"The Revenant": Der Atem des Über-Lebens

Userartikel26. Jänner 2016, 13:17
21 Postings

Leonardo DiCaprio verschwindet in der Rolle des Grenzgängers und verwächst regelrecht mit der Natur. Warum sein scheinbar reduziertes Schauspiel Oscar-würdig ist

Akustisch beginnt der Film so wie er endet: Mit den Atemzügen des Hauptdarstellers. Dazwischen liegt ein langer Weg. Der Satz "As long as you can still grab a breath, you fight..." verrät in den ersten Filmminuten worum es sich 2 Stunden und 36 Minuten lang handeln wird: um den Überlebenskampf eines Gebrochenen, den der Regisseur Alejandro González Iñárritu an seine körperlichen und psychischen Limits führen wird und ein Stück darüber hinaus.

Der Film bewegt sich nicht nur fiktiv an überschrittenen Grenzen entlang, auch die Produktionsbedingungen werden in mehrfacher Weise als transzendierend beschrieben. Das Gesamtbudget erhöht sich nach neunmonatigen Dreharbeiten in Kanada (nahe Calgary) und Argentinien um ein gutes ein Drittel. Ein Produzent wird nach Hause geschickt. An manchen Tagen funktionieren die Kameras nicht, weil sie nicht für eine Außentemperatur von bis zu minus 40 Grad Celsius gebaut worden sind.

Dokumentarischer Blickwinkel

Gedreht werden jeden Tag nur eineinhalb Stunden; das ist das einzige Zeitfenster, das in diesen Breiten ein Filmen bei Tageslicht ermöglicht. Während es nicht hell genug ist, werden die nächsten Einstellungen präzise geprobt, um sie nicht zu oft wiederholen zu müssen.

Die Kamera wird nicht nur als Maschine zur Erfassung der Bilder eingesetzt, sondern – so wie auch die Protagonisten – der Wildnis und dem Gräuel des Geschehens ausgesetzt. Die Linse beschlägt durch den Atem der Bärin, sie wird mit Dreck, Schnee, Blut oder Flusswasser bespritzt. Eine kluge ästhetische Entscheidung, die eine weitere Möglichkeit von Intimität und einen dokumentarischen Blickwinkel eröffnet. Sehr versiert positioniert ist auch die Einstellung in einer der letzten Kampfszenen zwischen Glass und seinem Kumpel Fitzgerald in einem Wald, die Fitzgeralds Waffe direkt ins Kinopublikum schießen lässt, um letztlich in einem Baumstamm zu landen.

Starker Kontrast: Poesie versus Gewalt

Nicht nur der Atem begegnet uns als wiederkehrendes Element, sondern auch die direkte Bildsetzung in das Wasser eines Flusses, das unaufhaltsam seinen Lauf nimmt und dramaturgisch an manchen Stellen für einen weich verlaufenden Szenenwechsel eingesetzt wird. Immer wieder schwenkt der Blick in die atemberaubenden Berge, deren ruhige, wenn auch monströse Gelassenheit in Anbetracht der überwältigenden Szenen, Raum geben um Luft zu holen.

Eine einzige emotional unbeschwerte Szene wird Glass entlang seines Überlebenskampfes gestattet: Als er es dem indigenen Heiler, der sich seiner angenommen hat, gleichtut und wie ein Kind seine Zunge in den vom Himmel fallenden Schnee streckt, lacht er das erste – und einzige – Mal im Film.

foto: ap/twentieth century fox
Ein Grenzgänger: DiCaprio als Glass

Ein Grenzgänger zwischen den Kulturen

Leonardo DiCaprio spielt nicht nur einen Kämpfer, der, wenn es um die Sicherheit seines Sohnes geht, in geradezu mütterlicher Weise gleich agiert wie die Bärin, die ihn attackiert und deren Fell er von da an für den Rest des Filmes um sich tragen wird. Man kann seinen Charakter auch als Bindeglied zwischen den westlichen Einwanderern und den indigenen Erstbewohnern lesen.

Er spricht nicht nur die Sprache der Ureinwohner, sondern hat auch Zugang zu dem, was im Film als kulturelles Gut der indigenen Bevölkerung dargestellt wird. Es sind dies Momente von magisch aufgeladenen Visionen, die sich durch die tiefe Verbundenheit zu geliebten Menschen und zur Natur wie raum- und zeitlose Kraftmomente zwischen die gewalttätigen Auseinandersetzungen schieben; begleitet durch Offtext in einer indigenen Sprache, deren phonetische Weichheit eine sehr spezielle Form von persönlicher Nähe erzeugt.

Iñárritu nimmt sich zum richtigen Zeitpunkt eines Stoffes an, der beinahe wie ein Spiegelbild wiedergibt, was die Menschheit heute politisch bewegt. Zitat Elk Dog, ein indianischer Krieger: "You all have stolen everything from us. Everything! The land. The animals." Wir sehen, wie die Ureinwohner Amerikas durch europäische Hand um ihr Land gebracht und geschlachtet werden. Es folgen Korruption und ethnischer Bürgerkrieg. Wir sehen, wie gnadenlos mächtig die Natur uns zu kriechenden Würmern machen kann.

Naheverhältnis zu Tier und Natur

DiCaprio hat ohnehin ein Naheverhältnis zu Tier und Natur. Er engagiert sich mit seiner Stiftung seit 1998 aktiv für Umweltschutz, gegen die Klimaerwärmung und für die Arterhaltung gefährdeter Spezies (leonardodicaprio.org). Bei den US-Präsidentschaftswahlen 2004 unterstützte er den heutigen Außenminister John Kerry mit 20 Reden in elf Bundesstaaten.

1994 wurde er als 19-Jähriger für seine herausragende Rolle in "What's eating Gilbert Grape" erstmals für einen Oscar nominiert. Er wird später über seine Rolle als Arnie sagen: "The most fun I've ever had." Ab "Romeo and Julia" 1996 folgt nur noch sehr hoch budgetiertes Kino. Zuletzt sah man ihn meist in Rollen, deren menschliche Ungeheuerlichkeit oder Abgebrühtheit mit großer Brillanz gespielt wurde, aber dennoch wenige Identifikationsmomente zuließ. Ob in "Django Unchained" als rassistischer Calvin Candie oder als hochkrimineller Jordan Belfort in "The Wolf of Wallstreet". 2015 wurde ihm die Rolle des Apple-Mitgründers Steve Jobs vorgeschlagen, er gab aber "The Revenant" den Vorzug.

Dynamik des Schweigens

Was DiCaprios Schauspiel in "The Revenant" auszeichnet, ist auch die Tatsache, dass er förmlich in der Rolle des Hugh Glass verschwindet. Das liegt nicht nur an der exzellenten Arbeit des Makeup-Departments, in dem insgesamt 31 Personen gearbeitet haben. Man hat sich also gut darum bemüht, den "Großen Gatsby", den "Aviator", den Finanzhai und den Sklavenschänder aus dem Filmgedächtnis des Publikums wegzuschminken. Es liegt auch daran, dass DiCaprio regelrecht mit der Natur verwächst: Er wird zum Boden, zum Fluss, zu den Baumkronen, durch die er in den Himmel blickt. Glass hat als Charakter kaum Dialoge. Meist schweigt er. DiCaprio spielt seine Rolle überwiegend über seine Augen, über den Klang seines Atems oder seines entkräfteten Röchelns.

Wird er dieses Jahr einen Oscar als bester Hauptdarsteller erhalten, weil es um so Vieles spannender ist, mit letzter Kraft aus einem Grab zu kriechen, das dein Kumpel für dich gegraben hat, als in einen Ferrari ("The Wolf of Wallstreet"), der so betrachtet als Grab des Kapitalismus gelesen werden dürfte? (Silvia Ederer, 26.1.2016)

Silvia Ederer, geboren 1972 in Graz, ist bildende Künstlerin, Malerin. Sie beschäftigt sich in ihren Arbeiten unter anderem mit der Cinematographie durch die Mittel der Malerei als Möglichkeit der Umwandlung von Licht in Narration. Arbeiten von ihr sind bisher in der Sammlung der Stadt Wien und der Sammlung der Stadt Graz zu sehen. silviaederer.com

Zum Thema

  • Der Hauptdarsteller verwächst mit der Natur. Er wird zum Boden, zum Fluss.
    foto: ap/twentieth century fox

    Der Hauptdarsteller verwächst mit der Natur. Er wird zum Boden, zum Fluss.

Share if you care.