"Die Ideologie des IS hat in Afghanistan tiefe Wurzeln"

Interview25. Jänner 2016, 13:02
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Der afghanische Forscher Malek Sitez sieht den Vertrauensverlust in die Regierung als Fluchtgrund

Mehr als 220.000 Menschen aus Afghanistan sind laut Zahlen des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) seit Anfang 2015 über die Balkanroute in Richtung Westeuropa aufgebrochen. Rund ein Zehntel davon, 22.256, haben laut Innenministerium bis Ende November in Österreich um Asyl angesucht. Fluchtgründe gibt es zweifellos genug. Doch der plötzliche Aufbruch hat viele überrascht.

Der afghanische Menschenrechtler Malek Sitez sieht vor allem die Enttäuschung über mangelnde Fortschritte der neuen Regierung als Grund. Wolle Europa Afghanistan nachhaltig helfen, müsse man in staatliche Strukturen investieren, sagt er im Interview mti dem STANDARD. Das würde auch helfen, Jugendliche aus dem Einflussbereich extremistischer Gruppen zu holen.

STANDARD: Die Ansuchen um Reisepässe haben sich in Afghanistan in den vergangenen Monaten vervielfacht. Wieso – nach fast 35 Jahren Instabilität – gerade jetzt diese Fluchtbewegung?

Sitez: Nach dem Ende des Taliban-Regimes haben die Afghanen ihre Zukunft sehr optimistisch gesehen. 1,5 Millionen kehrten seit 2002 aus den Ländern in der Umgebung, vor allem Pakistan und Iran, zurück. Aber die Taliban organisierten sich neu, die Situation wurde schlechter – schon in der Zeit von Präsident Hamid Karzai. Als die nationale Einheitsregierung (Ende 2014, Anm.) an die Macht kam, während die internationale Gemeinschaft ihre Unterstützung zurückfuhr, versprachen die neuen Verantwortlichen sehr viel. Aber Präsident Ashraf Ghani und Geschäftsführer Abdullah Abdullah haben danach nichts getan. Das hat zu viel Pessimismus geführt. Statt an einer nationalen Strategie für den gesamten Staat zu arbeiten, sind die Leute in ethnische Gruppen geteilt worden.

STANDARD: Und diese Spannungen haben sich zuletzt verschärft?

Sitez: Ganz besonders in der jüngsten Zeit. Das macht die Menschen noch pessimistischer.

STANDARD: Gibt es weitere Gründe?

Sitez: Afghanistan ist von der internationalen Gemeinschaft vollkommen abhängig. Mehr als 86 Prozent des afghanischen Budgets kommen von außen. Die gesamte militärische und zivile Infrastruktur hängt an internationaler Unterstützung. Und die wurde zuletzt zurückgefahren. Die Regierung selbst kann keine Jobs für eine so große Zahl junger Menschen schaffen. Daher verlassen sie das Land.

STANDARD: Was könnte man tun, um Perspektiven zu schaffen, ohne die Abhängigkeit noch mehr zu verstärken?

Sitez: Eine der größten Herausforderungen sind die Extremisten in der Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan. Dort gibt es 2.000 islamische Schulen, in denen Kinder zwischen fünf und 18 Jahren in extremistischem Gedankengut unterwiesen werden. Das ist das größte Hindernis für Entwicklung in Afghanistan. Meine Empfehlung an Staaten in der EU ist es, Afghanistan zu unterstützen, indem man Druck macht, die Zahl solcher Schulen zu reduzieren – etwa an die Adresse der pakistanischen Regierung. Langfristig kann das nur gelingen, wenn es auch Investitionen in den Aufbau eigener Strukturen gibt.

STANDARD: Nach 2002 wurde bereits viel investiert – die Fortschritte sind begrenzt.

Sitez: Ich stimme der Einschätzung nicht ganz zu. Wenn man die heutige Situation mit 2002 vergleicht, hat es sogar große Fortschritte gegeben. Das Bild des Landes ist ein anderes. Aber was stimmt, ist, dass viele Gelder schlecht oder falsch genutzt worden sind. Afghanistan ist einer der am meisten von Korruption betroffenen Staaten der Welt. Der afghanische Staat muss Strukturen schaffen, um das zu bekämpfen. Dabei kann man helfen.

STANDARD: Wie sehen Sie die aktuellen Verhandlungen mit den Taliban? Will man Frieden, wird es wohl auch Zugeständnisse an Extremisten geben müssen.

Sitez: Die Menschenrechtsperspektive ist eine andere als die politische. Das, wofür wir eintreten, ist ein positiver, warmer Peacebuilding-Prozess. Der Friede soll auf Gerechtigkeit basieren, auf Fortschritt. Aus einer Meschenrechtsperspektive verhandelt man über Sicherheit, politische und wirtschaftliche. Und über Jobs, den Zugang zu Bildung, zu Gesundheitsversorgung, zu Kultur. Gerechtigkeit sollte demnach eine Voraussetzung sein, so wie auch Frauenrechte, faire Prozesse, freie Medien, Wahlen.

STANDARD: Da müsste es in einem politischen Friedensschluss mit den Taliban keine Einschränkungen geben?

Sitez: Das ist eine emotionale Frage und eine sehr schwierige aus menschenrechtlicher Sicht. Die afghanische Verfassung sollte eingehalten werden – und deren zweites Kapitel beinhaltet die Menschenrechte. Das sind die Werte des Friedens. Ohne sie wird der Frieden in Afghanistan nicht halten. Dann ist es nur ein Waffenstillstand, der keine Ergebnisse bringt.

STANDARD: Sehen Sie einen derartigen Friedensschluss in der näheren Zukunft?

Sitez: Das ist die Vision. Ich weiß, dass man daran Zweifel haben kann. Wenn wir 30 Prozent davon erreichen, sind wir wenigstens auf dem richtigen Weg.

STANDARD: Sind Sie selbst für die nähere Zukunft optimistisch?

Sitez: Ich bin nicht sehr optimistisch. Meine Sorge ist, dass die internationale Gemeinschaft und vor allem die USA keine gute Strategie haben, um Extremismus und Terror zu bekämpfen. Das betrifft auch die Ausbreitung des Daesh in Afghanistan.

STANDARD: Handelt es sich beim IS in Afghanistan wirklich um neue Gruppen? Oder sind es vorhandene, die nun unter IS-Label operieren?

Sitez: Der Daesh ist als Organisation neu in Afghanistan. Aber die Idee, der "Daeshismus", wenn Sie so wollen, ist alt und hat als Ideologie tiefe Wurzeln. Afghanistan ist ein armes Land, ein religiöses Land, in dem Fundamentalisten sehr aktiv sind. Der "Daeshismus" hat es da leicht. (Manuel Escher, 25.1.2016)

foto: privat
Malek Sitez ist ein afghanischer Menschenrechtsanwalt und Forscher. Er lehrt unter anderem in Kopenhagen. Vergangene Woche war er auf Einladung des Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC) in Wien.
  • In Kabul am Schauplatz eines Selbstmordattentats. Mehr Unterstützung für staatliche Bildungseinsrichungen würde helfen, Jugendliche aus dem Einflussbereich von Extremisten zu holen, sagt Menschenrechtler Malek Sitez.
    foto: reuters / mohammad ismail

    In Kabul am Schauplatz eines Selbstmordattentats. Mehr Unterstützung für staatliche Bildungseinsrichungen würde helfen, Jugendliche aus dem Einflussbereich von Extremisten zu holen, sagt Menschenrechtler Malek Sitez.

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