Missbrauchsprozess: Der pädophile Papaersatz als Sündenbock

22. Jänner 2016, 12:29
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Ein 59-jähriger Pfadfinderführer soll in 20 Jahren drei Buben missbraucht haben. Er leugnet mit völlig absurden Argumenten

Wien – Das Schlusswort von Robert W. ist gelinde gesagt pathetisch. "Ich bedaure nur, dass ich den letzten Wunsch meines Vaters am Sterbebett nicht erfüllen und meine Mutter pflegen kann. Und ich werde, wenn ich die Möglichkeit bekomme, nach wie vor anderen Menschen helfen." Dass er, wie die Anklage sagt, 20 Jahre lang als Pfadfinderführer mindestens drei Schützlinge missbraucht haben soll, leugnet er dagegen bis zuletzt.

Am zweiten Verhandlungstag des Schöffensenats unter Vorsitz von Andreas Böhm kann man erahnen, was der sexuelle Missbrauch bei den jungen Opfern auslöst. So wird die Einvernahme des ältesten – heute 28-jährigen – Opfers auf Video vorgespielt. Der erzählt, wie das begann, als er sieben, acht Jahre alt war und in der Pfadfindergruppe des Freundes der Familie.

Lockeres Verhältnis

"Er war ein Papaersatz für mich, hat sich meine Probleme angehört", schildert er. "Das Verhältnis war am Anfang wirklich locker." Bis zur Heimfahrt von einem Skiurlaub. "Da hat er mich gefragt, ob ich schon einmal mit meinem Spatzi gespielt habe." Die Fahrt endete in der Wohnung des heute 59-jährigen Angeklagten, wo die Übergriffe begannen.

Als Kind habe er gar nicht begriffen, was vor sich gehe, schildert der junge Mann durchaus glaubwürdig. "Mit elf oder zwölf habe ich dann begonnen, mich unwohl zu fühlen." Er begann Haschisch zu rauchen, mit 13 startete er seinen Ecstasy-Konsum. "Ich war eigentlich nie mehr nüchtern, wenn ich zu ihm gekommen bin."

Praterbesuche und TV-Konsum

Gleichzeitig betont er aber auch, dass etwa ein Drittel der Kontakte durchaus erfreulich war: "Wir sind in den Prater gegangen, haben normal ferngesehen, einfach gemütlich abgehangen."

Mit etwa 15 Jahren beendete er den Kontakt, das erste Mal, dass er jemandem von den Vorfällen erzählte, war im Jahr 2011. Seiner damaligen Freundin, die als Zeugin auftritt.

"Mit ist schon aufgefallen, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Auch, weil er sich nicht anfassen lassen wollte", erinnert sie sich. Nach zwei oder drei Monaten habe er plötzlich im Plauderton erzählt, dass ihn "der Bobby" als Kind missbraucht habe.

Opfer leidet an Borderline-Syndrom

Ihr Ex-Freund habe "sein Leben nicht gepackt", leide auch am Borderline-Syndrom. Als die junge Frau dann über die Festnahme des Angeklagten in der Zeitung las, erkannte sie ihn wieder, ging zur Polizei und machte die Beamten auf die Geschichte ihres Ex-Freundes aufmerksam.

Das Jahr 2011 ist deshalb von Bedeutung, weil sich Robert W. konsequent als Opfer sieht. In diesem Fall gehe es darum, dass er dem jungen Mann in Tranchen mehr als 50.000 Euro geborgt habe und die Zahlungen im Jahr 2013 einstellte. Es gehe also um Rache.

"Weil Sie im Jahr 2013 kein Geld mehr hergeben, soll er seiner Freundin zwei Jahre vorher vom Missbrauch erzählen?", ist Vorsitzender Böhm skeptisch. Der auch wissen will, warum der dem Burschen eigentlich so viel Geld gegeben habe. "Ich wollte, dass er keine Probleme hat", weicht W. aus. "Sie haben ihn also aus Gründen, die Sie nicht beschreiben können, ins Herz geschlossen", konstatiert Böhm.

Angeklagter schüttelt Kopf

Der Angeklagte, der während der Zeugenaussagen immer wieder den Kopf schüttelt, muss überhaupt ziemliches Pech gehabt haben. Denn, wie die Staatsanwältin in ihrem Schlussplädoyer zusammenfasst, alle drei Opfer, die einander nicht kennen, hätten ihn nach seiner Version zum Sündenbock gemacht.

Der eine wegen des Geldes, ein anderer, um von eigenen kriminellen Verfehlungen abzulenken, und der dritte aus Geltungsdrang. Selbst Verteidiger Leonhard Kregcjk, der wacker, aber auf verlorenem Posten agiert, gibt in seiner Schlussrede zu, dass die Sache aus Verteidigersicht durchaus schwierig sei.

Er versucht dennoch Widersprüche aufzuzeigen – die in Wahrheit keine sind. Kregcjk nimmt aber auch Bezug auf einen interessanten Brief, den der Vorsitzende während des Beweisverfahrens erwähnt hat.

Pfadfinder reagierten mit Druck

Den hatte nämlich ein besorgter Vater an die Pfadfinder geschrieben, da ihm der Angeklagte suspekt war. Die Reaktion war subtiler Druck. Dass man sich angesichts der schweren Vorwürfe schon Beweise erwartet hätte, schließlich sei das Rufschädigung. "Da hat es möglicherweise dann Redereien gegeben, und die Kinder denken sich dann ja auch Geschichten aus", mutmaßt der Verteidiger.

Bei einem Strafrahmen von bis zu zehn Jahren fällt der Senat schließlich ein erstaunlich mildes Urteil. Der Unbescholtene muss vier Jahre ins Gefängnis, wobei neun Monate Untersuchungshaft angerechnet werden. Zusätzlich darf er nach der Entlassung fünf Jahre nichts mehr mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Er akzeptiert das nach längerer Beratung mit dem Verteidiger, die Staatsanwältin gibt keine Erklärung ab, daher ist die Entscheidung nicht rechtskräftig.

Interessanterweise wird W. vom zweiten Anklagepunkt, dem Besitz von Kinderpornografie, den er zugibt, freigesprochen. Ein Sachverständiger habe nämlich seine Version bestätigt, dass die wenigen gefundenen Dateien nicht absichtlich, sondern automatisch auf dem Computer und dem Handy gespeichert wurden und außerdem schon mehrere Jahre alt seien. (Michael Möseneder, 22.1.2016)

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