Digital Desperados

Glosse24. Jänner 2016, 10:00
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Ich bin kein Journalist. Obwohl mich die Maischberger neulich in ihrer Sendung so vorgestellt hat

Damals war mein Job einfach. Ich sollte Elfriede Blauensteiner, der "Schwarzen Witwe", zurufen: "Elfi! Bist du eine Mörderin?!" – Damit sie in die Kamera schaut. Vor wenigen Wochen sitze ich in der Wohnung von Manuel Tunzer und soll mit dem Identitären Herrn Markovics diskutieren. Eine Oszilation im Universum des "Independent Journalism".

Die Gottfried-Einheit

Er ist der Mann, mit dem ich meinen ersten Film gedreh habe. Er dauert 15 Minuten und heißt "Rätselrally in Ottakring". Der Auftraggeber ist der Wiener Integrationsfonds, der Zweck ist die Bewerbung von Integration, Kameramann und Produzent ist Gottfried. Ich bin der Herr Regisseur und gebiete über ein Produktionsbudget von 3.000 Schilling.

Später bin ich mit Gottfried in ganz Österreich unterwegs. In seinem ersten selbstgebauten Übertragungswagen. Alles in diesem ehemaligen Wohnanhänger ist von ihm geplant und herbeigebastelt worden. Wir folgen dem Zirkustrail der "Ö3 Mountain Mania". Irgendwo in den Alpen sind auch die Kollegen vom deutschen Privatfernsehen dabei. Ihre Ü-Wagen sind in vollisolierten Seecontainern untergebracht, die von Sattelschleppern in die Alpen gezogen werden. Gegen Mitternacht lässt sich die Türe unseres Ü-Wohnwagens nicht mehr schließen und wir müssen die Scharniere mit dem Fett der Brathendeln vom Grillstand schmieren. Die Piefke sind amüsiert.

Ich treffe Gottfried immer wieder. Inzwischen sind seine selbstgebauten Fahrzeuge digital ausgestattet und eher klein. Ich mag Gottfried, weil er nie aufgibt. Den Spitznamen aus dem Zwischentitel gibt ihm seine Crew, weil er wie ein sturer Roboter immer neue Kleintransporter in Basisstationen für Medien-Guerrileros umbastelt.

Der Veteran

Ich will seinen Namen nicht nennen, weil er ein rabiater Charakter ist. Gottfried leiht mich an Reporter X aus, weil er seinen letzten Tonassistenten mit einer Faustwatsche niederstreckt. Vorsichtshalber lasse ich meine Brille im Studio.

Reporter X war schon in Vietnam. Im Studio hängen einige Fotos aus dieser Zeit: Er mit Schutzweste, Helm und Fotoapparat an der Tür eines Hubschraubers, Dschungel im Hintergrund. Heute ist der Auftrag, Elfriede Blauensteiner, die einige Ehemänner dubios überlebt, beim Eintritt in den Gerichtssaal dazu zu bringen, in die Kamera von Reporter X zu blicken. Das ist alles. Der Rest des Beitrags kommt aus dem Archiv, es geht nur um diesen einen Blick. Mein dummer Job ist in der Einleitung beschrieben.

Am Abend sehe ich im Fernsehen diesen Blick der "Schwarzen Witwe" in die Linse. Mein Zuruf "Elfi! Bist du eine Mörderin?!" ist nicht zu hören. Ich lasse mich nie wieder an Reporter X ausleihen.

Wiener DiCaprio der Reporter

Als ich Manuel Tunzer zum ersten Mal begegne, ist gerade Sommer und eine Loveparade in Wien. Ich provoziere mit einem T-Shirt mit einer (legalen) Karikatur, und er filmt für einen österreichischen Privatsender, was dabei passiert. Nach kurzer Zeit ist ein junger Mann sehr begierig darauf, mit mir über die Karikatur zu reden. Allerdings nicht vor laufender Kamera, nur unter vier Augen. Hinter dem Würstelstand, wo uns niemand stört. Ich beschließe, diese Aktion abzubrechen, der junge Mann beschimpft uns wüst und geht.

Heute ist Manuel ein freischaffender "rasender Reporter" im Digital-Urwald. Und ich soll in seiner ersten Sendung für seinen eigenen Youtube-Kanal mit Herrn Markovics von den Identitären diskutieren. Wenige Tage später wird dieser Mann wegen seines Auftrittes vor anderer Leute Kameras einen ungeahnten Shit-Storm erleben. Aber an diesem Abend ist alles sehr gemütlich, Manuel verwandelt sein Wohnzimmer in ein Studio. Ich bekomme krügelweise Bier und darf kiffen, Herr Markovics nimmt das gelassen hin. Am Ende habe ich den Eindruck, er sei kein Nazi, sondern nur ein um seine Identität besorgter Christ. Ich bin überrascht. Manuel und seine Crew ebenfalls.

Und: Ja! Tunzer ist hübsch! Ich flirte trotzdem mit seiner Freundin. Aber erst nach dem dritten Krügerl.

Lügen wie gedruckt

Ich bin kein Journalist. Obwohl mich die Maischberger neulich in ihrer Sendung so vorgestellt hat. Ich bin nur ein Autor, der Kurzgeschichten schreibt. Daneben bin ich ein Atheist, dem es Spaß bereitet, mit Kameramann Andreas durch Wien zu wanken und religiösen Menschen dumme Fragen zu stellen. Die dummen Antworten stellen wir als Journalismus getarnt ins Netz. Und nur zwei Jahre später adelt uns eine beliebte deutsche Sprechveranstaltung (Talk-Show) im Fernsehen zu Journalisten.

Sogar mehr: Der Vertreter einer großen Religionsgemeinschaft, die zu Deutschland gehört, nimmt unseren Spaßbeitrag so ernst, dass er mit dem üblichen Reflex solcher Leute reagiert und uns "Journalisten" unterstellt, wir hätten die dummen Antworten irgendwie herbeimanipuliert. Andreas und ich lachen noch bis weit nach Mitternacht. Genauso wie wir gelacht haben, als seinerzeit der Hojač über die Halbmonde auf den Alpengipfeln geschäumt hat!

Für die Rechte an der einmaligen Ausstrahlung bekommen wir vom Sender 150 Euronen gelöhnt. Mit der "Rätselrally in Ottakring" habe ich in etwa genauso viel verdient. Ich weiß nicht, was Andreas mit seinen 75 Euronen vorhat. Ich werde Gras kaufen und es mit einem Flüchtling meiner Wahl rauchen.

Dann singen wir zusammen "Naa, mir wean kaan Richter brauch'n, wö mia ham a goidans Heaz!"

Immer dem Mond hinterher

Heute kann jeder, wirklich jeder – sogar ich – in der digitalen Marmelade ein Reporter sein. Zu Gottfrieds Zeiten beginnt das erst. Zu Manuels Zeiten ist es globale Realität. Was diese beiden Männer jedoch verbindet, ist der Wille, es richtig zu machen. So wie Gottfried einst jedes Kabel seines Ü-Wagens selbst verlegt hat.

Fünfzehn jahre später positioniert Manuel jede der vier HD-Kameras eigenhändig. Notfalls dient ein Polster im Regal als Stativ. Und er lässt sich nicht nehmen, eine schöne, lange Einleitung zu schneiden, die mich beeindruckt. Obwohl alles improvisiert, ist dennoch nichts "auf die Schnelle". Manuel ist gut vorbereitet: Zahlen, Daten, Fakten! Auf einem Klemmbrett (zu Deutsch: Clipboard), das in seinem Schoß liegt.

Irgendwann ist so viel Rauch im Zimmer/Studio, dass der Kameramann ein Fenster aufmacht. Kalte Luft kommt herein und ein ärgerliches "Bim-Bim" der Straßenbahn. Dann sehe ich den Mond über Wien.

Er ist prall und bleich. Wie damals über den Alpenstraßen. (Bogumil Balkansky, 24.1.2016)

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