Ted Cruz: Geschniegelter Anwalt im bemühten Jeanslook

Reportage23. Jänner 2016, 12:00
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Die Nähe zum Wahlvolk will dem texanischen Senator kaum jemand wirklich abnehmen – das sind keine guten Karten für das Präsidentenamt

Ted Cruz steht da, in Jeans und Freizeithemd; will lässig wirken, kumpelhaft, damit seine Zuhörer in der Kleinstadt Milford, New Hampshire, bloß nicht auf die Idee kommen, er sei ein Schnösel.

Cruz hat in Princeton und Harvard studiert, er war Assistent im Supreme Court zu Washington und in Texas der ranghöchste Anwalt in Diensten des Staates, bevor er mit dem Rückenwind der Tea Party Senator wurde.

Ärmel hochkrempeln

Normalerweise trägt er Krawatte und scharf gebügelte Hosen, bisweilen lässt seine geschliffene Sprache den Juristen erkennen, der es gewohnt ist, vor Publikum im Gerichtssaal zu argumentieren.

Doch nach den ungeschriebenen Regeln der US-Kampagnen muss ein Kandidat den Eindruck erwecken, nichts lieber zu tun, als die Ärmel hochzukrempeln und ein Bier mit seinen Wählern zu trinken. Da muss eben auch Cruz ein bisschen schauspielern, aber die Atmosphäre bleibt eher kühl.

Selbstvergleich mit Kennedy

Milford ist Kennedy-Country. Kommt einer aus Texas wie Cruz, hat er hier ein Auswärtsspiel. Also redet der Kandidat von John F. Kennedy, als wäre der sein politischer Zwilling. "Würde JFK noch leben, wäre er Republikaner und nicht Demokrat, da bin ich mir sicher. Die heutige Demokratische Partei, die würde JFK doch teeren und federn!"

Denn der, begründet Cruz seine These, wollte Steuersenkungen und einen schlanken Staat, "und mit den Sowjets hat er so hart geredet, wie man mit ihnen reden musste". Skeptische Mienen: Kennedy und dieser Texaner? Nein, das geht den meisten denn doch ein bisschen zu weit.

"Verrückter Vogel"

Cruz will die Präsidentschaftskandidatur einer Partei gewinnen, in der er bisher eher ein Außenseiter war. Das alte Schlachtross John McCain nannte ihn einmal einen "wacko bird", einen Verrückten. Cruzsaß erst neun Monate im Kongress, da redete er 21 Stunden lang gegen Barack Obamas Gesundheitsreform an, ohne Pause, wie es die Ausdauerübung des Filibuster vorschreibt. Er las aus Kinderbüchern vor und zog gewagte Vergleiche: Wer behaupte, "Obamacare" könne nicht besiegt werden, verhalte sich wie der Brite Neville Chamberlain, der Adolf Hitler zu besänftigen versuchte, statt ihm energisch Paroli zu bieten.

Der Cruz' schen Profilierungsübung folgte im Oktober 2013 der Shutdown, die Schließung ganzer Regierungsbehörden. Freunde hat sich der Newcomer damit nicht gemacht, selbst Republikaner sprachen von einem Unbelehrbaren, der mit dem Kopf durch die Wand wolle.

Schimpfen aufs Establishment

In Milford schimpft er auf das "windelweiche" Establishment: John McCain 2008? Mitt Romney 2012? "Kandidaten der Mitte, und was hat es gebracht?" , wettert er. Als Romney ins Rennen ging, seien evangelikale Christen, die eigene Basis und konservative Malocher am Wahltag millionenfach zu Hause geblieben. Mit ihm, Ted Cruz, würde das nicht passieren: Er wisse, wie man seine Anhänger mobilisiere.

"Und Ronald Reagan, haben ihn die Seilschaften nicht auch zuerst gehasst?", blendet er zurück auf die 1970er-Jahre, als der spätere Held der Grand Old Party eher belächelt wurde. "Und bevor Reagan zur Revolution blies, hatten wir da nicht dieselbe Malaise wie heute?" Beschreibt Cruz das Amerika des Jahres 2016, klingt er fast noch düsterer als Donald Trump – als würde gleich die Welt untergehen.

Kuba 1957

Dann erzählt er von seinem Vater Rafael, der 1957 aus Kuba floh. Als er nach dem Sieg Fidel Castros zurückkehrte, so schildert es sein Sohn, verlor er sämtliche Illusionen und beschloss, im Exil zu bleiben. Im kanadischen Calgary gründete er ein Dienstleistungsunternehmen, später zog er nach Houston, heute ist er ein Pfarrer, der Obama bisweilen mit dem jungen Fidel vergleicht.

Zitiert Cruz den Senior, klingt es nach akuter Alarmstimmung. "Als wir auf Kuba unterdrückt wurden, gab es ein Land, in das ich fliehen konnte. Wohin aber gehe ich, wenn wir hier unsere Freiheit verlieren?" (Frank Herrmann aus Milford, New Hampshire, 23.1.2016)

  • Im Wahlkampf beschreibt Ted Cruz gern in düsterem Ton die Malaise der US-Politik – dieser jungen Anhängerin scheint das zu gefallen.
    foto: reuters / brian snyder

    Im Wahlkampf beschreibt Ted Cruz gern in düsterem Ton die Malaise der US-Politik – dieser jungen Anhängerin scheint das zu gefallen.

  • Ted Cruz bemüht im Wahlkampf gern Kennedy und Reagan.
    foto: ap photo / john minchillo

    Ted Cruz bemüht im Wahlkampf gern Kennedy und Reagan.

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