Song Contest 2015 intensiv bei der Rundfunkunion engagiert.

Erster Dreifach-Jackpot

Aber erst stellt sich Alexander Wrabetz am 9. August der Wahl für eine dritte Amtszeit – er wäre der erste ORF-Chef, der eine zweite Wiederwahl in Serie schafft. Und er hat schon 2011 beeindruckende Fähigkeiten in der Verteidigung seiner Position gezeigt. (Harald Fidler, 25.1.2016)

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