Schweizer Aktivist: Das Grundeinkommen würde uns in eine Sinnkrise führen

Interview24. Jänner 2016, 08:19
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Seit Jahren kämpft er für das Grundeinkommen: Daniel Häni erklärt, wieso dem Menschen nichts Besseres passieren könne als eine persönliche Sinnkrise

STANDARD: Sie setzen sich seit langem für das bedingungslose Grundeinkommen ein. Warum?

Häni: Ich bin selbst Unternehmer und weiß, dass es eine Riesenchance ist, Menschen in ihrer intrinsischen Motivation anzusprechen. Die Zeit ist vorbei, wo die Menschen schwere, harte Arbeit machen müssen. Die Roboter sind da. Jetzt müssen wir nur mehr begreifen, dass wir Menschen trotzdem ein Einkommen brauchen. Das Grundeinkommen ist die humanistische Antwort auf den technischen Fortschritt.

Die ungekürzte, nicht bearbeitete Version des Interviews.

STANDARD: Worüber stimmt die Schweiz genau ab?

Häni: Wir stimmen über den Grundsatz ab, ob wir ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle einführen wollen – so hoch, dass man menschenwürdig davon leben kann -, nicht über Details. Es wäre sehr überraschend für die konservative Schweiz, wenn sie die Initiative auf Anhieb annehmen würde.

STANDARD: Was würde so ein Grundeinkommen mit den Menschen machen?

Häni: Es würde den Einzelnen in seiner Persönlichkeit und seiner Entscheidungsfreiheit stärken. Es ist eine Initiative für mehr Selbstbestimmung und bedeutet natürlich auch eine Machtumverteilung, daher auch die Gegnerschaft. Wenn die Menschen freier entscheiden können, wofür sie sich einsetzen, ist das vielleicht nicht allen genehm.

STANDARD: Zunächst würden aber auch Menschen in eine Krise fallen, wenn sich der Tag plötzlich nicht mehr um den Erwerbszwang dreht.

Häni: Ich bin überzeugt, dass das passieren wird. Es wäre aber eine konstruktive Krise. Etwas Besseres kann uns nicht passieren, als in so eine Krise geführt zu werden: Wer bin ich eigentlich? Was will ich eigentlich tun?

STANDARD: Wozu sollte man denn auch wohlhabenden Menschen ein Grundeinkommen auszahlen?

Häni: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir sind nicht mehr im 19. Jahrhundert, wo die Wohlhabenden den Ärmeren helfen und damit eine feudale Machtgeste ausüben. Denn da finden Entmächtigung und Stigmatisierung statt. Ganz zentral beim Grundeinkommen ist, dass es von allen kommt und für alle ist.

STANDARD: In Europa kümmert sich doch jetzt bereits die Allgemeinheit um Kranke, Bedürftige und Alte.

Häni: Ja, aber der Staat übt diese feudale Geste aus. In der Schweiz beziehen die Menschen 60 Prozent der Sozialleistungen nicht. Da stimmt etwas mit den Bedingungen nicht. Die nehmen das nicht, weil sie das in ihrer Kraft lähmt. Die Aufgabe der Gemeinschaft ist es aber doch, dass der Einzelne zu Kraft kommt. Das ist die Innovation das Grundeinkommens: Dass man mal aufhört mit den Bedingungen, dass die einen sagen, was für die anderen gut ist. Das heutige System wurde vor 150 Jahren erfunden, wir brauchen dringend eine Reform, und zwar eine große.

STANDARD: Ihr Modell mit 2500 Franken im Monat würde 200 Milliarden kosten, ein Drittel des Schweizer BIPs. Wie soll das gehen?

Häni: Das Grundeinkommen ist kein zusätzliches Einkommen. Denn man muss kein neues Geld auftreiben. Es geht nur darum, dass der Sockel aller bestehenden Einkommen bedingungslos wird. Die wirkliche Finanzierungsfrage ist, ob die Menschen durch eine bedingungslose Existenzsicherung untätig werden.

STANDARD: Sie glauben, nein?

Häni: Es geht darum, dass man einen Knoten im Kopf löst. Dass man nicht könne, weil man etwas anderes tun müsse, ist eine der häufigsten Ausreden. Menschen werden faul, wenn sie etwas tun müssen, das sie eigentlich nicht wollen. Sie sind frustriert, sehen keinen Sinn, und daraus entsteht dann Faulheit. Sie ist also eine Folge des heutigen Systems. Dass das Grundeinkommen rein vom Geld her finanzierbar wäre, ist keine Frage.

STANDARD: Vorausgesetzt, die Wirtschaftsleistung bricht nicht ein. Selbst wenn sie konstant bleibt, kommt man schnell auf eine Staatsquote von 70 Prozent.

Häni: Ja, ein Drittel wäre das Grundeinkommen für alle, das zweite Drittel die anderen Staatsausgaben, das letzte Drittel dann das private Konsumgeld.

STANDARD: Was halten Sie von einer Verkürzung der Arbeitszeit?

Häni: Das ist doch sehr unintelligent. Wenn die Menschen arbeiten wollen, sollte man nicht diesen Willen begrenzen und dann darin Gerechtigkeit sehen. Ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass wir in den nächsten Jahrzehnten ein Grundeinkommen sehen werden. Eventuell schaffen wir es hier in Europa. Hier haben wir natürlich immer das Problem der Moral. Wir denken die Leute sind zu faul. Deshalb wird es vielleicht in den USA zuerst eingeführt, die können viel pragmatischer denken. Schauen Sie in der Geschichte zurück: Früher mussten wir das Wasser am Dorfbrunnen holen. Dann kam irgendein so ein Schlauer auf die Idee, man könnte doch Leitungen bauen, überall dorthin, wo es Wasser braucht. Dann gab es riesige Debatten, wer kontrolliert denn das, können nicht die Leitungen kaputt gehen, geht nicht das soziale Miteinander auseinander, wenn wir uns nicht mehr am Dorfplatz treffen? Naja und seit es das gibt, ist es eine Selbstverständlichkeit. Beim Grundeinkommen wird es ähnlich sein. (Andreas Sator, 24.1.2016)


Zur Person

Daniel Häni leitet das "unternehmen mitte", ein Kaffeehaus und Coworking Space, und ist Mitbegründer der Initiative Grundeinkommen und einer von vielen Köpfen hinter der Schweizer Volksabstimmung.

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Sozialstaat aus der Gießkanne – eine Idee wird salonfähig

Links

  • Häni will die Menschen vom Arbeitszwang befreien.
    foto: ho

    Häni will die Menschen vom Arbeitszwang befreien.

  • Der Schweizer bei der Vorbereitung einer PR-Aktion für das Grundeinkommen. 2013 schütteten die Aktivisten Millionen Münzen am Berner Bundesplatz aus.

    Der Schweizer bei der Vorbereitung einer PR-Aktion für das Grundeinkommen. 2013 schütteten die Aktivisten Millionen Münzen am Berner Bundesplatz aus.

  • Artikelbild
    illustration: armin karner
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