Nylonradler und Mottenlöcher: Perfektion ist in Paris out

25. Jänner 2016, 12:09
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Auf der Suche nach Männerbildern fischen die Pariser Designer in der Vergangenheit. Und zelebrieren genüsslich das Unperfekte und das Unfertige. Den Skinnies wird nebenbei auch abgeschworen

foto: dries van noten

Mehr als 15 Jahre hat Dries Van Noten warten müssen, bis er den Zuschlag für das Opernhaus Palais Garnier als Showlocation bekam. Die Ausdauer hat sich gelohnt, der Designer schickte seine Models auf einen psychedelischen Modetrip. Pfauenmuster, goldene Applikationen, Farb- und Musterverläufe waren von Wes Wilsons Sixties-Postern inspiriert. Van Noten verschränkte sie mit militärischen Elementen: mit breiten Cargohosen, dekonstruierten Admiralsuniformen, Militärstiefeln und Shorts, die über Leggings getragen wurden. Es sieht aus, als hätten die Pariser Anschläge auch die Mode nicht kaltgelassen.

foto: apa/afp/patrick kovarik

Bei Louis Vuitton trifft das alte auf das neue Paris. Designer Kim Jones ließ sich diesmal nicht von fremden Welten inspirieren, sondern kehrte vor der eigenen, der Pariser Haustür. Die französischen Vergangenheit und Gegenwart vermengt Jones: Hier ein bisschen Jean Cocteau, da ein wenig Schmuck à la Baron de Redé, entstanden in Kooperation mit Jade Jagger, heraus kommt eine elegante Kollektion – vom Halstuch bis zur Baskenmütze.

foto: apa/afp/francois guillot

Die erste Show nach Raf Simons' Abgang von Dior für das eigene Label? Eine Hommage. Zuallererst an David Lynch, der am Tag der Show Geburtstag feierte, aber auch an den Designer Martin Margiela und die Künstlerin Cindy Sherman, die ewigen Heroen des belgischen Designers. Für seine Kollektion "Nightmares and Dreams" wühlte sich Simons außerdem durchs eigene Archiv – bis hin zu seinen Kollektionen von Anfang der Nullerjahre. Übergroße Daunenjacken, mottenzerfressene Strickpullover in XL, ihn interessiere nicht nur das Schöne, sondern auch die Störmomente, gab Simons zu Protokoll. Denen kann er sich jetzt fürs Erste wieder uneingeschränkt widmen.

foto: apa/afp/francois guillot

Wenn ein Designer demnächst 40 wird, mag das zu Sentimentalitäten animieren: Kris Van Assche, bei Dior seit 2007 für die Männermode verantwortlich, ließ seine Models um Skaterampen herumlaufen. Eine Reminiszenz an die 90er-Jahre, die sich auf dem Laufsteg an den Hosenbeinen ablesen ließ. Denn neben den schmalen, über dem Knöchel endenden Modellen gab's bei Dior Homme breite Skaterhosen zu in den Bund gesteckten Strickpullovern und schmalen Sakkos. Was Karl Lagerfeld in Reihe eins sich bei deren Anblick wohl gedacht hat? Er hatte sich Anfang der Nullerjahre noch in die schmale Dior-Röhre von Hedi Slimane hungern müssen.

foto: apa/afp/francois guillot

Das ist eine Nachricht: Designer Riccardo Tisci, mit Givenchy einer der erfolgreichsten Männermodedesigner in Paris, hat adäquaten Ersatz für seine populären Rottweiler-Motive gefunden: Die Königskobra schlängelt sich über Strickpullover und Bomberjacken. Dazu jede Menge Kapuzenpullover und Nietenelemente, Tisci lässt seine Klientel nicht im Stich. Obenrum klare Ansagen: Die Models tragen ausrasierte Schläfen.

foto: : apa/afp/francois guillot

Die Margiela-Männer müssen tapfer sein: Ohne glänzendes Nylon, einst Synonym für die Mode der 90er-Jahre, ist der kommende Herbst nicht zu bewältigen. Radlerhosen unterm Trenchcoat, Radlerhosen zur Lederjacke, dazu überlange Strickpullover, dekonstruierte Silhouetten. (Anne Feldkamp, 25.1.2016)

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