"Morgen mehr" Roman-Häppchen und "Deppenmagnet" Facebook

23. Jänner 2016, 12:00
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Ein Hilferuf aus dem "digitalen Stalingrad der Vollidiotie", "Like"-Attacken und ein Fortsetzungsroman als innovatives Morgenritual

Leser Monelli huldigt dem Schriftsteller Tilmann Rammstedt in einem Posting: "Sie sind ja wirklich der verdammte King of Cliffhanger." Der Bachmannpreisträger hat wieder einen Text geliefert – den zehnten seit Mitte Jänner. Denn der Verlag macht Druck. Jeden Morgen muss ein neuer Beitrag veröffentlicht werden, auf der Website, via Whatsapp oder E-Mail. Aus den täglichen Häppchen soll schließlich bis Mai ein fertiger Roman werden. Für acht Euro kann jeder mitlesen und kommentieren.

Experiment der Woche

Das Experiment "Morgen mehr" funktioniert. Rammstedt bindet das Publikum ein: "Ich brauche schnell ein Haustier für das nächste Kapitel. Nicht zu skurril. Will jemand seines ins Spiel bringen?" Tuppek postet Mops, Schorschi Schildkröte – im nächsten Kapitel kommt eine Wasserschildkröte vor. Als der Autor einmal zu viel schreibt, bricht auf Whatsapp der Text mitten im Satz ab. Rammstedt "hat das Internet vollgeschrieben", scherzt Verleger Jo Lendle. Es soll Schlimmeres passieren.

Hilferuf der Woche

Hass und Hetze feiern weiterhin fröhliche Urständ' in Social Media. Der Hilferuf der Woche kommt von Sascha Lobo. Der Blogger erklärt im "Spiegel" das deutsche Facebook zum "Deppenmagneten". Um die kaputte Diskussionskultur zu reparieren, ruft er "mindestens durchschnittlich Begabte" auf, ins Netz zu kommen.

Man halte nicht mehr lange durch im "digitalen Stalingrad der Vollidiotie". Indes will Facebook Zivilcourage, Gegenrede und Dialog mit 918.000 Euro fördern. "Like"-Attacken könnten Hass-Seiten mit Toleranz füllen, sagt Managerin Sheryl Sandberg in Davos. So könnte das "Gefällt mir" zur Waffe werden. (sb, 23.1.2016)

  • Das Spiel mit der Schreibblockade: "Morgen mehr" ist keine Ausrede, sondern ein interaktiver Fortsetzungsroman von Tilman Rammstedt.
    foto: tilman rammstedt/carl hanser verlag

    Das Spiel mit der Schreibblockade: "Morgen mehr" ist keine Ausrede, sondern ein interaktiver Fortsetzungsroman von Tilman Rammstedt.

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