Ein Marshallplan für Syrien kann nicht funktionieren

Blog23. Jänner 2016, 15:45
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Europas Wiederaufbauprogramm nach 1945 ist ein unbrauchbares Modell für Krisenstaaten von heute. Das sollten Schäuble und Co. wissen

Der Marshallplan war das erfolgreichste Hilfsprogramm der Geschichte. Die 13 Milliarden Dollar (heutiger Wert ca. 130 Milliarden Dollar), die ab 1948 von den USA nach Europa flossen, gaben den Anstoß für einen raschen Wiederaufbau, ein jahrzehntelanges spektakuläres Wirtschaftswachstum und die längste Friedensperiode in der Geschichte des Kontinents.

Kein Wunder, das seither immer wieder die Magie des Marshallplans für andere krisengeschüttelte Weltregionen beschworen wird. Der Ruf nach einem Marshallplan gehört inzwischen zum Standardrepertoire von Reden, Konferenzen und Kommentaren: Ein Marshallplan für die Dritte Welt hieß es in den 1970er Jahren, für Afrika heißt es das wieder heute, bei Hugo Portisch und vielen anderen klugen Köpfen.

Zaubertrank der Weltpolitik

Ein Marshallplan für Osteuropa (nach 1989), für die ehemalige Sowjetunion (nach 1991), für Ex-Jugoslawien (nach 1995), für Afghanistan (nach 2001), für Griechenland (nach 2010) – der Marshallplan ist der Zaubertrank der multilateralen Weltpolitik.

Und beim Weltwirtschaftsforum in Davos war es der sonst so nüchterne und sparsame deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, der einen Marshallplan für den Wiederaufbau Syriens und die Nachbarländer forderte.

Marshallplan heißt: Viel Geld

Auffallend ist, dass der Erfolg des ersten Marshallplans sich seither nicht mehr eingestellt hat. Viele führen das darauf zurück, dass die reichen Länder nie wieder so großzügig waren wie damals die USA, die knapp fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung hergegeben haben. Die heutige Entwicklungshilfe ist viel knausriger.

Wer Marshallplan sagt, meint daher: Mehr Geld, sehr viel Geld, und fügt dann meist hinzu, dass dieses Geld natürlich mit strengen Auflagen und klugen Strategien verknüpft werden muss. Aber die Hauptbotschaft ist, dass ein großer Geldregen um ein Vielfaches effektiver ist als ein kleiner.

Europa brauchte keine Entwicklungshilfe

Wer sich ein wenig mit Entwicklungshilfe auskennt, weiß, dass dies ein Unsinn ist. Der ursprüngliche Marshallplan war deshalb so erfolgreich, weil Europa nach 1945 keine Entwicklungshilfe benötigte. Die Empfänger waren hochentwickelte Staaten: Die Institutionen, die Traditionen, die Technologie, das Wissen, sogar das physische Kapital für Wohlstand und Wachstum waren alle vorhanden.

Gebraucht wurde nur Geld für den ersten Wiederaufbau und eine Anstoßfinanzierung, um eine durch Krieg gelähmte Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Kein anderer potenzieller Rezipient eines Marshallplanes hätte diese Voraussetzungen – am ehesten noch Ostmitteleuropa, wo EU-Hilfe tatsächlich funktioniert hat. Aber wenn wenig entwickelte Länder etwa in Afrika sehr viel Geld erhalten, wird es von Verschwendung und Korruption verschluckt – und verschlechtert meist die Wachstumsaussichten sogar.

Westliches Geld kann Syrien nicht flicken

Auch Syrien ist ein schlechter Kandidat für einen Marshallplan. Sollte dort einmal wieder Friede einkehren, dann würden ohnehin wieder Auslandsinvestitionen fließen (in der Region gibt es ja genug Kapital). Aber mit westlicher Finanzhilfe kann der zerbrochene Staat nicht wieder zusammengefügt werden. Er muss das von sich aus schaffen.

Entwicklungshilfe kann die Lebensumstände von einzelnen Menschen und Gemeinschaften zwar verbessern, aber es existiert kein einziges überzeugendes Beispiel und keine Studie, die zeigt, dass sie zu nachhaltigem Wachstum führt – im Gegenteil.

Die größten Empfänger von Entwicklungshilfe sind immer noch bettelarm, und die wirtschaftlichen Erfolgsstaaten der vergangenen Jahrzehnte haben nur wenig Entwicklungshilfe erhalten.

Metapher der illusionären Hoffnung

Das sollte Schäuble eigentlich wissen – und sein Publikum in Davos ebenso. Entweder hat er den Sinn des Marshallplanes nicht verstanden, oder hat – so wie viele andere Politiker – einfach eine Metapher verwendet, um in einer verzweifelten Lage Hoffnung zu machen und Handlungsfähigkeit vorzutäuschen, die es nicht gibt. Ganz nach dem Motto: „Wenn ich nicht mehr weiterkann, verlang ich einen Marshallplan“. (Eric Frey, 23.1.2016)

  • Wolfgang Schäuble sprach in Davos ganz nach dem Motto: "Wenn ich nicht mehr weiterkann, verlang ich einen Marshallplan".
    foto: reuters/sprich

    Wolfgang Schäuble sprach in Davos ganz nach dem Motto: "Wenn ich nicht mehr weiterkann, verlang ich einen Marshallplan".

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