Sportpolitik: Es sterbe der Sport

Analyse24. Jänner 2016, 10:00
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Die Regierungsbildung in Wien und die Regierungsumbildung auf Bundesebene machen klar: kaum politischer Stellenwert für Sport

Weil es immer so war! Anders können sich Peter Schröcksnadel, Leo Windtner, Karl Stoss, Herbert Kocher und Peter Kleinmann nicht erklären, wieso es immer noch so ist. Wieso der Sport bei jeder Regierungsbildung unter den Tisch fällt. Wieso der Sport in Parteiprogrammen, wenn überhaupt, nur am Rande vorkommt. Wieso sich die meisten Damen und Herren Spitzenpolitiker keinen Deut um den Sport scheren.

Schröcksnadel steht dem Skiverband (ÖSV) vor, Windtner dem Fußballbund (ÖFB), Stoss den Casinos und dem olympischen Comité (ÖOC), Kocher der Bundes-Sportorganisation (BSO), Kleinmann dem Volleyballverband – es ist die oberste Sportfunktionärsriege, die sich da empört. "Der Sport wird innenpolitisch ignoriert", regte sich Kleinmann, Speerspitze der Bewegung, unisono mit Schröcksnadel auf, nachdem nur vom alten und vom neuen "Verteidigungsminister" die Rede und Schreibe gewesen war.

Der Sport, ein unausgesprochener Appendix? Kleinmann stellt im Gespräch mit dem Standard fest: "Das ist unser größtes Problem – der Sport wird nicht als innenpolitisches Thema wahrgenommen." Schröcksnadel assistiert: "Sport hat in der Regierung kaum einen Stellenwert."

Weil es immer so war? Vielleicht geht es ja um die Definition. Viele denken bei Sport nur an Spitzensport, an das Fußballteam, an Anna Fenninger und Marcel Hirscher, vielleicht noch an zwei Skispringer, einen Tennisspieler, einen Golfer, maximal an einige Segler. "Sport ist die Bewegung aller", sagt Kleinmann. "Die Bewegung im Kindergarten, in der Schule, Hobby-, Freizeit- und Gesundheitssport, also Breitensport." Und Schröcksnadel: "Sport ist nicht nur Spitzensport. Die Medaillen kommen irgendwann von alleine."

Umkehrschluss: Wenn es kaum noch Schulsport und keine ausreichende Breite gibt, gibt es auch keine Spitze und keine Medaillen – siehe Österreichs (Null-) Bilanz in London, bei den Olympischen Spielen 2012.

Tägliche Turnstunde

Seit Jahr und Tag propagieren Kleinmann und Konsorten die tägliche Turnstunde. Herausgekommen ist immerhin, dass die Politik in dieser Causa über alle Parteigrenzen hinweg an einem Strang gezogen – und sich lächerlich gemacht hat. Nicht nur alle Regierungsmitglieder, sondern alle Nationalratsabgeordneten haben eine Petition für die tägliche Turnstunde unterschrieben, die dennoch nicht eingeführt wurde.

Weil es immer so war? Die tägliche Turnstunde würde 130 Millionen Euro kosten, die das Unterrichtsministerium nicht aufbringen kann oder will, obwohl der Nutzen laut Studien, die Kleinmann zitiert, beinah achtmal so hoch wäre. Das Gesundheitsministerium würde sich Ausgaben in Milliardenhöhe sparen. Kinder und Jugendliche, die sich oft bewegen, müssen selten zum Arzt. Die Bildungsministerin verkündete stolz, dass die tägliche Turnstunde an Ganztagsschulen umgesetzt werde – als würde tägliche Bewegung dort nicht schon seit jeher dazugehören.

Weil es immer so war? Sport bewegt die Österreicher durchaus – zum Beispiel vor den Fernseher. Im Jänner 2015 waren unter den zehn meistgesehenen ORF-Sendungen sieben Sportübertragungen, das Skispringen in Bischofshofen ragte mit 1,59 Millionen Zusehern heraus. Die ORF-Jahresbilanz 2015 liest sich ähnlich, nur der Song Contest in Wien hatte mehr Zuseher als der Damen-Kombi-Slalom bei der Ski-WM. Zwei Sendungen zur Wien-Wahl finden sich noch in den Top Ten, ansonsten nur Sport.

Politiker nützen Kitzbühel, Schladming und das Happel-Stadion als Bühne, geben Adabei-Interviews, hoffen auf Adabei-Fotos. "Viele unserer Politiker sind ja auch selbst durchaus sportlich", sagt Schröcksnadel. "Die laufen, die radeln, die spielen Fußball, die fahren Ski." Aber sich auch politisch für den Sport zu engagieren, dazu ringen sich die wenigsten durch.

In Wien geht das Gerücht, dass sich Andreas Mailath-Pokorny nicht im Zimmer befand, als nach der jüngsten Wahl der Sport vergeben wurde. Jetzt ist der Kultur- auch Sportstadtrat. Vom neuen Minister für "Verteidigung und Sport", Hans Peter Doskozil, weiß man immerhin, dass er Rapid anhängt.

Weil es immer so war! Ein Blick zurück: Von 1918 bis 1985 ist der Sport keinem Ressort namentlich zugeteilt, das ändert sich unter Kanzler Fred Sinowatz mit dem "Ministerium für Unterricht, Kunst und Sport". Seit damals reist der Sport durch Ministerien und Staatssekretariate. Zum Unterricht, zur Gesundheit, zum Bundeskanzleramt, zu Europa, zum öffentlichen Dienst, zur Kunst, zum Sozialen und zur Landesverteidigung gehörte er schon. Ein Wanderpokal. Die wichtigste Nebensache der Welt? Wichtig nicht, Nebensache schon.

Oft hört man, der Sport fühlte sich von Susanne Riess-Passer am besten vertreten. "Sport bringt Wählerstimmen. Und die FPÖ ist leider die einzige Partei, die weiß, was PR und Marketing sind", sagt Kleinmann. "In den Köpfen der meisten Politiker kommt Sport als Subventionsnehmer, aber nicht als sozial-, gesundheits- und integrationspolitische Größe vor", sagt ÖFB-Chef Windtner. Wie Abhilfe schaffen? "Wir müssen lauter werden", die Funktionäre tönen quasi schon im Chor.

2016 ist ein echtes Sportjahr. Kitzbühel, Schladming, Fußball-EM, Olympia. Dann das nächste ORF-Quotenranking. Und irgendwann dazwischen eine Studie, die Österreichs Kinder als zu fett und unbeweglich ausweist. (Fritz Neumann, 24.1.2016)

  • Die Politik nützt den Sport als Bühne. Aber wenn Engagement gefragt ist? Da greift sich der Sport quasi an den Kopf.
    foto: apa / harald schneider

    Die Politik nützt den Sport als Bühne. Aber wenn Engagement gefragt ist? Da greift sich der Sport quasi an den Kopf.

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