Flüchtlings-Hotspot Lesbos: "Nach einigen Tagen weg"

Interview23. Jänner 2016, 08:57
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Bei der Überfahrt von der Türkei Richtung Lesbos erfroren drei Bootsflüchtlinge – Lidwina Dox vom Roten Kreuz ist vor Ort

Mytilini/Wien – Lidwina Dox koordiniert für das Rote Kreuz die Hilfe für Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos. Diese Woche endete die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland für zwei Frauen und einen Buben infolge der Minusgrade tödlich. Auf Lesbos befindet sich der erste sogenannte Hotspot zur Registrierung von Migranten an der EU-Außengrenze. Derzeit kommen dort nach Angaben des Roten Kreuzes jeden Tag im Schnitt zehn bis 15 Flüchtlingsboote an.

Dox erzählt im STANDARD-Gespräch von den Folgen des Wintereinbruchs auf der Insel, von Fähren, die wegen zu starken Sturms nicht fahren können und von der derzeit binnen weniger Tage erfolgenden Registrierung der Ankommenden auf der Insel.

foto: reuters/giorgos moutafis
Im Schnitt erreichen zirka zehn bis fünfzehn Boote pro Tag die griechische Insel. Dieses Schlauchboot kam am Freitag an.

STANDARD: Diese Woche starben drei Menschen, darunter ein fünfjähriger Bub, auf der Überfahrt von der Türkei nach Lesbos wegen Unterkühlung. Die Türkei meldete zudem zwölf Tote an der Küste. Wie erleben Sie als Rot-Kreuz-Koordinatorin derzeit die Lage auf Lesbos?

Dox: Jetzt ist wirklich der Winter eingebrochen. In den vergangenen Tagen hatten wir öfters Schneefall. Der Schnee blieb liegen. Es gab zuletzt auch heftigen Regen und Wind. Wenn Boote in der Türkei losgeschickt werden, dürfen die Menschen nichts mitnehmen oder müssen es von Bord werfen, damit das Boot es hinüberschafft. Sie kommen also mit nichts als dem, was sie anhaben, und vielleicht mit Dokumenten und Geldbörse. Die Überfahrt ist aufgrund des Wetters zum Teil aber ziemlich lang. Heute (Freitag, Anm.) haben wir einen sonnigen Tag, aber in den letzten Tagen war es das Gegenteil – etwa, als der Bub starb. Es gab auch Tage ohne Ankünfte, weil das Wetter keine Überfahrt erlaubte. Ich gehe davon aus, dass jede Situation genutzt wird, um Leute auf Boote zu setzen.

STANDARD: Laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sind nun mehr Frauen und Kinder unterwegs als Männer. Wie erleben Sie das?

Dox: Nach meiner Beobachtung sind es etwas mehr Frauen und Kinder als bisher, aber insgesamt immer noch mehr Männer.

STANDARD: Auch sexuelle Übergriffe auf Frauen auf der Flucht soll es geben. Haben Sie davon gehört?

Dox: Das ist ein Themenbereich, mit dem ich momentan nicht konfrontiert werde. Wir vom Roten Kreuz beschäftigen uns derzeit mit der Rettung aus dem Wasser, Erster Hilfe, Versorgung, Patrouillen in den Camps und erster psychosozialer Hilfe. Ich selbst koordiniere unsere Aktivitäten auf Lesbos innerhalb des Roten Kreuzes und mit anderen NGOs.

STANDARD: Lesbos hat den ersten Hotspot der EU zur Registrierung von Flüchtlingen. Wie funktioniert dieser aus Ihrer Beobachtung?

Dox: Es läuft folgendermaßen ab: Nach der Ankunft am Strand kommen Helfer, geben den Menschen Decken und bringen sie in beheizte Zelte, wo sie erstversorgt werden, wo aber nicht übernachtet wird. Mit Bussen kommen sie dann in den Hotspot Moria – ein großes Camp mit für den Winter vorbereiteten Zelten. Dort warten sie auf ihre Registrierung. Es wird Essen ausgegeben, und wir verteilen zusätzlich Hygieneartikel und Kleidung. Nach der Registrierung ziehen die Menschen zu den Fähren. Die Flüchtlinge wissen zum Teil bei ihrer Ankunft nicht einmal, wo genau sie sich befinden. Gestern war einer ganz verblüfft zu erfahren, dass er auf einer Insel ist. Es kam zuletzt vor, dass die Fähren Richtung Festland nicht oder unregelmäßig fuhren. Letzten Sonntag warteten einige Hundert Flüchtlinge am Hafen und wollten nicht zurück in die Camps, wegen schlechten Wetters fuhren die Fähren aber nicht. Dixi-Klos fielen im Sturm um. Wir mussten die Leute dort spontan versorgen. Die Wintereinbrüche bringen immer wieder neue Herausforderungen.

STANDARD: Wer wird beim Hotspot abgewiesen, und wie läuft das ab?

Dox: Dazu kann ich leider nichts sagen, da fehlt mir der Einblick.

STANDARD: Und die Registrierungen laufen ohne Verzögerungen?

Dox: Nach meinen Informationen gibt es derzeit keine langen Wartezeiten. Einige sind nach ein, zwei Tagen weg, andere nach einigen Tagen.

STANDARD: Dringen Informationen wie zum Beispiel Österreichs Regierungsbeschluss einer Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen bis zu den Ankommenden auf Lesbos durch?

Dox: Das kann ich nicht beantworten. Aber ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen. (Gudrun Springer, 23.1.2016)

  • Lidwina Dox (42) ist seit dem Tsunami 2005/05 immer wieder international für das Rote Kreuz unterwegs. Seit Jahresbeginn befindet sie sich auf Lesbos, wo sie die Hilfe koordiniert.
    foto: antje mengel

    Lidwina Dox (42) ist seit dem Tsunami 2005/05 immer wieder international für das Rote Kreuz unterwegs. Seit Jahresbeginn befindet sie sich auf Lesbos, wo sie die Hilfe koordiniert.

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