Alle haben ein Recht, von Charlie beleidigt zu werden

24. Jänner 2016, 12:00
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Muslimische Extremisten werden nicht durch Karikaturen provoziert, es ist der Hass auf die freie Gesellschaft, der sie zu ihren Taten treibt

Das letzte Buch des Autorenduos Nina Scholz und Heiko Heinisch ist kurz und prägnant. Das Thema bleibt auch leider sehr aktuell: Der Kern des Werks ist eine Verteidigung und Illustration der Meinungsfreiheit am Beispiel der Islamkritik. Es sollte heute einfach möglich sein, Religionen zu kritisieren, sogar darüber zu lachen und zu spotten – auch wenn es dabei um den Islam geht – ohne sein Leben zu riskieren.

Leider trifft eine solche Haltung gegenwärtig auf eine mehrheitliche Ablehnung, und der Verleger ist daher sogar mutig, dieses Buch zu drucken. Auf der rechten Seite des politischen Spektrums gilt unausgesprochen eine bedingungslose Solidarität unter Religionen. Wenn man Aspekte des Islams kritisieren dürfte, könnte man auch den österreichischen Blasphemie-Paragrafen infrage stellen, was die Autoren auch tun, und das ist eben für viele konservative Politiker ein Dorn im Auge. Auf der linken Seite sind die Muslime die neuen Proletarier geworden.

Es stimmt leider, dass Muslime mehr als der Rest der Bevölkerung von Rassismus betroffen sind, sie werden daher gerne als neue Unterdrückte betrachtet, Opfer, die auf jeden Fall zu schützen sind und deren Religion keinesfalls angegriffen werden darf. Scholz und Heinisch merken mit Recht an: "Der Versuch, den Islam vor Kritik und Spott zu schützen (...) bedeutet, seine Anhänger und Anhängerinnen nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu betrachten (...)." Für die Autoren, und in klarer Abgrenzung zu rechtsextremem Gedankengut, gehört der Islam zu Europa, eben wenn Witze über ihn und Kritik an ihm genauso selbstverständlich sind wie bei andere Religionen und Weltanschauungen auch. Es ist das Verdienst des Satiremagazins Charlie Hebdo, in diesem Sinne die Muslime zu "gleichberechtigten Mitgliedern der französischen Gesellschaft" erklärt zu haben.

Charlie sein

Dieses Plädoyer versteht sich also nicht als eines gegen den Islam, sondern eher als eine Stimme für ein Aggiornamento dieser Religion. Dafür ist es in drei Teile gegliedert: "Geschichte eines Konflikts", "Der Terror zeigt Wirkung" und "Plädoyer für die Meinungsfreiheit". Die Angriffe gegen jede Person, die sich kritisch äußern oder Mohammed auch nur abbilden würde, haben schon in den 1980er-Jahren angefangen, und die Autoren rufen Namen wie Salman Rushdie oder Theo van Gogh in Erinnerung.

Sie zeigen auch, wie eine Selbstzensur entstanden ist, sodass zum Beispiel die erste Seite von Charlie Hebdo nach den blutigen Ermordungen vom Januar 2015 (Mohammed mit dem Schild "Alles ist vergeben") zensiert wurde (auf Sky News wurde das Bild umgeschaltet, als C. Fourest das Cover zeigen wollte).

Am Beispiel der Diskussion über islami(sti)sche Kindergärten in Wien sieht man, wie wichtig dieses Buch ist. Das Duo schreibt: "Die meisten europäischen Islamverbände und -vereine sind sich, sosehr sie den Terror auch verurteilen, insofern mit den Gewalttätern einig, als sie eines ihrer Ziele teilen: die Verhinderung einer öffentlichen und kritischen Debatte über den Islam." Diese Debatte scheint noch immer nicht möglich, ohne dass der Vorwurf der "Islamophobie" auftaucht, und die österreichischen Islamverbände verpassen schon wieder die Gelegenheit, ein Aggiornamento zu führen (das gilt auch für die Angriffe in deutschen Bahnhöfen in der Silvesternacht!).

Ein Jahr später

Die Autoren zitieren Carla Amina Baghajati, Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft, die zu dem Film von Geert Wilders über den Islam 2008 in einer Tageszeitung erklärte, der Film könnte zu "emotionalen Reaktionen" führen; daher sollte man den Film verurteilen. Für die dänischen Mohammed-Karikaturen war es genauso, Scholz und Heinisch stellen Folgendes fest: "Es scheint nicht nur eine Hand voll Terroristen der Meinung zu sein, eine Zeichnung sei ein größeres Verbrechen als der Einsatz von Bomben und Sturmgewehren gegen Karikaturisten (...)". Noch hat aber niemand eine Gewalttat gegen Muslime verübt, nachdem sie oder er eine Zeichnung in Charlie Hebdo gesehen hat.

Wer glaubt, dass diese Gewalt aus einem Teil der muslimischen Gemeinde nur das Ergebnis von Provokation ist, irrt sich, und das Schweigen seitens der Vertreter dieser Gemeinde tut weh. Die Autoren hatten gerade noch Zeit, eine Seite am 15. November hinzuzufügen, nachdem es die Massentötungen in Paris gegeben hatte. "Der islamistische Terror in Westeuropa wird nicht durch Karikaturen provoziert, er ist der Hass auf die freie pluralistische Gesellschaft, auf unsere Art zu leben, der die Attentäter antreibt." Erst wenn man die Religionsfreiheit als Konsequenz der Meinungsfreiheit betrachten wird, wird man Charlie "mit" und nicht mehr "versus" Mohammed erleben können. (Jérôme Segal, Album, 24.1.2016)

  • Charlie sein – ein Jahr später, beispielsweise bei den Gedenkfeiern in Paris.
    foto: apa/afp/pool/yoan valat

    Charlie sein – ein Jahr später, beispielsweise bei den Gedenkfeiern in Paris.

  • Nina Scholz, Heiko Heinisch"Charlie versus Mohammed – Plädoyer für die Meinungsfreiheit"EURO 13,30112 Seiten. Passagen-Verlag, WienDezember 2015
    foto: verlag

    Nina Scholz, Heiko Heinisch
    "Charlie versus Mohammed – Plädoyer für die Meinungsfreiheit"
    EURO 13,30
    112 Seiten. Passagen-Verlag, Wien
    Dezember 2015

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