Österreichs Misere und die norwegische Zange

21. Jänner 2016, 17:45
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Am Freitag steigt in Kitzbühel der Super-G samt Kombi – also der Druck auf Marcel Hirscher

Kitzbühel – Kaum ist das Vorspiel erledigt, steht auch schon der Saisonhöhepunkt an. Am Freitag heben die 76. Hahnenkammrennen mit dem Super G (11.45 Uhr) und dem abendlichen Kombinationsslalom an. Eine der wesentlichsten Fragen der vergangenen Tage in skialpinen Angelegenheiten wird, wenn auch nur zizerlweise, an diesem Wochenende beantwortet: Fahren die Norweger den Österreichern auch in Kitzbühel um die Ohren, wie sie es zuletzt in Wengen getan haben, als Aksel Lund Svindal, Henrik Kristoffersen und Kjetil Jansrud Abfahrt, Slalom und Kombination für sich entschieden?

"Die Norweger sind stark, das wissen wir", sagt Österreichs Cheftrainer Andreas Puelacher dem STANDARD. "Aber wir haben auch starke Leute mit Marcel Hirscher und Hannes Reichelt. Leider ist unsere Situation mit den vielen Verletzten eine miserable." Mit Max Franz, Abfahrtsolympiasieger Matthias Mayer, Joachim Puchner, Thomas Mayrpeter, Markus Dürager und Daniel Danklmaier fehlen schon sechs Speedpiloten. Und am Donnerstag, im Abschusstraining für die klassische Abfahrt am Samstag, erwischte es Florian Scheiber. Der 28-jährige Innsbrucker verlor nach Schwierigkeiten am Hausberg einen Ski, flog in die Netze und musste mit dem Hubschrauber geborgen werden. Diagnose: Riss des vorderen Kreuzbandes sowie Riss des inneren und äußeren Meniskus im rechten Knie.

Norwegen gilt es zu schlagen

Schnellster der Übung bei guten Verhältnissen war der Italiener Mattia Casse, der mit Startnummer 47 die Streif in 1:56,85 Minuten abfuhr und seinen Landsmann Christoph Innerhofer (0,34 Sekunden) sowie Österreichs Vincent Kriechmayr (1,03) distanzierte. Topfavorit Svindal war Sechster (1,29), Herausforderer Reichelt Zwölfter (1,54).

Bei den Norwegern lief es bisher wie am Schnürchen. Ihre Ausbeute in diesem Winter ist imposant. Zwölf von 19 Rennen gehen auf ihr Konto. Das Erfolgsrezept klingt einfach: "Wenn man richtig trainiert und vor allem schon im Sommer sehr viel Ski fährt, dann hat man gute Möglichkeiten, erfolgreich zu sein", sagte Svindal.

Einer gegen drei

Aus österreichischer Sicht würde es ohne Hirscher eher trist aussehen, hat doch der 26-jährige Salzburger allein für sämtliche Saisonsiege gesorgt, nämlich fünf. Mit vier Abfahrtssiegen und zwei Super-G-Erfolgen ist Svindal die aktuelle Nummer eins im Weltcup (816 Punkte). Der viermalige Gesamtsieger Hirscher liegt zwar nur 15 Punkte zurück, spürt aber den vierfachen Slalomsieger Kristoffersen (671) und auch noch Jansrud (533) im Nacken.

Svindal sieht Hirscher dennoch wieder in der Favoritenrolle: "Er ist gut genug für drei Norweger. Man muss ihm schon den richtigen Respekt zollen." Hirscher allerdings wirkte nach seinem Ausfall in Wengen mental angeschlagen: "Kann sein, dass alles vorbei ist. Slalomkugel weg, Gesamtweltcup weg." Nun sagte er: "Es wird schwierig. Das Rechnen interessiert mich gerade ganz und gar nicht. Ich habe mich schon stärker gefühlt."

Arbeiten und Tüfteln

Noch stehen 26 Rennen aus, Hirscher hat alle Chancen, zu seinem fünften Gesamtsieg en suite zu carven. Das weiß auch Puelacher: "Er hat oft genug seine Nervenstärke bewiesen. Seine größte Herausforderung ist es jetzt, das Setup wieder so hinzubringen, dass er im Slalom richtig schnell fahren kann." Hirscher gilt als akribischer Arbeiter und Tüftler. Trotz des straffen Programms sind für Puelacher keine Verschleißerscheinungen bemerkbar. "Er liebt ja eigentlich diesen Kampf, auch wenn er es nicht zugibt. Und für uns ist es interessant."

Hirscher wird in Kitzbühel im Super-G und der Kombi dabei sein. "Ziel sind zunächst die Top 30." Im Kombislalom lautet seine Devise "All in". Puelacher: "Es ist alles im grünen Bereich." Zunächst jedoch spielt es sich in Kitzbühel ab. Leichte Sorgen bereitet die Wetterprognose. Just am Samstag soll eine Störung durchziehen. Für Freitag und den Slalomklassiker am Sonntag auf dem Ganslern werden gute Verhältnisse vorhergesagt, Vorspiel hin, Höhepunkt her. (Thomas Hirner, 21.1.2015)

  • Hannes Reichelt, der die Kitzbüheler Abfahrt 2014 gewann und auch heuer Österreichs Hoffnungen trägt, kam im Abschlusstraining auf Rang zwölf: "Phasenweise war es okay", sagte der 35-jährige Salzburger.
    foto: apa/techt

    Hannes Reichelt, der die Kitzbüheler Abfahrt 2014 gewann und auch heuer Österreichs Hoffnungen trägt, kam im Abschlusstraining auf Rang zwölf: "Phasenweise war es okay", sagte der 35-jährige Salzburger.

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