Indien: Der Fluch der "Unberührbaren"

22. Jänner 2016, 07:00
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Der Suizid eines Studenten hat in Indien eine Protestwelle ausgelöst. Die Opposition wirft Regierungsvertretern vor, den 26-Jährigen in den Tod getrieben zu haben, da er der untersten Kaste angehöre und sich mit ihrer Studentenunion angelegt habe

Neu-Delhi – Der Suizid eines Studenten in der südindischen Stadt Hyderabad ist zum Politikum geworden und sorgt seit Tagen für wütende Proteste. Studentenverbände und Opposition werfen Uni-Leitung und Ministern der Regierungspartei BJP vor, den 26-jährigen Rohith Vemula in den Tod getrieben zu haben. Die Polizei ermittelt gegen den Uni-Vizekanzler und gegen Arbeitsminister Bandaru Dattatreya. Am Donnerstag legten zehn Professoren ihre Ämter nieder und schlossen sich den Protesten an.

Vemula war einer von Indiens 180 Millionen Dalits. Bis heute stehen Dalits, früher als "Unberührbare" beschimpft, am unteren Ende der Kastenhierarchie. Vemula arbeitete an seiner Doktorarbeit in Soziologie, als die Universität ihm im Dezember den Zutritt zu ihren Einrichtungen verbot – angeblich weil er einen anderen Studenten verprügelt hatte. Am Sonntag nahm er sich das Leben.

Vorwurf, kritische Gruppen mundtot zu machen

Die Demonstranten werfen der Uni-Leitung und BJP-Politikern vor, die Vorwürfe gegen Vemula aus politischen Motiven fabriziert zu haben. Der 26-Jährige war Aktivist der Dalit-Organisation Ambedkar Students' Association (ASA), die gegen Diskriminierung kämpft. Vergangenes Jahr kam es zu Konflikten mit der rivalisierenden Studentenunion Akhil Bharatiya Vidyarthi Parishad (ABVP) von der Regierungspartei BJP.

Der lokale ABVP-Präsident Sushil Kumar bezichtigte Vemula und vier andere ASA-Mitglieder, ihn krankenhausreif geprügelt zu haben. Die Universität untersuchte den Vorfall und sprach die fünf Dalit-Aktivisten zunächst frei. Angeblich intervenierte Arbeitsminister Bandaru Dattatreya daraufhin beim Bildungsministerium. Im Dezember erklärte der Vizekanzler der Uni die fünf Dalit-Studenten dann plötzlich für schuldig.

Er verbot ihnen den Zutritt zu Wohnheimen, Mensa und Bibliothek – gleichbedeutend mit dem Ende von Vemulas Karriere, der seinem Leben nun in seinem Zimmer ein Ende bereitete. Und das wird zusehends zum Problem für Indiens Regierungschef Narendra Modi. So nährt der Fall Vorwürfe, dass die BJP-Regierung versucht, kritische Studentengruppen politisch mundtot zu machen.

Dagegen warf Bildungsministerin Smriti Irani der Opposition vor, den Konflikt zu einem "Kastenkampf" zu stilisieren, um politisch zu punkten. "Dies ist keine Dalit-gegen-Nicht-Dalit-Frage, wie es einige darstellen, um Stimmung zu machen", sagte sie. Die Kontroverse kommt der BJP äußerst ungelegen. Die Hindu-Partei möchte sich gerne als Volkspartei profilieren, die auch für Dalits attraktiv ist.

"Das Leben ist ein Fluch"

In seinem Abschiedsbrief bezichtigt Vemula zwar niemanden, schreibt aber offenbar mit Blick auf seine Kaste: "Für einige Menschen ist das Leben selbst ein Fluch." In den sozialen Medien kursiert zudem ein weiterer mutmaßlicher Brief, in dem er von Verfolgung auf dem Campus spricht. Darin bittet der 26-Jährige den Vizekanzler seiner Uni zynisch, Dalit-Studenten doch gleich Gift oder ein Seil zum Erhängen zu geben. (Christine Möllhoff, 22.1.2016)

  • Studenten protestieren im indischen Hyderabad, nachdem sich der 26-jährige Rohith Vemula das Leben genommen hat.
    foto: afp / noah seelam

    Studenten protestieren im indischen Hyderabad, nachdem sich der 26-jährige Rohith Vemula das Leben genommen hat.

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