"Die Leser nicht deppert sterben lassen"

Kommentar22. Jänner 2016, 18:47
569 Postings

Gelegentlich erfordert es einigen Streit, um zu einer Balance zwischen journalistischer Ethik und publizistischer Glaubwürdigkeit zu kommen. Ein Einblick in den Meinungsbildungsprozess der Standard-Redaktion

Debatten, zuweilen hitzige, gehören täglich zur internen STANDARD-Blattkritik. Manchmal hat diese auch ein E-Mail-Nachspiel, weil nicht alle ihre Standpunkte ausreichend gewürdigt sehen oder einige meinen, die Konferenz sei ganz klar auf dem Holzweg. Selten aber werden Meinungsverschiedenheiten so intensiv ausgetragen wie zuletzt in Betreff des Falls jenes afghanischen Asylwerbers, der eine 18-jährige Frau im Prater vergewaltigt haben soll. Online haben wir die Herkunft des mutmaßlichen Täters genannt, im Print nicht. Ein Auszug aus der Debatte:

Von: Krutzler David

Gesendet: Mo, 18. 1., 18 Uhr

Danke für die Diskussion über die Kurzmeldung in der Chronik zur Vergewaltigung im Prater. Eine kleine Replik: Die APA sprach von keinem Asylwerber, sondern von einem 21-jährigen Afghanen. Ich habe die Bezeichnung "Afghane" nicht mutwillig weggelassen. Bei Newsdesk-Diensten wurde mir vom diensthabenden Online-CVD erklärt, dass ich das Land des Täters besser nicht erwähnen soll, sofern es mit der Tat nichts Direktes zu tun habe. Das alles war klarerweise vor Köln.

Ich finde es absolut okay, dass man jetzt nach den Vorfällen in Köln zur Diskussion stellt, zu Vergewaltigungen und anderen Gewaltfällen auch mehr zu den Ethnien von Täter und Opfer zu schreiben. Im konkreten Fall wollte ich aber nichts "verschweigen", ich wollte das nicht "systematisch unterspielen", ich wollte uns nicht angreifbar machen. Ich wollte lediglich so darüber berichten, wie es mir mit meinem Wissensstand richtig erschien.

Von: Schmidt Colette

Gesendet: Mo, 18. 1. 18.49

In Graz gab es vor über zehn Jahren die Diskussion darüber, warum die Polizei bei Drogendealern immer nur dazuschrieb, woher sie kamen, wenn sie so genannte "Schwarzafrikaner" (um es mit der Sprache der Kolonialherren, die nicht unsere sein sollte, auszudrücken), waren. Man hat das der Polizei in der Stadt der Menschenrechte damals erfolgreich abgewöhnt. Man könnte sich darauf einigen, immer oder nie dazuzuschreiben, woher ein individueller Täter kommt. Ich glaube unsere früheren Richtlinien, die David erwähnt hat, hatten ja einen guten Grund. Sie wegen Köln über Bord zu werfen, halte ich für sehr gefährlich. Vor allem bei einem Fall wie im Prater. Das war ein Mann, nicht hunderte. Wenn die Ethnie mit der Tat etwas zu tun hat, wäre das etwas anderes.

Von: Brickner Irene

Gesendet: Mo, 18. 1. 19.42

Da ich einen Hintergrundartikel für die kommenden Tage zu dem Thema recherchiere, hab' ich grad den Publizistikprofessor Fritz Hausjell angerufen. Dieser meint, die ethnische Nennung wäre nach Köln in Zusammenhang mit Gruppenübergriffen okay, nicht aber, wenn es sich um eine solche einzelne Vergewaltigung handelt.

In letzterem Fall würden die journalistischen Ethikregeln, die besagen, dass die ethnische Zuordnung zulässig ist, wenn sie zum Verständnis der Meldung unabdingbar ist, nicht greifen – im Fall von Vorkommnissen wie in Köln hingegen schon.

Von: Wölfl Adelheid

Gesendet: Mo, 18. 1. 21.42

Ich finde, es ist völlig irrelevant, ob ein Vergewaltiger ein Flüchtling ist. Es vergewaltigt doch niemand irgendwen anderen, weil er vorher geflüchtet ist oder vielleicht irgendwann mal flüchten wird! Das ist doch absurd. Eine bestimmte Gewaltbereitschaft kann aber etwas mit der Gesellschaft zu tun haben, aus der Leute kommen, mit den gesellschaftlichen Umständen oder mit Geschlechterfragen, mit sexueller Identität. Insofern fände ich es – wenn überhaupt – relevant, aus welcher Gesellschaft jemand kommt, wie er sozialisiert wurde – aber sicher nicht, ob er Flüchtling oder Asylwerber ist.

Von: Völker Michael

Gesendet: Mo, 18. 1. 23.21

Es spielt in der öffentlichen Wahrnehmung sehr wohl eine Rolle, ob ein Täter Asylwerber ist oder nicht. Das ist zumindest in meiner Welt so, in meinem Bekanntenkreis und in den Medien, die ich konsumiere, ob ich sie schätze oder nicht. Wenn wir als STANDARD diesen Umstand ignorieren und so tun, als ob das kein Thema wäre, dann machen wir etwas falsch, dann verlieren wir gerade auch in dieser so wichtigen Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen an Glaubwürdigkeit. Wie wir das handhaben, darüber sollten wir diskutieren. Den Kopf in den Sand zu stecken und zu sagen, das spielt keine Rolle, das hat keine Relevanz, das verschweigen wir lieber, halte ich für falsch. Es wäre aus journalistischer Sicht auch eine zu einfache, bequeme Position.

Von: Szigètvari Andras

Gesendet: Di, 19. 1. 7.25

Wenn wie in Köln Übergriffe derart breit und offenbar systematisch passieren, macht es Sinn, die Herkunft zu thematisieren. Aber wozu in einem Einzelfall, bei dem die Straftat nur vermeldet wird? Die meisten denken beim Hintergrund ja aktuell auch nicht an "Kultur", sondern an Religion. Also muss es eigentlich heißen: afghanischer Moslem. Schreiben wir dann auch immer österreichischer Christ, serbischer Jude und französischer Atheist dazu? Das müsste man dann nämlich, sonst wären es Doppelstandards.

Von: Möseneder Michael

Gesendet: Di, 19. 1. 8.27

Ich möchte auf ein anderes statistisches Phänomen hinweisen: Vergewaltigung durch Unbekannte haben zu 99 Prozent zwei Dinge gemeinsam – sie werden a) von Männern begangen, die b) unter 35 sind. Wenn deren Anteil an der Gesamtpopulation sprunghaft steigt, wird es auch mehr Fälle geben, was aber nicht bedeutet, dass Männer insgesamt krimineller werden. Die logische Konsequenz kann dann nur sein, einfach gar keine jungen Männer mehr ins Land zu lassen. Wer dieser Meinung ist, sollte das aber bitte auch einmal in einem großen Kommentar schreiben und darlegen, wie man das umsetzen will.

Von: Sterkl Maria

Gesendet: Di, 19. 1. 8.50

Dass wir den Menschen bewusst etwas vorenthalten, ist ja kein geringer Vorwurf, das trifft den Kern der journalistischen Sorgfaltspflicht. Die Frage ist: Tun wir das? Nicht jedes Weglassen von Informationen ist ein bewusstes Vorenthalten eines Teils der Wahrheit: Von Verschweigen kann nur dann die Rede sein, wenn wir Details weglassen, die essenziell für das Verständnis des Zusammenhangs wären. Wir sind uns wohl darin einig, dass weder Herkunft noch aufenthaltsrechtlicher Status relevant sind für die Tat. Warum es also erwähnen?

Zum Argument "Alle anderen haben es auch": Natürlich bringt uns die Konkurrenz damit in Bedrängnis. Aber ist nicht genau das ein Wesensmerkmal einer Qualitätszeitung, dass sie sich nicht von aktuell hochquellenden Emotionen mitreißen lässt, sondern mit sachlicher Distanz berichtet?

Von: Nimmervoll Lisa

Gesendet: Di, 19. 1. 8.54

Wir leben in einer vollmedialisierten Gesellschaft. Jede/-r kann sich jederzeit jede Information – oder jedes verschwiegene Detail – suchen. Und da sehe ich im Moment eine ganz große Gefahr – dass die LeserInnen uns immer weniger vertrauen (könnten), weil sie den Eindruck gewinnen, wir würden bestimmte Dinge verschweigen, aus welchen Gründen auch immer. Ich verstehe all die vorgebrachten Argumente, welches Merkmal wichtig ist und welches aus welchen Gründen nicht und kann das großteils auch nachvollziehen und teilen. ABER: Sich von dieser gesellschaftlichen Dynamik komplett abzukoppeln, halte ich für verhängnisvoll.

Von: Rauscher Hans

Gesendet: Di, 19. 1. 8.55

1) Wir haben ein massives Glaubwürdigkeitsproblem bei vielen Lesern und Usern bekommen, die die von Völker erwähnten Besorgnisse haben. Das können wir m. E. nicht ignorieren.

2) Gut, dass wir offen diskutieren, das macht unser Medium aus.

3) Die journalistische Realität stellt uns vor Entscheidungen. Beispiel: Es gibt dauerhaft etwa 30.000 russische Staatsbürger mit Asylstatus (oder subsidiärem Schutz) in Österreich. Der Großteil davon sind Tschetschenen. Unter ihnen ist die Inzidenz von Gewaltverbrechen, Bandenkriminalität und Beteiligung am Jihad in Syrien ziemlich hoch. Das hat historisch-kulturell-soziologische Gründe: Seit 200 Jahren unterdrückte Minderheit unter Zar, Stalin und Putin. In den letzten 20 Jahren zwei Kriege, Clan- und Machostruktur. Wenn hier etwas zu berichten ist, wäre es ein journalistisches Versäumnis, den Hintergrund wegzulassen. Das ist prägend, ebenso wie es prägend ist, wenn ein österreichischer Straftäter aus einer verwahrlosten sozialen Situation kommt.

4) Vorschlag: Pragmatisch vorgehen. Nie das Herkunftsland zu nennen oder immer das Herkunftsland zu nennen ist eine zu starre Regel. Wenn ein entsprechender Hintergrund vorliegt und mit der Tat vermutlich etwas zu tun hat, ist er zu erwähnen – aber nicht mit der Betonung "Flüchtling", sondern mit Ausleuchtung des Hintergrunds. Der afghanische Vergewaltiger ist ein Zweifelsfall. In einer Kurzmeldung kann man schlecht den Hintergrund ausleuchten. Ich hätte aber die Herkunft genannt.

Von: Frey Eric

Gesendet: Di, 19. 1. 9.22

Das meiner Meinung nach relevante Faktum nach einer Sexualstraftat in Österreich ist heute weniger, ob es sich um einen Asylwerber handelt oder nicht, und letztlich auch nicht die Religion, aber sehr wohl das Herkunftsland. Man hört praktisch nichts von Übergriffen durch Syrer, sei es in Deutschland oder in Österreich, sehr wohl aber von Nordafrikanern (Köln) und in Österreich vor allem von Afghanen. Man muss nur mit jenen Menschen sprechen, die in bester Absicht mit Flüchtlingen und vor allem mit unbegleiteten Minderjährigen arbeiten und im Falle der Afghanen in kurzer Zeit völlig desillusioniert sind. Wir haben durch die hohe Zahl junger männlicher Afghanen in Österreich ein ganz besonderes Problem einer Gruppe, die in einer zutiefst patriarchalischen Gesellschaft mit archaischen Wertvorstellungen aufgewachsen ist und in einem westeuropäischen Land kaum integrierbar ist. Dieses schwierige Thema müssten wir journalistisch dringend behandeln. Wenn wir das täten, dann wäre es auch nicht mehr so wichtig, ob wir im Einzelfall die Herkunft erwähnen.

Von: Szigètvari Andras

Gesendet: Di, 19. 1. 9.46

Die Beispiele zeigen eher, dass Vorsicht geboten ist. Die Vorgänge lassen sich ja auch völlig anders interpretieren: dass Tschetschenien ein Land ist, welches in Gewalt versank, liegt auf der Hand. Aber bedeutet das gleich, dass das Risiko bei Menschen, die von dort kommen, höher ist? Könnte man nicht genauso gut sagen: Jene Tschetschenen, die kommen, sind weit friedfertiger als die Österreicher, weil sie ja genau vor Gewalt und Krieg wegwollen? Kann alles sein, muss aber nicht.

Von: Stajic Olivera

Gesendet: Di, 19.01. 9:58

Was uns in den Postings "vorgeworfen wird", darf kein Argument sein. Ja, wir dürfen nicht eine abgehobene Debatte völlig vorbei am Leser und am gesellschaftlichen Diskurs führen, aber wir dürfen auch nicht auf "Forderungen" aus dem Forum eingehen.

Von: Rauscher Hans

Gesendet: Di, 19. 1. 9.59

Die Fragen sind durch eine kurze Internetrecherche zu beantworten: Von rund 130 österreichischen Jihadisten waren 2014 laut BMI 60 Tschetschenen.

Von: Stuiber Petra

Gesendet: Di, 19. 1. 9:59

Ich halte es für angebracht, in derart aufgeheizten Zeiten zumindest zu versuchen, der Vernunft, der Überlegung eine Stimme zu geben – und nicht dem atemlosen Verbreiten von Informationen, die sich im Nachhinein oft als Halb-, Falsch-, Nichtinformationen herausstellen. Ich glaube, dass wir das bis jetzt sehr gut gemacht haben. Ich möchte nicht immer dazusagen müssen, dass ich die Silvesternacht in Köln auch ganz furchtbar fand. Aber: Daraus ein Problem europäischer Dimension zu machen, und das gleich 1:1 auf Österreich umzulegen – das halte ich nicht für zulässig.

Von: Mayer Thomas

Gesendet: Mi, 20. 1. 14.53

Mein Input von Brüssel aus: Richtschnur kann wohl nur sein, was der Herausgeber von der Gründung an vorgab: Wir müssen ohne Ansehen von irgendwas den Leser in die Lage versetzen, die Welt besser zu verstehen: "All the news that's fit to print", so das Vorbild der New York Times. Dafür zahlen sie. In Wien müsste man sagen: Wir dürfen die Leser nicht deppert sterben lassen. Die Leitlinien sind die journalistischen Codices.

(red, 22.1.2016)

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