Ryder: Sozialstaat hilft beim Umgang mit Automatisierung

Interview23. Jänner 2016, 13:00
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Der ILO-Chef sieht Österreich gut auf Arbeitsmarkt-Herausforderungen vorbereitet

STANDARD: Die Vierte Revolution, die Verschmelzung von Technologien, ist das Thema des heurigen Weltwirtschaftsforums (WEF). Zum Auftakt wurde eine WEF-Studie publiziert, die voraussagt, dass dadurch bis 2020 weltweit mehr als fünf Millionen Jobs verloren gehen. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch?

Ryder: Diese Studie zeigt, was die möglichen Effekte dieser technologischen Revolutionen sein können. Ich stimme mit vielem überein, was in diesem Report steht. Zwei Sachen sind wichtig: Die Wahl ist nicht: Kann man Technologie einfach ablehnen oder muss man diese ohne Interventionen übernehmen, sondern: Man muss die Veränderungsprozesse managen. Das bewirkt Ergebnisse auf dem Arbeitsmarkt, die wir wollen. Es gibt nicht nur eine technologische Vorherbestimmung.

STANDARD: Was unterscheidet diese Revolution von früheren?

Ryder: Wenn man sich die Geschichte anschaut, die Entwicklung der Dampfmaschine, der Benzinmotor: Dann würden die meisten sagen, im Laufe der Zeit hat das zur Schaffung von mehr Arbeitsplätzen beigetragen. Werden wir das nun auf die gleiche Weise erleben oder wird das diesmal ganz anders sein?

STANDARD: Sehen Sie das als offene Frage an?

Ryder: Niemand hat die Antwort darauf. Die Experten sind da ganz unterschiedlicher Meinung. Die neue Frage ist, ob diese Revolution nicht alles durcheinanderwirft, wie wir Arbeit bisher organisiert haben. Bewegen wir uns von einem System, das direkt von Arbeitskräften abhängt, zu einem, in dem Plattformen Serviceleistungen erbringen können? Damit würde der klassische Arbeitsmarkt einem totalen Wandel unterzogen werden.

STANDARD: Welche Auswirkungen werden diese Entwicklungen auf das auf Arbeit basierende Sozialversicherungssystem und Arbeitsrechte haben? Wird es noch Gewerkschaften geben?

Ryder: Eine Sache ist klar: Soziale Sicherheit hat bisher geholfen, dass sich Arbeitskräfte dem Wandel anpassen konnten. Wenn es Möglichkeiten gibt, dass man eine gewisse Zeit auch ohne Job auskommen kann, dann hilft das beim Anpassungsprozess. Soziale Sicherheit bringt der Wirtschaft mehr Flexibilität, auch wenn das viele nicht glauben wollen.

STANDARD: Deutschland hat einen Mindestlohn eingeführt. Sind solche Maßnahmen in Zeiten des Wandels nicht kontraproduktiv?

Ryder: Es gab große Kontroversen. Es scheint so, dass befürchtete Negativeffekte nicht eingetreten sind und der soziale Nutzen, dass man im Dienstleistungssektor abgesicherte Löhne hat, ist klar. Mein Eindruck ist: Das ist bisher ein erfolgreiches Experiment. Das könnte ein Teil einer Arbeitsmarktpolitik der Zukunft sein.

STANDARD: Hat Europa mehr Probleme als etwa die USA und Asien, um mit den Auswirkungen der Vierten Revolution zurechtzukommen?

Ryder: Europa muss nicht unbedingt mehr Probleme als andere Regionen haben. Wenn man Roboter hernimmt: In Deutschland sind drei Mal mehr Roboter pro Arbeitsstunde im Einsatz als in den USA. Die deutsche Wirtschaft ist also eine sehr von Robotern abhängige Wirtschaft und den Deutschen geht es wirtschaftlich gut. Ein anderes Beispiel: Norwegen. Dort haben gerade Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen Pakt abgeschlossen, um gemeinsam diese neuen Herausforderungen zu bewältigen. Meiner Ansicht nach helfen Dialog und Arbeitsorganisationen.

STANDARD: Auf Österreich umgelegt hieße das, man ist gut vorbereitet auf die Herausforderungen?

Ryder: Österreich hat die Sozialpartnerschaft. Das ist eine gute und wichtige Sache. Und nicht alle in Europa haben Vergleichbares. Das bedeutet, dass man die Kapazität hat, die Herausforderungen gemeinsam zu meistern. (Alexandra Föderl-Schmid, 23.1.2016)

Guy Ryder (60) ist seit 2012 Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Die Sonderorganisation der Uno ist damit beauftragt, soziale Gerechtigkeit sowie Menschen- und Arbeitsrechte zu befördern. Der Brite studierte an der Universität Cambridge Sozialwissenschaften und Politikwissenschaft.

  • Artikelbild
    foto: reuters/pierre albouy
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