"Snowzilla" versus "Snowmageddon"

24. Jänner 2016, 17:47
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Der Blizzard im Osten der USA hat am Wochenende mindestens 18 Menschen das Leben gekostet. Die Hauptstadt Washington kam aber glimpflicher davon als befürchtet

Es ist der Morgen nach "Snowzilla". Der Blick nach draußen beruhigt ungemein. Die Straßenlaternen leuchten, es gibt also noch Strom, die Leitungen sind nicht gerissen. Was zu befürchten, womit eigentlich zu rechnen war, ist zum Glück ausgeblieben. Der Rest: halb so schlimm, egal wie dramatisch die Stimmen der Wetterreporter im Fernsehen jetzt klingen.

Ein Blizzard in Washington, das hat normalerweise zur Folge, dass irgendwann der Strom ausfällt. Sobald ein böiger Wind aufkommt, lässt die Last des Schnees Äste brechen und auf Leitungen stürzen. Die Stadt hat unendlich viele Bäume, während unter der Erde verlegte Stromkabel die Ausnahme sind.

Sturm des Jahrhunderts

Damit geht mit jedem Schneesturm zwangsläufig die bange Frage einher, wie lange Telefon und Internet noch funktionieren, wann die Verbindung zur Außenwelt abreißt, wie lange aus der Heizung Wärme kommt. Gemessen am Worst-Case-Szenario war "Snowzilla", mit typisch amerikanischer Neigung zum Superlativ angekündigt als Sturm des Jahrhunderts, also nur ein Stürmchen. 1.200 Haushalte mussten am Sonntag in der Hauptstadtregion ohne Elektrizität auskommen. Eine Zahl wie nach jedem leichten Sommergewitter.

Dennoch ist es ein Sturm "for the record books", wie sie hier sagen. Rekordverdächtig. Ganz oben steht der Knickerbocker-Blizzard vom Januar 1922, als in Washington 66 Zentimeter Schnee gemessen wurden. Tragischerweise kamen damals 98 Menschen ums Leben, weil in einem Kino, dem Knickerbocker Theatre, das Dach einstürzte.

Diesmal sind – von Freitagmittag bis Samstagnacht – um die sechzig Zentimeter gefallen. Wobei die wichtigere Frage jenseits aller Rekordtabellen lautet, wie lange es dauert, bis sich die Stadt aus ihrer Lähmung befreit. Zwei Tage? Drei? Oder sechs? Seit Freitagmittag fahren weder U-Bahnen noch Busse. Frühestens am Montag, orakelt die Bürgermeisterin Muriel Bowser, könne man daran denken, den Betrieb wiederaufzunehmen. Die breiten Magistralen zwischen Kapitol und Lincoln-Memorial werden zwar nach und nach geräumt, doch wann die ersten Schneepflüge in die Nebenstraßen vordringen, bleibt völlig ungewiss.

Leere Supermarktregale

Ebenso, wann sich die leeren Regale der Supermärkte wieder füllen. Cornflakes, Mineralwasser, Toastbrot, Taschenlampen, Kerzen – alles ausverkauft, seit sich die Leute gegen "Snowzilla" zu wappnen begannen.

Das Neue, Ermutigende für Washington ist, dass mit Bowser eine Frau im Chefsessel des Rathauses sitzt, die den stoischen Fatalismus ihrer Vorgänger so gar nicht zu teilen scheint. Einen Fatalismus, der einen verstehen ließ, was John F. Kennedy meinte, als er witzelte, Washington sei eine Stadt nördlichen Charmes und südlicher Effizienz. Bowser ist erst seit zwölf Monaten im Amt, und der Ton, den sie auf dem Höhepunkt des Blizzards anschlug, war erfreulich resolut. "Hey, es sind zu viele Leute auf den Straßen, sowohl im Geländewagen als auch zu Fuß. Bleiben Sie zu Hause, damit wir rasch räumen können!"

Bleibt abzuwarten, ob den Worten auch Taten folgen. Aus Erfahrung weiß man: Schneestürme können über die Karrieren auf strebender Kommunalpolitiker entscheiden. Als "Snowmageddon" im Februar 2010 das öffentliche Leben der Hauptstadt für Tage lahmlegte, waren die Tage Adrian Fentys, eines jungen Hoffnungsträgers, gezählt. Im Herbst darauf wurde Fenty nicht wiedergewählt.

Kein Strom und Flugverkehr

Im Rest des Landes ging es nicht so glimpflich ab. Rund 85 Millionen Menschen leben im Einzugsbereich dieses Blizzards, in dem am dichtesten besiedelten, wirtschaftlich stärksten Abschnitt der US-Ostküste. Über 11.000 Flüge wurden bis Sonntag gestrichen, 220.000 Menschen waren zumindest zeitweise ohne Elektrizität.

An der Ostküste starben mindestens 18 Menschen infolge des Wetters – einige von ihnen beim Schneeschaufeln wegen Herz-Kreislauf-Problemen. 2200 Nationalgardisten waren im Einsatz, elf Bundesstaaten riefen den Notstand aus. (Frank Herrmann, 24.1.2016)

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