"Familie Tót": Erholungsurlaub als Psychoterror

21. Jänner 2016, 16:03
posten

Gelungene Auftaktproduktion des neugegründeten Kulturvereins migrationshintergrund.am.arsch

Mit Spucke am Schürzenzipfel putzt die Mutter Tót (Constanze Passin) das Bild des Buben. Er dient an der Front und die Familie hofft, es möge ihm wohl ergehen. Dafür ist sie bereit, einiges auf sich zu nehmen. Etwa sich dem Major seiner Truppe als Destination für den Heimaturlaub anzudienen. Paranoid und PTBS-geplagt erholt er (Suse Lichtenberger) sich beim Schachtelnfalten, kostet dabei die Tóts jedoch langsam aber sicher den Schlaf und den letzten Nerv.

Familie Tót von István Örkény ist seit 1967 ein Klassiker der ungarischen Dramenliteratur. Der neugegründete Kulturverein migrationshintergrund.am.arsch (MAA) holt in seiner Auftaktproduktion das Stück erstmals nach Österreich und ganz nah an die Gegenwart.

Denn den letzten Nerv kostet viele auch Viktor Orbáns Politik. Vordergründig stellt den Konnex zum Ministerpräsidenten ein Ungarischkurs an der VHS her. Da fallen explizite Kommentare zur aktuellen Situation im Land, zum ungarischen Andreas Gabalier und zur Presseunfreiheit. Auch der Senkgrubenausräumer merkt, da ist die Kacke am Dampfen.

Postler mit Gutdünken

Hintergründiger erweist sich das Arrangement in der Figur des Postlers (Julia Schranz), der den Tóts nach Gutdünken Telegramme zustellt – oder aufisst. Selbstmächtig nimmt er ihnen mit der Information auch die Freiheit. Doch wie sollten sie das bemerken?

Davon unbehelligt treiben sie also die Tragikomödie voran. Der Tochter (Anna Kramer) schwillt der Busen immer näher an den des Majors, der ihre Auffassungsgabe so lobt. Der Vater, Feuerwehrhauptmann Tót (Claudia Kottal) verzweifelt an Schlaflosigkeit, die Mutter an den neu gewonnenen Kilos, über deren Zunahme beim aufzupäppelnden Gast sie sich andererseits so freut.

Hochlustig, aber jederzeit ernst gemeint ist die Inszenierung von Imre Lichtenberger. Stark auch dank der Spielfreude des Ensembles. Mit selbstgemachten Tierstimmen und Livemusik von Rina Kaçinari gewinnt das Setting am Tannenwald zusätzlich Gestalt. Ein Vergnügen! (wurm, 21.1.2016)

Wien, Off White Box, 23., 26., 27., 30. und 31.1, jeweils 19.30

  • Mutter (Constanze Passin), Vater (Claudia Kottal), Schwester (Anna Kramer), Postler (Julia Schranz) und Livemusik erwarten den Major zum Erholungsurlaub zwischen Tierstimmen, Tannenwald und Senkgrube.
    foto: stefan smidt

    Mutter (Constanze Passin), Vater (Claudia Kottal), Schwester (Anna Kramer), Postler (Julia Schranz) und Livemusik erwarten den Major zum Erholungsurlaub zwischen Tierstimmen, Tannenwald und Senkgrube.

  • Suse Lichtenberger (li.) als der Major
    foto: stefan smidt

    Suse Lichtenberger (li.) als der Major

Share if you care.